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Ost und West · 1914-09-01 · Heft 9-12 (September-Dezember 1914) · p. Seite 669 - 670

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
Article
Aus der Gefangenschaft
Date
1914-09-01
Page
Seite 669 - 670 (sequence 2)
Language
German
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669 Aus der Gefangenschaft. 670 Herrn, der in jemandes Auftrage gekommen war, dieser Gedanke nahegelegt; man hielt mich nämlich ganz irrtümlich für den Sohn eines reichen Mannes. Da dies aber leider nur Schein war, so konnte ich von dem wohlgemeinten Rat keinen Gebrauch machen. Ich fand eine Stelle als Hauslehrer und (setzte meine Studien einige Jahre als Externist privatim fort, und hoffte, als solcher auch die Reifeprüfung bestehen zu "können. Inzwischen kam! die Verordnung, welche den jüdischen Externisten das Recht benahm, die Reifeprüfung am1 Gymnasium1 abzulegen, und so jenen, die nicht als Schüler aufgenommen waren, es unmöglich machte, ein Zeugnis abgelegter Studien zu erlangen. Mir lächelte aber das Glück, und es gelang mir, hauptsächlich d;urch die Gunst des mir wohlgesinnten Professors, in die oberste Klasse des Gymnasiums als ordentlicher Schüler aufgenommen zu werden. Ich bestand die Reifeprüfung* mit Auszeichnung und erhielt die goldene Medaille. Als Besitzer der goldenen Medaille war ich sicher, bei der Aufnahme in die Universität in erster Reihe berücksichtigt zu werden. Ich hatte mich geirrt; denn mittlerweise war der Ukas herausgekommen, der zur Aufnahme in die Universität bis zur Norm von fünf oder drei Prozent nicht wie bis dahin die Tüchtigsten und Fleißigsten zuließ, sondern bestimmte, daß unter den sich meldenden Kandidaten das Los entscheiden solle. Das Los im Dienste der russischen Administration hat sich aber die Sitten des russischen Tschinownik angeeignet, und entscheidet regelmäßig für die, welche einen reichen Beutel haben. Nun blieb mir nichts übrig, als im Ausland mein Glück zu versuchen, wenn ich nicht auf meinen Traum verzichten, so viele Arbeit und Anstrengung zwecklos vergeudet wissen und mein Dasein als verfehlte Existenz weiterfristen wollte. Es gelang mir, in die medizinische Fakultät einer großen deutschen Universität eingesehrieben zu werden. Aber bald machte sich auch hier eine feindselige Stimmung gegen die russisch-jüdischen Studenten fühlbar. Wir gingen dem Ursprung nach und fanden, daß diese Strömung auf den Einfluß und die Wirksamkeit von Agenten der russischen Bureaukratie zurückzuführen war, die bei allen maßgebenden Instanzen gegJen uns mit allen Mitteln arbeitete. Ihr war es ein Dorn im Auge, daß wir vor ihr an europäischen Hochschulen eine Zufluchtstätte fanden. Sie streute gegen die Gesamtheit der jüdischen Studenten überall die Verdächtigung aus, daß sie nicht der Studien halber sich im Auslande aufhalten, sondern um' von dort aus die Revolution in Rußland vorbereiten zu helfen, wodurch auch in Deutschland der Umsturz gefördert würde. Immer größer wurde gegen uns die Gehässigkeit der Studenten und Professoren, auch manche Blätter hetzten gegen uns die Behörden und das Publikum auf. Es sind ja auch schließlich schwere Beschränkungen erlassen worden, die in Deutschland und auch in den meisten anderen Ländern des Kontinents den russischen Juden das Hochschulstudium fast ganz unmöglich gemacht oder wenigstens sehr erschwert haben. Ich ging rechtzeitig nach Wien, wo ich mein Studium1 unbehindert fortsetzen