Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
- Article
- Der Krieg als Lehrmeister
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 637 - 638 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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637 Der Krieg als Lehrmeister. 638 Lagern zusammen ungefähr sechmalhunderttausend Juden im Felde. Im russischen Heer allein kämpfen über dreimalhundertfünfzigtausend Juden, sie werden hier in einem noch höheren Maße als die Söhne der anderen „Fremdvölker" in das gefährlichste Feuer geschickt. Viele von ihnen haben sich ausgezeichnet. Was ich jetzt erzählen werde, ist keine Anekdote, sondern eine Tatsache und stammt von einem jüdischen Militärarzt in Moskau, der sie seinem jetzt in Kopenhagen weilenden Bruder mitgeteilt hat: Als der Zar ein Militärlazarett in Moskau besuchte, wollte es der Zufall, daß in allen Sälen die Verwundeten, die er ansprach, Juden waren, so daß er zuletzt den ihn begleitenden Offizier aufforderte, ihn doch in ein christliches Lazarett zu führen .... Die russischen Generale haben gewiß nicht das Bedürfnis, im Lob der jüdischen Kriegstugenden zu übertreiben, und doch haben sie im japanischen sowie im gegenwärtigen Kriege viele Juden zu hohen Auszeichnungen vorgeschlagen. Keiner von ihnen hat behauptet, daß die jüdischen Soldaten den christlichen Kameraden irgendwelcher Nationalität nachstünden. Nur in einem Punkte unterscheiden sich die jüdischen Soldaten von ihren russischen Mitkämpfern : sie plündern nicht und stehlen nicht im Feindesland (daß sie keine Grausamkeiten verüben, ist selbstverständlich). Das haben ostpreußische Gutsbesitzer und Bauern bezeugt, und das haben auch polnische Bauern und christliche Städter in Galizien bekundet. In Oesterreich-Ungarn haben sich die Juden im Heere, sowohl die Mannschaften als die Offiziere, deren es dort sogar ___ in sehr hohen Stellungen gibt, die volle Achtung und die herzliche Anerkennung der Heeresverwaltung und des Allerhöchsten Kriegsherrn in einem so hohen Maße erworben, wie man es nicht a\ hoffen gewagt hätte. Die galizischen Juden allein haben ingefähr achtzigtausend Soldaten ins Feld geschickt. Sie bilden im Unteroffizierkorps ■iin ungemein nützliches, mitunter sogar unentbehrliches Element; sie stellen auch viele Reserveoffiziere, vom Kadetten aufwärts. Im ersten Abschnitt des Krieges allein >ind vor dem Feinde zahlreiche jüdische Offiziere gefallen (man spricht von hundertfünfzig). Mehrere haben Ludwig hohe und höchste Kriegsdekorationen erhalten; junge jüdische Offiziere aus Lemberg, Stanislau und Tarnopol haben vor Lüttich, Namur, Maubeuge und in Ostpreußen die österreichischen Motorbatterien kommandiert*); die jüdischen Mannschaften schlagen sich tapfer und ausdauernd, die jüdischen Kadetten werden mit Vorliebe zum Ordonnanzdienst und ähnlichen Leistungen verwendet, die Kaltblütigkeit, Entschlossenheit, Findigkeit, erhöhte Wachsamkeit, unbedingte Vertrauenswürdigkeit erfordern. Die Hingebung und die Opferfreudigkeit der jüdischen Bevölkerung, besonders in Galizien, hat die Armee und ihre Führer, bis zu den höchsten Stellen hinauf, mit Dank erfüllt. Es wird fortab nicht ratsam sein, vor einem österreichischen oder *) Der Zeitpunkt ist noch nicht gekommen, um die Waffentaten der jüdischen Teilnehmer am Kriege, wenigstens auf deutscher und österreichischer Seite, für die Erinnerung der Nachwelt festzuhalten. Folgende Fälle seien hier nur nebenbei notiert. Der frühere Vizepräsident der Stadt Lemberg, Dr. Tobias Aschkenasy, Präsident der Lemberger Advokatenkammer, wurde, kaum von einer schweren Krankheit genesen, als Reserveleutnant einberufen, er erhielt das Kommando über eine der wichtigsten Grenzstädte Ostgaliziens. Er führte seine Truppe mit erstaunlicher Kühnheit und Umsicht und hat durch seine Haltung die Bewunderung der Armeeleitung erweckt. Dem Major des 11. Haubitzenregiments, Moritz M a n s c h wurde in Anerkennung seines tapferen Verhaltens vor dem Feinde das Militärverdienstkreuz mit der Kriegsdekoration verliehen. Der so Ausgezeichnete ist Sohn des 1891 zu Lemberg verstorbenen Advokaten Dr. Philipp Mansch, der als einer der besten Kenner des österreichischen Zivilrechtes galt, wegen seiner hohen, umfassenden Bildung und seines lauteren Charakters sich großer Wertschätzung erfreute; er war der Schöpfer des Organisationsstatuts der Lemberger jüdischen Gemeinde, in deren Kultusrat er jahrelang verdienstlich und erfolgreich gewirkt hat. Er war auch einer der Begründer des galizischen Kulturvereins „Schomer Israel", in dessen Organ „Der Israelit" er mehrere wertvolle Arbeiten veröffentlichte, u. a. eine umfangreiche Studie über die jüdisch-deutsche Sprache, die bei Linguisten und Philologen große Anerkennung fand und heute noch als unübertroffen gilt. Der Ingenieur Jakob Ornstein, Leutnant beim 13. Eisenbahnerregiment, wurde für seine hervorragenden Leistungen im Felde vom Deutschen Kaiser mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse ausgezeichnet; der Generaloberst von Hindenburg ließ sich diesen tapfern österreichischen Offizier persönlich vorstellen. Jakob Ornstein entstammt einer hochangesehenen ga- Frank lizischen Rabbinerfamilie.