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Ost und West · 1914-09-01 · Heft 9-12 (September-Dezember 1914) · p. Seite 649 - 650

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
Article
Eine Verirrung
Date
1914-09-01
Page
Seite 649 - 650 (sequence 6)
Language
German
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649 B. W. Segel: Eine Verirrimg. 650 sein Talent. Welch eine kindliche Glaubensfähigkeit gehört dazu, Sir Edward Greys Wort zu vertrauen. Der englische Minister des Aeußern hat schon Versicherungen, die er viel •einflußreicheren Persönlichkeiten als Zangwill gegeben, ohne die geringsten Skrupel gebrochen. Aber auch unter den Naivsten wird sich keiner finden, der hoffen könnte, daß Rußland im Umgänge mit England sich zivilisieren würde. Das Beispiel Frankreichs läßt befürchten, daß eher umgekehrt, England von Rußland barbarisiert werden würde, anstatt Rußland zu zivilisieren. Das böse Beispiel zieht eher an und reizt eher zur Nachahmung als das gute. Warum haben übrigens die englischen Staatsmänner es bisher unterlassen, dies dringende und nützliche Geschäft der Zivilisierung Rußlands in die Wege zu Leiten? Wie oft hätte sich Gelegenheit dazu geboten! Aber wir wissen wohl, daß Sir Edward Grety alle von jüdischer Seite ihm nach dieser Richtung unterbreiteten Ansuchen entweder mit gewundenen diplomatischen Redensarten oder mit kühl abweisenden Worten erledigt hat. Es ist ja noch in Erinnerung aller Welt, wie mutig Sir Edward Grey vor der russischen Diplomatie in der Paßfrage zurückgewichen ist, obwohl hier die Ehre und das Ansehen nnd auch wichtige materielle Interessen von Bürgern Großbritanniens auf dem Spiele standen. In solchen Fällen pflegt sonst die englische Regierung nicht mit sich spaßen zu lassen, aber vor dem russischen Absolutismus hat sie hier wacker die Segel gestrichen. Wie sollte man also erwarten, daß englischer Einfluß zugunsten russischer Juden bei der russischen Regierung irgend etwas erwirken könnte? Auf die öffentliche Meinung und deren Organe in Frankreich und England hat Rußlands Einfluß korrumpierend und erniedrigend gewirkt. Israel Zangwill kann von einer sehr hervorragenden jüdischen Persönlichkeit in Paris folgende sehr kennzeichnende Begebenheit erfahren: Als während des Beilisprozesses; der französische Bischof Dnehesne an jene Persönlichkeit ein Schreiben richtete, das eine herbe Kritik des Blutabergla"ubens und insbesondere des Kiewer Prozesses enthielt, begab sich der Empfänger in die Redaktion des „Temps", welcher noch immer als das vornehmste französische Tageblatt gilt, und ersuchte den Chef um Veröffentlichung dieses Briefes. Das Anstichen wurde mit verschiedenen ausweichenden Redensarten abgewiesen. Schließlich gestand der Chef, daß ier aus Rücksicht auf die russische Regierung' und ihren Vertreter Iswolski den Brief nicht veröffentlichen könne. Mit jovialer Offenheit fügte er hinzu: „wer wird uns die zweihunderttausend Frcs. jährlicher Subvention ersetzen, die wir von der russischen Regierung erhalten (Ich bin gern bereit, Israel Zangwill Namen und Adresse meines Gewährsmannes zu nennen.) Vielleicht aber untersucht Israel Zang-will, wieviel von dem französischen Golde, welches zwischen den Fingern der russischen Regierungsmänner floß, in den Kassen der großen Londoner Tageblätter verschwand? Die „Times'6, ehemals das verbreitetste und einflußreichste Londoner Tageblatt, war vor einigen Jahren ganz herabgekommen, hatte die Abonnenten verloren und fing an, sich auf sehr zweifelhafte Praktiken zu werfen, um sich wieder hochzubringen. Auf einmal verfügte die Zeitung wieder über enorme Mittel und machte großen Staat, wie ehedem. Es war nun äußerst auffällig und merkwürdig, daß diese Wandlung des materiellen Schicksals der „Times" zeitlich zusammenfiel mit einer Wandlung ihrer Gesinnung: sie wurde völlig russisch, ein Ableger des „Nowoje Wremja", ein förmliches Organ der russischen Regierung*, welches sich deren Denkweise auch in Bezug auf die Judenfrage und deren Lösung vermittels Pogroms vollkommen angeeignet hatte. In Amerika selber hat der russische Botschafter wiederholt versucht, die Juden öffentlich zu verleumden, um nur die Missetaten seiner Regierung zu beschönigen. Man kann sich nun leicht ausmalen, wie die neue Epoche der jüdischen Geschichte aussehen würde, wenn, was Gott verhüten möge, den russischen Waffen der Sieg beschieden wäre. E-s ist unmöglich, ohne tiefes Grauen daran zu denken. Die Morgendämmerung dieser neuen Epoche ist übrigens schon aufgegangen: Ueber 350 000 Juden kämpfen im russischen Heere. Die Regierungaber hat, wie wir der Petersburger „Rjetsch" entnehmen, einen Erlaß herausgegeben, der die Frauen und Kinder jener zum Militärdienst einberufenen jüdischen Reservisten, die in Petersburg, Moskau, Kiew und anderen Städten außerhalb des Ansiedlungsrayons das Wohnrecht haben, vertreibt, und ihnen befiehlt, schleunigst in ihre Zuständigke.itsorte auszuwandern. Das Privilegium des Wohnrechtes steht nämlich den Frauen und Kindern nur so lange zu, als ihre Männer und Väter am Orte weilen. Sind diese aber zur Verteidigungdes Vaterlandes zu den Fahnen geeilt, so müssen ihre Frauen und Kinder wie Fremdlinge zur Stadt hinaus. Welch eine prächtige Logik Englands Bundesgenosse an den Tag legt! Gerechter kann man nicht sein. Als ein ferneres Symptom der „neuen Epoche ' sind wohl auch die vom russischen Militär gleich zu Beginn des Krieges in Polen und Litauen veranstalteten Pogrome zu betrachten. Vielleicht ist die Zeit gar nicht so fern, da die Engländer abermals einen großen Krieg führen werden, aber nicht an der Seite ihres jetzigen Bundesgenossen, solidem gegen ihn. Dann werden sie mit Recht die ganze Welt zu Hilfe rufen gegen Barbarei und Despotismus, 'und Israel Zangwill täte vielleicht gut, jetzt schon den Aufruf vorzubereiten, mit dem er um die Sympathien der amerikanischen Juden für England gegen Rußland werben wird.

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