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Ost und West · 1916-01-01 · Heft 1 (Januar 1916) · p. Seite 5 - 6

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 1 (Januar 1916)
Article
Kriegspsychose und öffentliche Meinung
Date
1916-01-01
Page
Seite 5 - 6 (sequence 3)
Language
German
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5 Kriegspsychose und öffentliche Meinung 6 kümmern. Sie hegten die besten Hoffnungen. Sicherlich! Nur ist es merkwürdig, daß seit Beginn der Intimität zwischen Frankreich und Rußland, insbesondere seit der Thronbesteigung des großen Franzosenfreundes und Deutschenhassers Alexander III., die Pogrome immer häufiger und blutiger, die Verfolgungen immer erbarmungsloser wurden. „Die französische Revolution hat die Juden des Westens befreit, der Sieg der Verbündeten wird die Juden des übrigen Europa befreien/' versichert das Zentral-Konsistorium. „Als Söhne des uralten Judentums erwarten wir mit Vertrauen den Triumph der Gerechtigkeit/' schließt der Aufruf. Auch wir sind Söhne des uralten Judentums, und erwarten ebenfalls mit Vertrauen den Triumph der Gerechtigkeit. Aber die Gerechtigkeit wohnt nicht bei jenen Staaten, für deren Politik Haß, Knechtung und Unterdrückung des Schwächeren maßgebend sind. Aufruf des französischen Zentral-Konsistoriums. „Wir Israeliten, die wir während Jahrhunderten Opfer der Ungerechtigkeit und der Verbannung des Rechts gewesen sind, wir haben die Berufung, mehr als alle anderen im Namen der ewigen, durch die Propheten verkündigten Gesetze die Vergewaltigung zu verurteilen, die unserem Lande zugefügt wird. Der gegenwärtige Krieg ist dem friedlichen Frankreich aufgezwungen worden. Um seinem demokratischen Ideal des Friedens und der Arbeit treu zu bleiben, hat es wiederholt Drohungen und Aufreizungen eines unversöhnlichen Gegners erfahren, der darauf ausging, es aus der Reihe der großen Nationen zu streichen. Brutal angegriffen, kämpft es heute für sein Dasein, seine Freiheit und die der Völker, die mit ihm verbunden sind. Israeliten der neutralen Länder! Könntet Ihr ohne Schmerz und Angst die Schmähung einer sittlichen Macht, deren Wohltaten Ihr erfahren habt, mitansehen? Ihr wißt es, daß wir den Umsturz der durch Jahrhunderte der Bedrückung) hindurch gegen die Israeliten errichteten und aufrecht erhaltenen Scheidewände dem Frankreich des 18. Jahrhunderts schulden! Nach seinem Beispiel, unter den Ausstrahlungen seines Geistes, haben die anderen Nationen nach und nach den Israeliten Menschen- und Bürgerrechte gewährt. Die internationalen Gebräuche verbieten Euch, an seiner Verteidigung teilzunehmen. Aber die Dankbarkeit, die Ihr Frankreich schuldet, und die Ihr ihm sicherlich weihet, legt Euch die Pflicht auf, die Wahrheit über die Ursache, den Ursprung •und Charakter dieses schrecklichen Krieges zu verbreiten, gegen eigennützige Lügen zu protestieren, die Vergewaltigung der Kriegsgesetze mitzuteilen, die durch einen Gegner begangen werden, für welchen die Gewalt allein das Recht schafft und zerstört. Erinnert Euch, was das Jahr 1870 dem Judentum zugefügt hat. An die Stelle der Lehren von der Emanzipation und der Brüderlichkeit, welche die französische Revolution verbreitet hatte, versuchte das siegreiche Deutschland eine Lehre des Hasses und der Brutalität zu setzen. Seine Hochschulen arbeiteten im Namen einer verfälschten Wissenschaft eine Rassentheorie aus, die im Antisemitismus mündete. Der Deutsche als der authentische Erbe des arischen Blutes, sollte mit aller Kraft dessen Reinheit bewahren. Der Jude war der hundertjährige Eindringling, den man um jeden Preis ausschließen mußte. Von diesem Entstehungsherde aus verbreitete sich der Antisemitismus über die ganze Erde. Im Westen unterlag er. Im Osten glückte es ihm, zuerst sich einzuwurzeln, aber schon lassen überzeugende Symptome neue Zeiten sehen. Der Sieg der großen freiheitlichen Westmächte, die sich mit Rußland zur Verteidigung des Rechtes verbunden haben, wird sicherlich die Befreiung unserer Brüder in Rußland vollenden. Die französische Revolution hat die Juden des Westens befreit, der Sieg der Verbündeten wird die Juden des übrigen Europa befreien. Es wäre Wahnsinn, ihre Befreiung von einem glücklicherweise unmöglichen Siege zu erwarten, von den vereinigten Kräften der Bedrückung, des antisemitischen Pangermanismus und des preußischen Militarismus. Als Söhne des uralten Judentums^ erwarten wir mit Vertrauen den Triumph der Gerechtigkeit. Das Zentral-Konsistorium der Israeliten Frankreichs." ■* Dieser Aufruf hatte ein seltsames Nachspiel. Ein in Zürich erscheinendes jüdisches Wochenblatt veröffentlichte ihn unter der Angabe, er sei ihm von der „Alliance Israelite Universelle" zugegangen. Es sah aus, als befaßte sich das Bureau des Zentralkomitees der A. J. U. als solches mit der Versendung des Aufrufs. Das wäre nun ein schwerer Mißbrauch gewesen, eine Verletzung des Prinzips der absoluten Neutralität, zu der die „Alliance Israelite Universelle" auf Grund ihrer Statuten verpflichtet ist. In Deutschland, wo die A. J. U. ca. 14 000 Mitglieder zählt, erregte diese Nachricht denn auch allgemeine Entrüstung. Da der Verkehr mit Paris jetzt abgebrochen ist, ließ sich der Sachverhalt nicht feststellen. Inzwischen löste eins der Lokalkomitees (München) sich auf, und überwies die Vereinsgelder statutengemäß einem Wohltätigkeitsverein. Der Vorstand der „Freien Organisation der Alliance Israelite Universelle" in Berlin erließ in der Tagespresse eine ebenso würdige, wie energische Erklärung, in welcher er betonte, daß er einstweilen nicht glauben könne, „daß die Zentrale einer Vereinigung, die lediglich gemeinnützige Zwecke zu verfolgen, mit Politik aber nicht das allergeringste zu tun hat, in schwerer Verletzung der satzungsmäßigen Vorschriften unsere gemeinnützige internationale Gesellschaft den politischen Zwecken eines einzelnen Landes

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