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Ost und West · 1914-09-01 · Heft 9-12 (September-Dezember 1914) · p. Seite 643 - 644

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
Article
Eine Verirrung
Date
1914-09-01
Page
Seite 643 - 644 (sequence 3)
Language
German
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643 B. W. Segel: Eine Verirrung. 644 Bedrückten galt, mit Rußland verbündet zu dem ausgesprochenen Zweck, von Oesterreich-Ungarn und Deutschland Landesteile loszureißen und sie Rußland anzugliedern, unter die Herrschaft des russischen Tschinownik und seiner Knute zu bringen. Und nun kommt Israel Zangwill und preist uns diesen Bund als „einen Bund im Interesse der Zivilisation, zum Kampf für die Menschlichkeit'' an! Fürwahr, man greift sich an den Kopf und traut anfangs seinen Augen nicht. Bald darauf aber ist das einzige Gefühl, welches man dabei empfindet, eine tiefe Beschämung. Oder würde in der Tat Zivilisation und Menschlichkeit so viel gewinnen, wenn die zwei bis drei Millionen Juden in den österreichischen und preußischen, von Rußland so heißbegehrten Provinzen unter russische Herrschaft kämen? Ich wünsche Israel Zangwill, daß er in Ruhm und Ehren hundert Jahre alt werden möge, aber das möchte er doch nimmer erleben! Denn wenn das einträte, gibt man sich auch Rechenschaft davon,, was unser dann harrt, weiß man auch, welchem Schicksal wir da entgegengingen? Wer fern vom Schusse bleibt, hat leicht reden. Weder den Engländern, noch ihren Bundesgenossen, den Franzosen und Belgiern, droht Rußlands unmittelbare Nachbarseihaft, oder gar der Verlust von Landesteilen an Rußland. Darum haben sie nichts dagegen, daß sein Machtbereich sich erweitere. Sie würden ganz andere Lieder singen, wenn sie in Gefahr kämen, die Herrschaft des Zaren und seiner „Gesetze" am eigenen Leibe zu verspüren. Der Dichter Israel Zangwill ist in Russisch-Polen geboren, aber wenn seine Eltern nicht den glücklichen Einfall gehabt hätten, als ihr jetzt berühmter Sohn noch ein Säugling war, den Staub ihres Stiefvaterlandes von den Sohlen zu schütteln, meint man da, Israel Zangwill würde heute ruhig in der Reichshauptstadt sitzen, alle Ehren und Bequemlichkeiten genießen und Aufrufe an fremde Juden erlassen können? Es sei hier eines anderen Dichters gedacht, Samuel Frugs, der einer der ersten Lyriker russischer Zunge ist. Keine Gesichichte der modernen russischen Literatur, die nicht seinen Kamen in höchsten Ehren nennt, viele Abhandlungen und Bücher sind über ihn geschrieben worden. Aber er darf sich in Petersburg nur aufhalten als Domestique eines jüdischen Millionärs, der ihn in die Liste seines Hausgesindes aufgenommen hat. Nur als solchem gewährt ihm die Polizei Wohnrecht in der Hauptstadt, nur als solcher wird er von ihr geduldet. Als Meister des russischen Gesanges, als Stolz der vaterländischen Literatur, dürfte er dieses heilige Pflaster nicht einmal betreten. Solowjew machte einmal darüber die witzige Bemerkung: „Unser heiliges Rußland ist doch der zivilisierteste Staat der Welt. Gibt es ein zweites Land, wo unter den Lakaien sich einer der ersten Dichter der Gegenwart findet?" .... Ich glaube, diese Tatsache allein genügt wohl, um die Zivilisation und die Menschlichkeit, im Bunde mit welchen England dieses Mal ins Feld zog. zu charakterisieren. Israel Zangwill hat einen Pogrom und seine Opfer noch nie mit eigenen Augen gesehen, nur gehört hat er davon, das reicht wohl aus, um daraus interessante und ergreifende Novellen und Dramen zu machen. Wer sie aber mit eigenen Augen gesehen hat, der wird die rauchenden Trümmerhaufen, die ausgestochenen Augen der Greise, die abgeschnittenen Brüste der Mädchen, die aufgeschlitzten Leiber der schwangeren Flrauen, die aufgespießten Säuglinge und die kleinen Knaben mit zerschmetterten Schädeln nie vergessen. Und er wird wohl wissen, wessen „Gemütsverfassung in Friedenszeiten barbarisch ist''. Wir in Galizien haben seit mehr als dreißig Jahren die Massen unserer russischen Brüder gesehen, die, wahnsinniges Entsetzen in den Augen, Verzweiflung in der Seele, aller Habe beraubt, sich durch unser Land wälzten, um in Amerika eine neue Heimat zu finden. Wir haben sie beherbergt, gepflegt und getröstet, und als jetzt die englische Presse gleich am Anfange des Krieges nach Amerika die übertriebensten Naehrichten von russischen Siegen in Galizien hinübersandte, wonach Lemberg und halb Galizien gleich 'zu Anfang August von den Russen besetzt worden wären, kamen zu uns von jenseits des Ozeans zu Tausenden stürmische, verzweifelte Anfragen, ob denn die Hiobspost wahr sei. Nun mag man sich denken, wie verblüfft diese amerikanischen Juden sein werden, wenn Zangwill ihnen einreden will, daß „England auch jetzt, wie oft zuvor, für die Menschlichkeit kämpfe'', da es sich mit den Kosakenhäuptlingen verbündet hat, um den Anführern der Schwarzen Hunderte den Weg nach Galizien und Deutschland zu bahnen! Wir in Galizien haben schon jetzt einen Vorgeschmack davon zu spüren bekommen, was russische Herrschaft heißt. Daß die Kosaken bei Uns Saaten vernichtet, Städte zerstört, Dörfei verbrannt, Synagogen, sowie katholische unc evangelische Kirchen in Pferdeställe und Abtritte verwandelt, daß sie Greise und friedliche Frauen „ohne Unterschied der Konfession", erschlugen Kinder ermordeten, Mädchen schändeten, ist y ohne weiteres verständlich, ich möchte fas sagen, verzeihlich. Denn im Kriege braucht e ja nicht anders herzugehen, als bei einem Pogrom Aber nun haben sie sich in Lemberg häuslid eingerichtet, und schalten dort wie in Friedens zieiten. Nun haben sie die beiden Landessprachen Ruthenisch und Polnisch, sowie die von allen Ge bildeten verstandene und fast wie eine Mutter spräche gebrauchte deutsche Sprache abgeschaff und dafür die allen Landesbewohnern fremd russische zwangsweise eingeführt. Sie haben di von kaum einigen hundert Menschen im ganze; Lande bekannte griechisch-orthodoxe Religion alherrschende Staatsreligion proklamiert und dei- Katholizismus, das Judentum und den Protestantismus, zu denen sich der ,,Rest£c von mehr al>

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