durfte. Zum Schluß' des verflossenen Sommersemesters ging ich auf die Ferien an die Ostsee. Ich hatte noch nicht lange Seeluft geatmet, als der Krieg ausbrach. Es gelang mir, nach Kopenhagen zu entkommen, wo sich inzwischen sehr viele meiner Landsleute angesammelt hatten, um nach Rußland zurückzukehren. Wir langten in Petersburg an. Von ungefähr 1500 jüdischen Passagieren waren höchstens fünfundzwanzig, die Wohnrecht außerhalb des Alnsiedlungsrayons hatten. Alle übrigen wurden gleich bei der Betretung des heimatlichen Bodens von den Organen der Polizei in Empfang genommen und in eine Art großer Scheune gebracht, wo wir sorgsam bewacht wurden. Ich mußte im! stillen die großartige Konsequenz bewundern, mit der die Bureaukratie des großen Rußland 'über die strenge Einhaltung der kleinsten Gesetzesvorschriften sogar in solchen aufgeregten Zeiten wacht. Mir wurde gestattet, sieben Tage in Petersburg zu bleiben, die Frist, die jedem, der dort kein Wohnrecht hat, auf Ansuchen gewährt wird. Von der Strafe, die jedem harrt, der ohne vorherige Erlaubnis nach Petersburg kommt, wurden 'wir alle — so1 groß ist die Gnade des Zaren! — befreit. Ich überlegte, daß ich jetzt als russischcr Untertan wohl sehr lange keine Aufnahme in eine österreichische oder deutsche Universität finden würde. Sollte es nicht möglich sein, daß der Unterrichtsminister das Gesetz diesmal milder auslegt und, mir für die paar Semester, die ich zuir Vollendung meiner Studien benötige, die Aufnahme in die medizinische Fakultät außer der Norm gewährt? Ich beschloß, mein Glück zu versuchen und die Frist von sieben Tagen zur Einreichung eines Gesuches an den Minister für Volksaufklärung zu benutzen. Herr Casso — er ist, wenn ich nicht irre, mit demselben Schiff wie wir nach Rußland gekommen —, Herr Casso war höflich und gab mir sehr bald Bescheid. Nur mußte er zu seinem schmerzlichen Bedauern meine Bitte abweisen. Aus der Antwort konnte ich herausfühlen, daß es dem Herrn Minister förmlich das Herz brach, aber die Gerechtigkeit beugen und das Gesetz verletzen konnte er nicht. Nämlich, so führte der Minister in seiner Antwort aus, durch die Gewährung einer solchen Begünstigung an jüdische Studenten, die von ausländischen Hochschulen kommen und infolge des Krieges dort nicht weiter studieren können, würden die im Inland zuzulassenden Juden, die auch weiterhin nur bis zur vorgeschriebenen Norm aufgenommen werden könnten, um ihre Rechte gekürzt, und solches darf natürlich ein Minister nicht gestatten. Ich konnte diesem hohen Gerechtigkeitssinn nur Bewunderung zollen, er war um so mehr angebracht, als ja mindestens dreimalhundertfünzigtausend Juden jetzt in Rußland als Soldaten im Felde stehen. Natürlich wäre es himmelschreiend, wenn den Juden, insbesondere in der jetzigen Zeit, Unrecht geschähe. Es blieb mir nichts übrig, als darauf zu verzichten, in der Heimat meine Studien zu vollenden. Die Sache brachte aber für mich noch eine weitere Folge nach sich, die ich gar nicht vorausgesehen hatte. Im Herbst vor meiner Reifeprüfung war ich zur Gestellung erschienen und tauglich befunden worden. Nach der Prüfung wurde ich einberufen und diente ein halbes Jahr; der weitere Dienst wurde mir bis zur Vollendung meiner Universitätsstudien aufgeschoben. Das verdankte ich der Protektion meines Obersten, dessen Sohn ich mit gutem Erfolge für das Obergymnasium vorbereitete. Dieser Aufschub galt

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