Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
- Article
- Eine Verirrung
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 647 - 648 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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647 B. W. Segel: Eine Verirrung. 648 gewesen sind. Das Idiom, das sie seit mehr als lausend Jahnen reden, in dem unendlich kostbare Schätzte der Geistesbildung und des poetischen Schaffens ihrer Vorfahren niedergelegt sind, birgt zu neun Zehnteln echtes, altr und mittelhochdeutsches Sprachgut in sich, an Form wie an Stoff. Als die polnischen Juden um die Mitte des 18. Jahrhunderts zur europäischen Kultur erwachten, waren es deutsche Bücher, die ihre Schritte leiteten. Die Werke Schillers und Goethes nehmen in ihren Bücherschränken den Ehrenplatz neben der Bibel ein, und in den sabbat liehen AVeihestunden lesen sie Kaut neben Maimonides. Die moderne Wissenschaft des Judentums, die, von polnischen und deutschen Juden geschaffen, für alle Zeiten einer der größten Ruhmestitel des jüdischen Stammes bleiben wird, ist erfüllt und getragen von deutschem wissenschaftlichen Geiste und von deutscher Methode. Nicht ein einziges französisches oder englisches Buch auf diesem Gebiete, das nicht auf jeder Seite den deutschen Ursprung verriete. Die beste hebräische Grammatik, das beste hebräische und die besten neuhebräischen Wörterbücher, die besten Bibel-Kommentare, die besten Bücher über den Talmund, die beste jüdische Geschichte, sind in deutscher Sprache abgefaßt. Die berühmte „Jcwish Eneyclopedia'", auf die die amerikanischen Juden mit Hecht so stolz sind, ist durchweg ,,made in Germany1', alle Artikel darin sind entweder direkt in Deutschland verfaßt, oder deren Verfasser sind durch die deutsche Schule gegangen. Im deutschen Sprachgebiet sind nämlich die ersten und angesehensten Lehranstalten für die Wissenschaft des Judentums entstanden. In diesem kulturellen und nicht politischen Sinne sind alle polnischen und russischen Juden Deutsche. Auch Zangwills Vater, ein braver Handwerker, der sein Sepher Chassidim las, und seine Mutter, die sich am „Teutseh-Chumesch4' und am „Zeenah U reenah'' erbaute, waren in diesem Sinne Deutsche. Alle diese Juden haben das untrügliche Gefühl — und hierin wissen sie sich mit den besten Russen einig! —, daß eine Schwächung der deutschen Kultur ein namenloses Unglück für ganz Europa wäre. Freilich wissen alle, daß Deutschland das Ursprungsland des Antisemitismus ist, freilich wissen sie, daß der Antisemitismus in Deutschland noch lange nicht erloschen ist und nur auf den passenden Moment zu warten scheint, um mit erneuerter Gewalt emporzulodern. Aber andererseits vergessen sie nicht, daß in Deutschland schon in der Zeit Mendelssohns zum erstenmal von Seiten hervorragender Schriftsteller und Denker die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden gefordert wurde. Im öffentlichen und im Geistesleben Deutschlands bildet der Antisemitismus nur e ine trübselige Erscheinung, der tausend erfreuliche gegenüberstehen. Und so mächtig auch der Antisemitismus in Deutschland zeitweise gewesen ist, und so verhängnisvoll dies auf die Lage der Juden in anderen Ländern, namentlich in Rußland, zurückgewirkt hat, so ist er doch hier nie zur alleinherrschenden Macht emporgewachsen, hat nie es vermocht, das Leitmotiv aller Handlungen der Regierung zu werden, insbesondere aber ist er nie zu einem wohlerwogenen, gegliederten und kräftig fundierten Verfolgungssystem ausgeartet. So schwer die Juden Deutschlands und in der Folge auch alle anderen Juden seelisch unter dem Antisemitismus zu leiden hatten, so sind doch alle diese Leiden ein Tropfen im Meer im Vergleich mit dem namenlosen Unheil, welches der russische Doppelgänger des deutschen Antisemitismus über unser Volk gebracht hat. Schließlich wissen die russischen und polnischen Juden sehr wohl, daß der Antisemitismus Unkultur ist, eine Versündigung geg^en die deutsche Kultur, auf deren Rechnung man ihn nicht setzen /darf. Sie unterscheiden wohl zwischen der russischen Regierung und dem russischen Volk. Es gibt keinen unter ihnen, der dem russischen Volke nicht alles Gute gönnte, ihm nicht die gedeihlichste Entwicklung wünschte. Aber zu diesen Wünschen gehört zuvörderst die Befreiung* vom Joche des Zarismus. Und wer führt diesen Krieg, den Zangwill mit Recht „den ungeheuerlichsten Krieg menschlicher Geschichte'' nennt? Doch nicht das russische Volk, dessen breite, dunkle Massen sich in dumpfer Unterwürfigkeit zur Schlachtbank führen lassen, und dessen denkender Teil zähneknirschend die Gewalthaber gewähren lassen muß. Das russische Volk weiß wrohl, daß es weder auf Kosten Deutschlands noeh Oesterreich- Ungarns glücklieh zu werden braucht. Was ihm Not tut, sind nicht territoriale Erwerbungen für die Machtsphäre der Dynastie, sondern eine redliche und tüchtige Verwaltung, eine geordnete Rechtspflege und eine gesittete Rechtsordnung. In Asien und in Europa hat Rußland unendlicher Raum fzur Entfaltung aller Kräfte seines Volkes Nur rohe Ländergier und der Drang, zu raubei und zu knechten, hat die russische Regierum getrieben, ihre friedlichen Nachbarn mit Krie< zu überziehen. Ein Triumph dieser Regier um würde nicht nur für ganz Europa, nicht na für die „Fremdvölker" Rußlands, sondern fü das russische Volk selber den Beginn einer neuei Epoche noch tieferer Knechtschaft und Barbare bedeuten. Israel Zangwill deutet geheimnisvoll an, Si Edward Grey habe ihm die Zusicherung gegeben künftighin bei der russischen Regierung sich fü eine bessere Behandlung der russischen Judei zu verwenden. Er läßt durchschimmern, es s( > Hoffnung vorhanden, daß dieser Krieg eine neu ■ Epoche in der Geschichte der Juden einleiten. und spricht die Zuversicht aus, daß England dermaleinst noch Rußland und die Russen zivilisieren werde. Man muß schon sagen, daß auch die größten Verehrer von Zangwills Talent finden werden, daß seine Glaubenskraft noch größer ist al>