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Ost und West · 1916-01-01 · Heft 1 (Januar 1916) · p. Seite 3 - 4

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 1 (Januar 1916)
Article
Kriegspsychose und öffentliche Meinung
Date
1916-01-01
Page
Seite 3 - 4 (sequence 2)
Language
German
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3 Kriegspsychose und öffentliche Meinung 4 friedlichen Frankreich aufgezwungen" worden sei. Aber man darf wohl fragen, ob Frankreich lediglich „um seiner demokratischen Ideale desFriedens und der Arbeit" seit fünfundzwanzig Jahren sich mit Rußland verband und ihm zwanzig Milliarden lieh? Wo ist die Arbeit im Dienste des demokratischen Friedensideals, die im Verlaufe dieser Zeit geleistet wurde? „Erinnert Euch, was das Jahr 1870 dem Judentum zugefügt hat!", heißt es weiter, und gemeint ist damit der Antisemitismus (der übrigens erst 1879 in Deutschland zum Ausbruch gekommen ist). Wie wäre es, wenn wir den Spieß umdrehen und rufen wollten: Gedenket dessen, was das Jahr 1894 dem Judentum zugefügt hat? Gedenkt des Dreyfusr-Prozesses? Als der deutsche Antisemitismus schon im Erlöschen war, wurde er durch den Dreyfus-Prozeß neu belebt, der bis zum Jahre 1899 die ganze Welt in Atem hielt und die judenfeindlichen Leidenschaften in allen Ländern so kräftig aufgestachelt hat, wie kein anderes Ereignis der letzten fünfzig Jahre. Wir aber erinnern uns lieber der Haltung der Gerechten unter den Franzosen, der Scheurer- Kestner, Zola, Picquart, Jaures und all der anderen, und gedenken dabei der uralten, nie vergessenen jüdischen Lehre, daß schon um eines einzigen Gerechten willen eine ganze Stadt voll Frevler gerettet werden müsse. Wohl wissen wir, daß „von diesem Entstehungsherde (gemeint ist Deutschland) aus der Antisemitismus sich über die ganze Erde verbreitete'', aber wir wissen auch, daß er nirgends so energisch und erfolgreich bekämpft worden ist, wie von den besten deutschen Männern in Deutschland. Es widerspricht der Wahrheit, wenn behauptet wird, Deutschlands „Hochschulen arbeiteten im Namen einer verfälschten Wissenschaft, einei Rassentheorie/ aus, die im Antisemitismus mündete". Die Rassentheorie, die im Antisemitismus mündete, wurde und wird auf Deutschlands Hochschulen immer bekämpft; geschaffen wurde sie von einem Franzosen, dem Grafen Gobineau, und der ihr die besondere Spitze gegen die Juden gab, ist ein geborener Engländer, Chamberlain. Ebensowenig trifft es zu, daß „nach Frankreichs Beispiel, unter den Ausstrahlungen seines Geistes, die anderen Nationen nach und nach den Israeliten Menschen- und Bürgerrechte gewährt haben". In Sachen der Judenemanzipation waren die Franzosen nur gelehrige Schüler des deutschen Geistes, sie verwirklichten damit nur die deutschen Ideen, welche schon von Lessing in seinem Schauspiel „Die Juden" (1747) und im „Nathan" (1779) und indirekt von Herder (Vom Geiste der ebräischen Poesie) vorgetragen wurden. (Etwa hundert Zeilen der geistvollen Rede gegen die Verbrennung 18-jähriger Maranninnen, die Montesquieu in seinen „Esprit des Lois" (1748) eingestreut hat, können doch nicht als Propagandaschrift für die Emanzipation der Juden angesehen werden. Mirabeau war der Jünger Mendelssohns und seines Kreises, der Dohms*), Diez und der Ihrigen. Kein Mensch leugnet die Tatsache, daß Frankreich zuersit die Gleichstellung der Juden gesetzlich festgelegt hat (1791) (es waren übrigens nur eine Handvoll Juden in Elsaß-Lothringen), allein diesen Vorsprung verdankte es dem Umstände, daß es damals schon seit Jahrhunderten staatlich geeint war. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika hatten denn auch schon 1783 die Gleichberechtigung der Juden durchgeführt, und ein Jahr zuvor hatte Kaiser Joseph II. sein „Toleranzedikt" erlassen. Diese beiden Akte sind allein dem von der deutschen Aufklärung ausgegangenen Ansporn zu verdanken. Gleichwohl vergessen wir keineswegs, daß Frankreich mit dem praktischen Beispiel der Judenemanzipation vorangegangen ist. Wie könnte man das vergessen? Schade nur, daß Frankreich selber es vergessen hat. Es hat sich auf Tod und Leben mit Rußland verbunden, welches heute, hundertfünfundzwanzig Jahre nach jenem denkwürdigen 28. September 1791, von dem Geist, der damals in der französischen Nationalversammlung herrschte, mehr als je entfernt ist. Es ist nämlich eine ganz merkwürdige optische Täuschung, wenn die Herren des Konsistoriums uns versichern, „schon lassen überzeugende Symptome im Osten neue Zeiten sehen". Man möchte doch den Herren bloß raten, einen Ausflug nach Galizien oder nach Russisch-Polen und dem übrigen Gebiet zu machen, wo die Russen in der letzten Zeit unter den Juden gehaust haben. So unmenschlich wird keiner sein, um ihnen zu wünschen, sie möchten einmal derartige Symptome einer neuen Zeit am eigenen Leibe erleben. „Der Sieg der großen freiheitlichen Westmächte, die sich mit Rußland zur Verteidigung des Rechtes verbunden haben, wird sicherlich die Befreiung unserer Brüder in Rußland vollenden." Sicherlich! Welch eine beneidenswerte Glaubenskraft. Nun kann man sichs erklären, warum die Herren vom Zentral- Konsistorium all die lange Zeit, seitdem la belle Frande in den Armen ihres östlichen Freundes sich schaukelte, es nicht für nötig gehalten haben, sich beim Verbündeten ihres Vaterlandes um das Schicksal „unserer Brüder in Rußland" zu be- *) Dohms Schrift „Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden" erschien 1781, Mirabeaus „Sur Moses Mendelssohn, sur la reforme politique des Juifs", erschien 1787, ein Jahr nach Mendelssohns Ableben.

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