Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
- Article
- Die Juden in Russland
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 693 - 694 (sequence 5)
- Language
- German
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693 Die Juden in Rußland. 694 zu vermeiden. Das ist, wie es scheint, eine sehr demokratische Maßregel, weil doch den Reichen größere Mittel zur Vorbereitung ihrer Kinder für die Examina zur Verfügung stehen. Gewiß sind Mißbräuche in wiederholten Fällen bekannt geworden, man braucht sich nur der Dinge zu erinnern, die in Odessa passiert sind. Also, der Herr Minister des öffentlichen Unterrichts ist Demokrat! Ich frage mich nur, warum diese Maßregeln nicht in Petersburg angewendet worden sind. Ich muß annehmen, daß dies eine Vernachlässigung seiner Machtstellung als Unterrichtsminister bedeutet. Wie? Er kennt das Geheimnis, die Mißbräuche durch sein geniales System verschwinden zu lassen, und er vernachlässigt die Anwendung dieser heilsamen Maßregeln hier in seiner nächsten Nähe? . . . Deshalb möchte ich glauben, daß man mit den Maßregeln noch nicht zum Ende gekommen ist. Ohne Zweifel beginnt der Stern des Herrn Kasso zu sinken. Man erwartet schon den Aufgang eines neuen Lichtes, des Herrn Smolianinoff aus Odessa, der bereits seit geraumer Zeit Pläne für die vollständige Nationalisierung der Schule vorbereitet. Man darf überzeugt sein, daß diese Pläne bei der augenblicklichen nationalen Strömung großen Anklang finden werden. . . . Diese Strömung ist schließlich schon in die Gerichte eingedrungen. Die Erinnerung an den allzu berüchtigten Prozeß Beilis und das neue Vorkommnis von Fastow mag dafür ausreichen. Alle Welt weiß übrigens, daß man auch in Gerichtskreisen anfängt, Karriere zu machen, wenn man „auf die Juden losgeht".....So ist das Gift des Antisemitismus überallhin, von oben bis unten eingedrungen. Und ich muß noch einmal wiederholen, daß es ohne die absolute Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz keine nationale Freiheit gibt. Man hat den Juden in der Armee eine unerträgliche Stellung geschaffen. Man hat ihnen verboten, sich mit Landwirtschaft und verschiedenen anderen Berufen zu beschäftigen. Man hat sie in ganz Rußland verfolgt und unterdrückt und hat als Grund dafür angegeben, daß sie noch nicht reif seien, dieselben Rechte wie die anderen Bürger auszuüben. Aber wir kennen diese Argumente bereits..... Zum Schluß möchte ich noch allen Juden, die in unserem ungeheuer großen Vaterland zahlreich vertreten sind, zurufen: „Meine Brüder, ihr habt während eures ganzen Lebens viel gelitten, ihr habt viele Beleidigungen erduldet.....Und jetzt fangt ihr an, an dem russischen Volk zu zweifeln. . . . Tut das nicht! Ueberlegt euch, daß der Augenblick vielleicht nicht mehr fern ist, wo das russische Volk alles zu Boden werfen wird, was auf ihm lastet, und ein neues Leben aufbauen, in dem ihr alle volle Freiheit und Gerechtigkeit ohne jede Einschränkung genießen werdet/' (Beifall links, Zurufe und Unruhe rechts.) Ritual-Beschuldigung. Die Aufregung des Publikums über den Prozeß von Kiew hat sich allmählich gelegt und die nicht voreingenommenen Gemüter waren mit dem Freispruch der ehrenhaften Geschworenen vollständig einverstanden, die keinen anderen Einfluß auf sich wollten wirken lassen als die Stimme Ihres Gewissens. Aber in den hohen russischen Kreisen, deren wohlgeschmiedete Machinationen durch die Freisprechung des Beilis zerstört wurden und in der Beamtenwelt, die sich stark gemacht hatte, den ritualen Beweggrund des Mordes zu beweisen, hat der Aerger über die erlittene Niederlage sich in kleinlicher Rache und in ungerechten Verfolgungen Luft gemacht. Journalisten, die die Sache der Wahrheit verteidigt hatten, Advokaten, die sich in ihren Dienst gestellt oder einfach den Mut besessen hatten, ihre Solidarität mit den Verteidigern der Unschuld zu erklären, sind verfolgt und schwer getroffen worden. Wie empörend ist der Ausschluß des Rechtsanwalts Margolin aus dem Anwaltsstand, nur weil dieser Mann sich bemüht hat, einen Justizmord zu verhindern, und ganz unbegreiflich erscheint die Verurteilung von 25 Petersburger Advokaten zu Gefängnisstrafen, weil sie gegen die von der ganzen Welt verurteilte Haltung der russischen Justiz in diesem Prozeß öffentlich protestiert hatten. Selbst der Bruder des Ministers des Innern, der Abgeordnete Maklakoff, hat in der Dumasitzung vom 12. Mai dieses Verhalten in beredten Worten verdammt. Einen Augenblick lang hat die russische Justiz übrigens geglaubt, ihre Revanche nehmen und ein neues Ritualverbrechen feststellen zu können. Schon wurden in der ganzen nationalistischen Presse die phantastischsten Erzählungen über den Mord verbreitet, der von einem Juden an einem Christenkinde in Fastow begangen sein sollte. Wieder mußte sich das Gericht von Kiew damit befassen. Die Angelegenheit hat folgenden Verlauf genommen: Im Februar war in Fastow ein Verbrechen begangen worden. Die Leiche des Opfers, eines jüdischen Jungen namens Jossei Paschkow wurde am Waldessaum in einer Blutlache gefunden und wies tiefe Wunden auf. Nach der Aussage der Spielgefährten des kleinen Jossei war dieser am Abend vorher von einem Mann, anscheinend einem Arbeiter, angeredet worden und hat von ihm zehn Kopeken dafür bekommen, daß er ihn an den Bahnhot begleiten sollte. Der Mann und das Kind sind zusammen fortgegangen und am anderen Tage fand man den Leichnam des Kleinen. Infolge der näheren Angaben der Kinder konnte der Unbekannte, der die Stadt schon verlassen hatte, ein paar Tage später verhaftet werden. Er leugnete natürlich alles, aber er wurde in Haft behalten, weil seine Antezedenzien sich als ziemlich ungünstig erwiesen. Inzwischen hatte ein bekannter Publizist, der zufällig die Leiche des armen Jossei gesehen hatte, ehe sie von den Gerichtsärzten untersucht worden war, im „Rjetsch" einen Artikel veröffentlicht, der großes Aufsehen machte: in diesem Artikel konstatierte der Verfasser, daß die dem kleinen Jossei Paschkow zugefügten Wunden in Zahl und Anordnung genau mit den Ritualverbrechen übereinstimmten, die unsere Antisemiten in jüdischen Büchern entdeckt haben wollten. Man hätte sagen können, daß das Verbrechen von einem Manne begangen sein könnte, der die Anklageschrift und das Gutachten des Priesters Pranaitis im Prozeß Beilis gelesen hatte. Der Publizist schließt seinen Artikel mit folgenden Worten: „Wenn es sich um ein Christenkind gehandelt hätte, so hätte man sicher über einen Ritualmord geschrien; glücklicherweise aber ist der Gemordete ein kleiner Jude gewesen, und die Juden können dem Schicksal danken, das diesmal einen der Ihrigen und keinen Christen getroffen