Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1914-09-01 · Heft 9-12 (September-Dezember 1914) · p. Seite 651 - 652

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
Article
Eine Verirrung
Date
1914-09-01
Page
Seite 651 - 652 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2584047-2584056-2596971--15838-2597020
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

651 B. W. Segel: Eine Verirrung. 652 Aber noch näher ist vielleicht der Zeitpunkt, da das -englische Volk mit Grauen, Scham und Ekel an diese Verirrung zurückdenken wird, die es zum Verbündeten Rußlands gegen die europäische Kultur, gegen Recht und Gerechtigkeit gemacht hat. Dann wird das englische Volk die Urheber und Lenker dieser perversen Politik an den Schandpfahl nageln. Und seine führenden Geister wird das englische Volk dann zur Rechenschaft ziehen, weil sie es nicht gewarnt, nicht ihre strafende Stimme erhoben, nicht gerechte, harte, zornige Worte zu ihm geredet haben, um ihm rechtzeitig die Augen zu öffnen. Und jene Engländer, die Israel Zangwill für einen echten Dichter halten — ein echter Dichter muß immer auch ein S3her und ein Ermahner sein —, werden an ihn die Frage richten, warum er, ein Nachkomme der Propheten Israels, in dieser schauervollen, erhabenen Stunde nicht der Wahrheit und der Gerechtigkeit die Ehre gegeben hat, anstatt durch leere Worte und inhaltlose Andeutungen das Urteil seiner eigenen Glaubensgenossen zu verwirren. * * * NACHWORT. Israel Zangwill hat es für nötig gehalten, vor der ,.Times", die er wohl als ernste Repräsentantin der jüdischen Interessen ansieht, sein Herz auszuschütten. Er versichert ihr, daß sein Aufruf an die amerikanischen Juden die jüdische Presse in Amerika so überzeugt habe, daß das verbrnletste dortige Jargonblatt, „Die Wahrheit", in einem langen Leitartikel, der ihm eigens zugesandt worden ist, seinen Ausführungen beigestimmt habe, mit der besonderen Betonung, es lohne sich sehr wohl, daß die Juden in Rußland die weiteren Leiden auf sich nehmen, damit nur die von der Tripleentente vertretene Sache siege. Zangwill, der wegen seiner guten Witze mit Recht einen guten Namen genießt, ist hier offenbar aus Mangel an Kenntnis des Jüdisch-Deutschen einem noch besseren Witz zum Opfer gefallen. Jener Leitartikel, auf den er sich beruft, war nämlich nichts weiter als eine grimmige Satire, eine unerbittliche Verhöhnung seiner Ansichten. Des weiteren versichert Zangwill, daß er mehrere Zuschriften von russischen, außerhalb Rußlands lebenden Juden, sowie von rumänischen und anderen Juden erhalten habe, die sich bereit erklären, in die „Ito" einzutreten unter der Bedingung, daß sie eine Abteilung von Freiwilligen der englischen Armee bilden. Die „Ito", an deren Spitze Zangwill steht, war bisher ziemlich unschädlich. Zangwill scheint sich aber nicht bewußt zu sein, daß diese seine Behauptung geeignet ist, alle jüdischnationalen Organisationen im höchsten Grade zu gefährden. Bisher haben sich alle diese Organisationen von jeglicher politischen Tendenz ferngehalten und sich strengstens davor gehütet, irgendeiner europäischen Macht, zu dienen. Wenn die „Ito" sich in den Dienst, sogar in den militärischen Dienst Englands stellen würde, so könnte das von unabsehbaren, verhängnisvollen Folgen für sämtliche jüdischen Organisationen der Welt sein. Wir würden es für nötig halten, sehr energisch gegen dieses Vorgehen zu protestieren, allein wir sind fest überzeugt, daß die von Zangwill erwähnten Anerbieten rumänischer und russischer Juden ebenso ironisch gemeint und von ihm ebenso mißverstanden worden sind wie der Leitartikel der „Wahrheit". Schließlich bedauert es Zangwill aufrichtig, wenn auch in sehr bescheidenem und zurückhaltendem Ton,, daß der Zar die ,,Unbequemlichkeiten" der Juden in Rußland nicht gleich beim Ausbruch des Krieges gemildert hat, erstens, um seinen Bundesgenossen eine Konzession zu machen, zweitens aber in seinem eigenen. Interesse. Nun ist es freilich sehr zu bedauern, daß der Zar die „Unbequemlichkeiten" der Juden in Rußland nicht gemildert hat, aber es scheint, daß seine Bundesgenossen sehr wenig Gewicht darauf gelegt haben. Das eigene Interesse ist dadurch offenbar nicht gefährdet worden, denn Zangwill ist ja auch ohnehin sehr warm für ihn eingetreten. Schließlich verteidigt Zangwill Seine Majestät den Zaren gegen die „maßlosen Angriffe" der jüdischen Presse in Amerika, die den Zaren des Wortbruchs beschuldigt, indem er betont, daß der Zar ja gar nicht versprochen habe, das Los der Juden zu mildern. Natürlich, wer nichts verspricht, biaucht auch kein Versprechen zu halten. Interessant ist es nur, zu wissen, wer denn Herrn. Grey ermächtigt hat, Flerrn Zangwill im Namen des Zaren die Abschaffung der „Unbequemlichkeiten" der Juden in Rußland zu versprechen. Es ist jedenfalls wichtig, zur Kenntnis zu nehmen, daß das Versprechen des Mr. Grey an Zangwill nur Mr. Grey allein verpflichtet, keineswegs aber Seine Majestät den Zaren. Seine Majestät der Zar hat nichts versprochen; wir sind nun tatsächlich erlöst. Wenn auch weiterhin die Juden in Rußland geplündert, gemordet, ausgewiesen werden, wenn auch weiterhin englische und französische Bürger jüdischen Glaubens die Grenzen Rußlands nicht überschreiten dürfen — wir können zufrieden sein — Seine Majestät der Zar hat nichts versprochen. VON BABEL BIS PETROGRAD. Von A. Benesra. Der gegenwärtige Krieg lenkt die Blicke oft in die Vergangenheit und ladet zum rückschauenden Betrachten historischer Begebenheiten ein. Man denkt an die Napoleonischen Kriege, die die Welt in ihren Grundfesten erbeben machten, an die Völkerschlacht, deren Gedenktag sich vor kurzem zum hundertsten Male jährte. Welch eine kurze Spanne Zeit! Ein Augenblick im Leben der Weltgeschichte. Das Auge des Juden ist auf weit größere Entfernungen eingestellt. Wir denken an die Katastrophe, von der das jüdische Volk jetzt vor zweitausendund fünfhundert Jahren heimgesucht worden ist, und deren Gedächtnis wir soeben mit trauervoller Andacht hätten begehen sollen: an die Zerstörung des ersten judäischen Reiches und des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.