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Ost und West · 1914-09-01 · Heft 9-12 (September-Dezember 1914) · p. Seite 695 - 696

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
Article
Die Juden in Russland
Date
1914-09-01
Page
Seite 695 - 696 (sequence 6)
Language
German
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695 Die Juden in Rußland. 696 Dieser Artikel hatte indessen ganz andere Polgen, als sein Verfasser erwartet hatte. In antisemitischen Kreisen war man wahrscheinlich der Meinung, daß man eine so gute Gelegenheit nicht versäumen dürfe, da selbst der „Rjetsch" zugestehe, daß das Verbrechen ganz nach den Traditionen des Rituals begangen worden wäre. Zum Bewreise nun, daß diese Ueberlieferungen tatsächlich existierten und nicht nur in ihrem ganzen Umfang eingebildet gewesen sind, brauchte man nur den Nachweis zu führen, daß das Opfer kein Jude, sondern ein Christ gewesen wäre. Zwei Tage später erklärte die Zeitschrift „Die russische Flagge" schon ganz offen, daß Jossei gar nicht der Sohn des Fastower Schneiders David Paschkow, sondern ein Christenkind wäre, das die Juden seinen Eltern in der Absicht geraubt hätten, es Jehovah zum Opfer zu bringen. Und so mächtig ist die Organisation der „Schwarzen Hundert", daß die Gerichtsbehörden fast unmittelbar auf einen aus Petersburg kommenden Befehl ihre Recherchen in diesem Sinne begannen und entschlossen den Weg verfolgten, den die antisemitische Presse eingeschlagen hatte. Wie grenzenlos war das Erstaunen, als man nach einigen Tagen erfuhr, daß der Vater des Opfers und einer seiner Arbeiter verhaftet worden waren. Gleichzeitig meldete die offizielle Telegraphenagentur, daß der Leichnam des kleinen Jossei als der Sohn einer gewissen Sowalowa erkannt worden wäre, der vor einigen Monaten verschwunden war. Die Gerichtsärzte hatten zwar bekundet, daß das Opfer beschnitten gewesen war, aber die ,,Semtschina" erklärte einfach, daß die Beschneidung ein paar Wochen vor dem Verbrechen erfolgt sein könnte. Alle Nachbarn des Paschkow und selbst die Polizeibeamten bezeugten, daß der ermordete Knabe tatsächlich Jossei Paschkow gewesen war, aber die „Schwarzen Hundert" hatten gleich eine Antwort bei der Hand: natürlich halfen die Juden sich gegenseitig und das Zeugnis der Polizei war erkauft. Auf das Betreiben der ,.patriotischen" Presse wurde der Polizeidirektor versetzt und zwei Polizeioffiziere abgesetzt. Die Gerichtsbehörden entfalteten nun einen großen Eifer zur Auffindung der Eltern des ermordeten Kindes; außer der Sowalowa fand man noch eine gewisse Swanoka, dann noch eine Polin namens Rakitskaja, die alle beide ihre im Flerbst verschwundenen Söhne in dem kleinen Jossei wiedererkannten. Alle diese Mütter stritten sich untereinander und jede behauptete, die Wahrheit zu sagen. Inzwischen verkümmerten die wirklichen Eltern im Gefängnis. Die Beweise zugunsten der Vaterschaft des Schneiders Paschkow mehrten sich. Selbst der Untersuchungsrichter und der Staatsanwalt begriffen, daß sie auf falschem Wege waren, aber die Furcht vor den „Schwarzen Hundert" verhinderten sie, ihrem Gewissen zu folgen und Paschkow in Freiheit zu setzen. Man berichtete die Sachlage dem Minister. Nachdem Minister Schteglowitoff die Angelegenheit geprüft hatte, gab er den Befehl, Paschkow und seinen Arbeiter gegen eine hohe Kaution freizulassen, die sofort von den Juden in Fastow erlegt wurde. Das war der erste Schritt zur Beseitigung der Version von einem Ritualmord; dann schickte man die Sowalowa und die anderen Frauen nach Hause. Heute wird offiziös gemeldet, daß die Anklage gegen Paschkow und Genossen zurückgezogen und daß die Untersuchung, die diese beiden betrifft, mit einem non liquet abgeschlossen wird. Man hat sich also der Erkenntnis nicht verschließen können: Jossei war ein Judenkind. Die Presse der ,,Schwarzen Hundert" hat in ihrer Wut über die entgangene Beute die Hypothese aufgestellt, daß Paschkow sein eigenes Kind getötet habe, das keinen ausgesprochenen jüdischen Typus aufwies, weil er sich kein Christenkind habe verschaffen können, und daß er damit seine eigenen Glaubensgenossen täuschen wollte. Das Gericht von Kiew hat die Nichtigkeit der Anklage einsehen müssen und hat deshalb nach fünfmonatlichem vergeblichen Versuch, den Juden ein neues Verbrechen anzudichten, das Verfahren eingestellt. fetttstfret! lütxtyfmitc! f PlBSl»4i68» I 3SW6810Pfgl» SalemAleikum \ SalemGold j Zigaretten. | BUCH-NR. 51.007.220

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