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Ost und West · 1914-09-01 · Heft 9-12 (September-Dezember 1914) · p. Seite 671 - 672

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
Article
Aus der Gefangenschaft
Date
1914-09-01
Page
Seite 671 - 672 (sequence 3)
Language
German
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671 Aus der Gefangenschaft. 672 solange, als ich Hörer einer Hochschule war. Jetzt aber, da ich fortab kein Recht besaß, an der Wiener Universität zu studieren, zu einer russischen aber keinen Zutritt hatte, war ich folgerichtig nicht mehr Student, und der Aufschub des Militärdienstes fiel weg. Die sieben Petersburger Tage waren vorüber, ehe ich michs versah; da ich es verabsäumt hatte, rechtzeitig abzureisen, wurde ich festgenommen, um in meinen Heimatsort abgeschoben zu werden. Ich weiß vom Glück zu sagen, daß ich nicht als Deserteur behandelt wurde. Aber ich wurde auf der Stelle eingereiht und marschierte mit den Truppen nach Galizien. Ich muß der Versuchung widerstehen, meine Kriegserlebnisse zu schildern. Aber eins möchte ich nicht unterlassen, zu verzeichnen. Bei den russischen Soldaten aller Konfessionen und Nationalitäten, insofern sie einige Bildung und Intelligenz besaßen, ließen sich häufig Stimmen hören: Warum schlagen wir uns mit Oesterreich? Was hat Oesterreich uns oder anderen je zu Leide getan? . . . Bei mir aber nahm diese Frage häufig die Form quälender Gewissensbisse an. Warum tötete ich österreichische Soldaten? In diesem Lande hatte ich nur Gutes erfahren. Hier durfte ich unbehelligt überall wohnen und studieren, was mir mein eigenes Vaterland versagt, und nun stattete ich dem Lande meinen Dank ab, indem ich seine Söhne erschoß oder erstach. Gemordet, gebrannt und geplündert haben — das muß ebenfalls betont werden — die jüdischen Soldaten im russischen Heere nicht; wir brachten in geplünderten Ortschaften den Bewohnern, Christen wie Juden, die von unseren lieben Kameraden geraubten Sachen zurück. Aber kriegsmäßig habe ich doch viele Oesterreicher auf dem Gewissen. Das Geknatter der Gewehre und das Brüllen der Geschütze übertönen diese inneren Stimmen. Wir kamen nach Przemysl. In dem hartnäckigen dreiwöchigen Ringen der Russen um diese gigantische Festung ist unendlich viel Blut geflossen. Die Oesterreicher, die die russische Belagerungsarmee schließlich zurückgeschlagen haben, dürfen sich sagen, daß sie einen ihnen an Zahl vielfach überlegenen, rücksichtslosen und mit ungezähmter Energie kämpfenden Feind überwunden haben. Von den Russen wurden die polnischen und jüdischen Soldaten immer in erster Reihe ins Feuer geschickt und rückwärts von Maschinengewehren angetrieben. Diese Elemente sind das Kanonenfutter der russischen Armee. Mir wurde das linke Bein durchschossen. -Einige Tage lag ich in einem Graben zwischen schweigenden Leichen und wimmernden, ächzenden, schauervoll stöhnenden, seufzenden, heulenden, weinenden, fluchenden und betenden Verwundeten, die sich wanden und wälzten, zuckten und zappelten und langsam erstarrten. Viel qualvolles, verzweifeltes Sterben habe ich ringsherum gesehen und konnte nicht helfen. Endlich wurde ich von einer österreichischen Sanitätskoloinne aufgelesen. Ich verfiel in eine Art dumpfer Betäubung, aus der ich erst nach langer Zeit erwachte. Ich sah mich auf einer Tragbahre, umgeben von weißgekleideten Sanitätsdienern und Schwestern. Man brachte mich in einen weißen hohen Saal zu einem; Operationstisch. Der Chirurg stand davor, während Assistenten und Krankenschwestern die nötigen Vorbereitungen trafen. „Ihr linkes Bein muß sofort amputiert werden," sagte der Chirurg. Beim Klang dieser Stimme wurde ich tief erschüttert und rief „Herr Professor!" Das war nämlich mein Lehrer, bei dem ich erst vor kurzem ein Examen bestanden hatte und der sich jetzt meiner erinnerte. ,,Dawidowiez, sind Sie es!" rief er aus, „hier sehe ich Sie wieder! Na, jetzt ist keine Zeit für Erkennungsszenen, Sie müssen sich narkotisierein lassen." Ich erwachte ohne linkes Bein und erfuhr, daß ich mich in einem Hörsaal des zu einem Lazarett umgewandelten herrlichen Gebäudes der Wiener Universität befand. Vielleicht ist es derselbe Saal, in welchem ich so oft zu Füßen des berühmten Lehrers saß und seinen Worten lauschte; nun liege ich hier als verwundeter Feind und werde von demselben Lehrer betreut und gepflegt. Ich werde sehr gut gepflegt. Mein Lehrer läßt mir alle Sorgfalt angedeihen. Seit drei Tagen kann ich auf meinem provisorischen künstlichen Bein schon ein wenig herumhumpeln. Der Professor sprach oft mit mir über meine Zukunft. Er erbot sich, zu erwirken, daß ich, wenn ich einigermaßen hergestellt bin, nicht als Kriegsgefangener behandelt, sondern in Freiheit gesetzt werde. Aber was sollte aus meinem Studium werden? In der Heimat durfte ich es nicht fortsetzen, und die Pforten der Wiener Alma mater bleiben mir als ,,Feind" verschlossen. Gestern brachte mir der Professor die Nachricht, daß ein Erlaß des österreichischen Lmterrichtsministers den Angehörigen der feindlichen Staaten den Zutritt zu den österreichischen Hochschulen verbietet, aber Ausnahmen zuläßt zugunsten solcher Studierenden, die in ihrem1 Lande nicht zu der herrschenden Nationalität gehören. Na, Gottlob, ich gehöre nicht zu der herrschenden Nationalität. Ich darf also die Wiener Universität wieder beziehen; ich werde hier meine Studien beendigen, ich werde Arzt werden. Ein Arzt mit einem Holzbein war freilich bisher keine alltägliche Erscheinung, aber ich fürchte, nach diesem Kriege wird die Menschheit sich an solchen Anblick gewöhnen müssen. Mir ist nun das Merkwürdige passiert, daß mein Bein, welches in meinem Vaterlande nicht die Schwelle einer Hochschule übertreten durfte, im Kampfe für eben dieses mein Vaterland auf dem Schlachtfelde geblieben ist, und daß das ,,Feindesland" Oesterreich, gegen welches ich mehr als zwrei Monate lang die Mordwaffe geschwungen habe, mir die Möglichkeit bietet, von neuem mein Leben einzurichten. Ich weiß, daß sehr viele jüdische junge Leute in derselben oder in einer ähnlichen Lage sind. An uns Juden stellt das Schicksal gar seltsame Fragen, die zu beantworten manchmal über die Kraft des Menschen geht. Boris Dawidowicz.

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