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Ost und West · 1914-09-01 · Heft 9-12 (September-Dezember 1914) · p. Seite 667 - 668

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
Article
Aus der Gefangenschaft
Date
1914-09-01
Page
Seite 667 - 668 (sequence 1)
Language
German
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667 Aus der Gefangenschaft. 668 AUS DER GEFANGENSCHAFT. Von einem russisch-jüdischen Soldaten. Ein Wiener Freund unserer Zeitschrift, der die Verwundeten in den Lazaratten aufsucht, sendet uns die autobiographische Skizze eines russisch-jüdischen Soldaten, der vor Przemysl ein Bein verloren hat und sich im Wiener Universitätslazarett in Pflege befindet. Die Skizze bildet ein so charakteristisches Dokument zur Kennzeichnung der Lage der Juden in Rußland und der Seelenverfassung vieler russisch-jüdischer Soldaten, daß sie verdient, weiten Kreisen bekanntgemacht und für die geschichtliche Erinnerung kommender Zeiten aufbewahrt zu werden. Die Redaktion. . . . Gern komme ich Ihrem Wunsche entgegen, eine kurze Schilderung meines Lebenslaufs bis zu meiner Verwundung vor Przemysl niederzuschreiben. Dieser Lebenslauf weist nichts Besonderes auf. Hunderte, vielleicht Tausende von russischen Juden haben ganz denselben oder einen sehr ähnlichen zurückgelegt, aber vielleicht ist er gerade darum typisch und daher nicht ohne Interesse. Ich stehe im dreißigsten Lebensjahr; geboren wurde ich als das dritte Kind des Vorbeters der großen Synagoge in einem kleinen Städtchen in Litauen. Seit Menschengedenken hatten unsere Vorfahren in diesem Städtchen gewohnt. Mein Vater bekleidete seinen Posten seit dreißig Jahren. Um seine dürftigen Einkünfte zu vergrößern, erteilte er nebenbei Unterricht an Kinder, versah allerlei Funktionen in der Gemeinde und bei Privatleuten, und ernährte seine Familie schlecht und recht. Ersparnisse konnte er selbstverständlich nicht machen. Er hielt darauf, daß seine Kinder was Rechtes lernen sollten, damit sie sich in der Welt redlich fortbringen konnten. Meine zwei älteren Brüder sind Handwerker geworden, jeder sehr tüchtig in seinem Fache. Der eine wurde Kunstschlosser und erhielt eine Stellung in einer großen Moskauer Fabrik, wo er es schließlich bis zum selbständigen Leiter einer Werkstätte brachte. Er heiratete eine arme Verwandte, gründete einen Hausstand und war schon Vater von drei Kindern, als er in den Russisch-Japanischen Krieg mußte. Eine Woche nach seiner Einberufung mußte seine Frau mit den Kindern Moskau verlassen, weil sie in Abwesenheit des Mannes kein Wohnrecht mehr in dieser heiligen Stadt besaß. Da in Kriegszeiten die Gesetze streng" gehandhabt werden müssen, konnte ihr die Behörde natürlich keinen Aufschub gewähren; die Frau mußte also ihre Habe zu einem Schleuderpreise verkaufen und schleunigst nach ihrem Heimatsort zurückkehren. Mein Bruder wurde bei Mukden verwundet und starb nach dreimonatigen schweren Leiden. Mein zweiter Bruder, ein Schriftsetzer, war nach Kiew gezogen, wo er in der Druckerei einer großen Tageszeitung Beschäftigung fand und dank seiner großen Geschicklichkeit und seinem Fleiß rasch vorrückte; er nahm nach einigen Jahren eine leitende Stellung ein und hatte sogar Aussicht, mit einem kleinen Anteil Mitinhaber der Offizin zu werden. Aber eines schönen Tages wurde verlautbart, daß Schriftsetzer nicht als Handwerker zu betrachten seien, mein Bruder wurde also aus Kiew ausgewiesen, da er ja nur als Handwerker in dieser Stadt Wohnrecht hatte. Ich weiß nicht, ob die Kronjuristen und Nationalökonomen Rußlands das Schriftsetzen als eine höhere Kunst betrachten, der es zur Unehre gereicht, als Handwerk behandelt zu werden; oder betrachten sie es als eine viel zu geringe Arbeit, die nicht einmal den Rang eines Handwerks beanspruchen darf — sei dem wie immer, ein Schriftsetzer ist kein Handwerker mehr und darf in Kiew nicht wohnen, wenn er Jude ist. Mein Bruder mußte also seine Stellung, an die sich für ihn die1 besten Aussichten für die Zukunft knüpften, aufgeben und ins Heimatstädtchen zurückkehren. Da er hier nichts anzufangen wußte und seine Ersparnisse nach einem Jahr aufgezehrt waren, schnürte er sein Bündel und wanderte nach Amerika aus. Der Glückliche! Eines Tages aber wurde unser altes Städtchen von der Regierung als Dorf erklärt. Uns wurde von den Behörden klargemacht, daß der größte Teil der Juden ausgewiesen werden muß, da sie, laut dem' Gesetz, in Dörfern, auch wenn sie im Ansiedlungsrayon liegen, nicht wohnen dürfen! . . . Viele Tränen sind geflossen, viele Rubel in die Taschen der Polizei geronnen; aber schließlich mußten doch die meisten Juden zum Städtchen hinaus. Mein Vater mußte nun den Wohnort seiner Vorfahren, in dem er sein ganzes Leben verbracht, aus dem er nur selten hinausgekommen war, verlassen. Alle Anstrengungen, das Verhängnis rückgängig zu machen, waren vergeblich. Auch meine anderen Angehörigen verließen die Stadt, wobei sie materiell ganz zugrunde gingen und sich bis heute noch nicht erholt haben. Meine Eltern ließen sich nach langem Umherirren in Wilna nieder, wo mein Vater in einer kleinen Synagoge eine untergeordnete Anstellung fand, die ihn sehr kümmerlich ernährte. Die Aufregungen, der Kummer und die Sehnsucht nach seinem Heimatsorte, wo er seine Tage zu beschließen gehofft hatte, brachen ihm das Herz. Er ist bald nach seinerAnsiedlung in Wilna gestorben. Was nun, mich anbetrifft, so war es der Traum meiner Knabenzeit, zu studieren. Man hatte nämlich in mir einiges Talent entdeckt, und das eiferte mich so sehr an, daß ich mich privatim zur Aufnahmeprüfung in eine der höheren Gymnasialklassen vorbereitete. Ich bestand auch diese Prüfung am Gymnasium in Grodno glänzend und gewann durch meine Kenntnisse im' Griechischen und Lateinischen das Herz des Professors der klassischen Philologie im Fluge. Er wandte mir seine Gunst zu und versprach mir Protektion beim Direktor, damit ich aufgenommen werde. Denn die Norm von fünf Prozent, die an diesem Gymnasium herrschte, war schon beinahe voll, beinahe — denn es war gerade noch Raum für einen halben Schüler. Reiche Leute helfen sich in solchen Fällen dadurch, daß sie einen oder mehrere christliche Schüler auf ihre Kosten studieren lassen, so daß Raum für den jüdischen geschaffen wird; auch mir wurde von einem sehr freundlichen

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