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Ost und West · 1914-09-01 · Heft 9-12 (September-Dezember 1914) · p. Seite 645 - 646

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
Article
Eine Verirrung
Date
1914-09-01
Page
Seite 645 - 646 (sequence 4)
Language
German
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645 B. W. Segel: Eine Verirrung. 646 99% der Bevölkerung bekennt, als tolerierte Religionen erklärt. Sie haben auch das russische „Gesetz'4 eingeführt, also, es wird fortab in unserem Lande kein allgemeines Wahlrecht mehr geben, keine allgemeine Schulpflicht, keine Preßfreiheit, keine Versammlungsfreiheit, keine Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz. AVer Jude ist, wird fortab in dem Lande, wo seine Vorfahren seit tausend Jahren wohnten, sich nicht mehr frei bewegen, sondern nur noch in einem Ansiedlungsrayon wohnen dürfen. Gemeindeautonomie gibt es nicht mehr. Und besonders die jüdischen Kultusgemeinden haben aufgehört zu existieren und fristen ihr Dasein nur noch als polizeilich angemeldete Vereine, sie dürfen nicht mehr nach freier Wahl Rabbiner, Lehrer und Vorbeter anstellen. Eine ganz neue, bisher völlig unbekannte Institution taucht in unserem Lande auf. Das ist die berühmte Ochrana, deren Organe im Geheimen über unser geistiges und leibliches Wohl wachen und ihren fördernden und heil vollen Einfluß auf die Moral und Redlichkeit, auf die Treue und Ehrenhaftigkeit der Bevölkerung ausüben wird! Wer in Europa kennt nicht die Ochrana! Und man darf wohl annehmen, daß mancher hervorragende, iringebildete und gerade denkende Franzose und Engländer sich mit Grauen schütteln wird bei dam Gedanken, daß ein Land, welches bis dahin von ihr verschont worden ist, nun mit dieser ■entsetzlichen Einrichtung beglückt werden soll. >eit Jahren scheute das Land keine Opfer, um immer neue Schulen ins Leben zu rufen, Millionen und Millionen sind für Unterrichtszwecke ausu^geben worden. Diese Schulen werden geschlossen! Es darf nicht geduldet werden, daß s in dieser Beziehung* hier anders sei als im sonstigen heiligen Rußland. Insbesondere die 'iidisehen Kinder werden die von den Juden selber seit hundert Jahren gegründeten und erhaltenen Schulen, so weit die Fonds nicht von der lussischen Regierung lieber konfisziert werden, nur bis zur Norm von 5°/o besuchen dürfen. Lehrämter in diesen Schulen zu bekleiden wird ihnen iber verboten sein. Die zahlreichen jüdischen Lehrer und Lehrerinnen, ebenso wie die sonstigen Beamten in allen Zweigen des Staats-, L an desind Gemeindedienstes, in der Justiz, in der Vervaltung, im öffentlichen Verkehr, im Heere, iber auch die Rechtsanwälte, Aerzte und Apolieker mögen zum Bettelstab greifen. Grundesitz dürfen die Juden nicht erwerben, und Avas ie davon jetzt haben, müssen sie so rasch wie .löglich losschlagen. Handwerk und Gewerbe iürfen sie nur in beschränktem Maße ausüben, n die Verwaltung der von ihnen selber reich,;roß und schön gemachten Städte dürfen sie ■ ticht gewählt werden, geschweige denn als Bürgermeister etwa, wie dies jetzt der Fall ist, m der Spitze einiger der größten und bestverwalteten Gemeinden des Landes stehen. Sie sind i'ortab Bürger vierter Klasse, ja, überhaupt keine Bürger mehr, sondern nur noch recht- und heimatlose, umherirrende Sklaven! Um nur ja keinen Zweifel darüber zu lassen, welcher Kurs fortab in Ostgalizien herrschen wird, haben die Russen jetzt schon am jüdischen Neujahrsfeste in mehreren Städten, insbesondere in Lemberg und Kolomea, schwere, blutige Pogrome, ganz nach echtrussischem Muster, veranstalten lassen. In der Bukowina erließen die Russen vor ihrem Einmarsch an die ruthenisehe Bauernbevölkerung einen Aufruf, in welchem sie sie aufforderten, die österreichischen Gendarmen und Juden zu ermorden, wofür ihr die Aufteilung des jüdischen Grundbesitzes, Getreides und Viehbestandes, sowie des sonstigen jüdischen Vermögens versprochen wurde. „Wo die Russen einmarschiert sind, dort fliehen die Juden und werden nimmer wiederkehren/'*) Wird man es nun verstehen, warum der Vorbeter der großen Synagoge in Brody sich das Leben nahm, als ihm der derzeitige russische Gewalthaber auftrug, am bevorstehenden Neujahrsfeste und Versöhnungstage das Gebet für den Zaren anstatt wie bisher für den Kaiser Franz Josef vorzutragen? Und warum alle Synagogen in den von den Russen besetzten Städten an diesen heiligen Tagen verödet geblieben sind? Israel Zangwill aber lehrt uns, ,,daß< es besser sei, daß die jüdische Minderheit fortfährt, zu leiden", als ,,daß das große Interesse der Zivilisation unter dem Triumph des preußischen Militarismus unterliegen sollte". Wünscht etwa Zangwill lieber den Triumph der russischen „Kultur"? Wir Juden wissen, was es heißt, für eine Idee zu leiden. Unsere ganze Geschichte ist ja nichts anderes, als eine Kette von Leiden für die uns heiligen Ideen. Aber uns zuzumuten, für die Idee dieser russischen Kultur und ihre Vorherrschaft in der Welt zu leiden, das geht denn doch über den Verstand eines gewöhnlichen Sterblichen. Und in diesem Kampf, den England im Bunde mit dem Zarismus gegen Deutschland führt, kommt für die polnischen und russischen Juden .noch ein Moment in Betracht, welches Israel Zangwill seltsamerweise nicht beachtet hat. Und diese Nichtbeachtung läßt seine Kenntnis der jüdischen Geschichte und der kulturellen Zusammenhänge des jüdischen Geisteslebens in einem sehr fragwürdigen Lichte erscheinen. Aber die polnischen und russischen Juden, an die sein Appell sich wendet, wissen sehr wohl, was die deutsche Sprache und die deutsche Kultur ihnen *) Anmerkung der Redaktion: Als Gegenstück dazu sei ein Passus aus dem Briefe eines hohen preußischen Offiziers zitiert, der als IMilitärgouverneur eines der okkupierten Gebiete in Russisch-Polen fungierte: ..Ich habe liier etwa 15 000 Juden, und ich versuche nach Kräften, ihr wirklich schweres Los zu bessern." Schreiber ist der bekannte konservative Politiker Generalleu t n a n t von Lieb e r t.

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