Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
- Article
- Der Krieg als Lehrmeister
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 635 - 636 (sequence 6)
- Language
- German
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635 Der Krieg als Lehrmeister. 636 ring einen leiblichen Neffen von Ernst Moritz Arndt kennen gelernt, der sich durchaus als Russe fühlte, obwohl er ausgezeichnet Deutsch sprach; er verabscheute die deutsche Rasse, die Russen waren ihm das auserwählte Volk, berufen, die Deutschen zu unterjochen und die Welt zu beherrschen. Viel edles Kulturgut hat dieser Krieg zerstört, aber die Menschen werden es wieder von neuem aufbauen. Wünschen möchte man aber, daß doch wenigstens auch die Kulturlügen mit untergehen. Vor allem die Rassentheorie. Und man muß dafür sorgen, daß sie nie wieder erwache, um das Leben der Menschen zu vergiften. DIE JUDEN A Es ist gewiß arg übertrieben, wenn behauptet wird, daß der innere, sittliche und kulturelle Wert eines Volkes sich erst im Kriege offenbare. Nein, durch die ruhigen Werke des Friedens, in der stillen, unscheinbaren, langsamen Arbeit des Alltags bewährt sich die Schöpferkraft, die Originalität und das Können einer Nation. Aber wahr ist es, daß der Krieg wie keine andere geschichtliche Erscheinung die Frage beantwortet, wieviel Tapferkeit, Todesverachtung, Disziplin, Organisationsfähigkeit, Opfermut und physische Leistungskraft in den Massen eines Volkes steckt. Das sind alles gewiß nicht die höchsten Tugenden des Menschen, aber sie sind im Kampf ums Dasein äußerst wertvolle Eigenschaften und fallen bei der Abschätzung auch des sittlichen und geistigen Wertes eines Volkes schwer in die Wagschale. Nun gehörte es zu den über uns Juden umgehenden Geschichtslügen, daß wir „feige", und schon darum allein kriegsuntüchtig wären. Auch Gehorsam und Disziplin sprach man uns gern ab. Freilich brauchte man nur in der Bibel zu blättern, um auf jeder Seite Tatsachen zu finden, die diese Meinung Lügen strafen. Bekanntlich hat Ulfilas die Bücher Josua und der Könige unübersetzt gelassen, weil er durch sie die Kriegslust der alten Germanen noch mehr aufzustacheln fürchtete. Die Ehrfurcht vor Moses, unserem Lehrer, scheut sich, ihn als Kriegsherrn zu würdigen, aber die Strategie des Josua bin Nun wurde von keinem geringeren als Moltke sehr hoch eingeschätzt. Und Jephtah, Gideon, Saul, Joab, König David und manche seiner Nachfolger, Jehuda, der Makkabäer und seine Sippe, müßten in den Kriegsannalen aller Zeiten wahrlich nicht den letzten Platz einnehmen. Die Verteidiger von Jerusalem haben selbst den Römern Achtung abgezwungen, und Kaiser Hadrian war genötigt, seine furchtbarsten Legionen aus Britannien herbeizukommaridieren, um den Aufstand des Bar Kochba in dritthalbjährigem, blutigem Ringen niederzuwerfen. Die Juden waren als Söldner in den römischen, syrischen und ägyptischen Heeren geschätzt. Die Erzählung von jenem jüdischen Krieger, der die Angst einer ganzen KRIEGER. Legion vor einem Vogel, dessen Flug ihr Unheil zu verkünden schien, zerstreute, indem er den Vogel herabschoß, beweist, daß die Juden auch im Kriegsdienste ihren reinen Gottesglauben bewahrten. Später haben die Juden in Arabien mit den Arabern an Tapferkeit und Kriegstüchtigkeit gewetteifert. Und die Westgotenkönige, welche den Juden auf der iberischen Halbinsel das Leben zur Hölle machten, ließen sie in den Grenzpässen der Pyrenäen unbehelligt, mit der ausdrücklichen Begründung, daß sie diese vor dem vom Norden herandringenden Feind tapfer verteidigten. Freilich haben jahrhundertelange Entwöhnung von den Waffen, unaufhörliche Unterdrückungen und Verfolgungen, Erniedrigung und Herabsetzung, Austreibung und Zusammenpferchung in engen, luft- und lichtlosen Gassen, der mangelnde Verkehr mit der freien Natur die Wehrfähigkeit und Kriegstauglichkeit der Juden stark herabgemindert. Gleichwohl hat schon am Ausgang des 18. Jahrhunderts ein jüdischer Heerführer in Polen, Berko Joselowicz, an der Spitze einer jüdischen Freiwilligen-Legion, an den Polenkämpfen unter Napoleon, sich so aus gezeichnet, daß er den polnischen und franzö sischen Generalen Hochachtung abnötigte. Ers vor drei Jahren hat ihm ein polnischer Magna1 auf seinem Gut einen Denkstein gesetzt. In dei Freiheitskriegen haben die deutschen Juden al Freiwillige neben ihren christlichen Mitbürgeri ebenso tapfer und hingebungsvoll wie diese ge kämpft. Im Deutsch-Französischen Kriege habei ihrer noch viel mehr die Blutsteuer entrichtet keine Stimme ist laut geworden, die ihre Kriege tüchtigkeit geringer eingeschätzt hätte, als di ihrer christlichen Mitbürger. Und dennoc! wollte das allgemeine Vorurteil nicht zum Schwe gen kommen, daß es den Juden an Mut und ai allen sonstigen Soldatentugenden fehle. Arn Ende glaubten wir Juden selber daran umi machten sogar Witze — nicht immer sehr geschmackvolle — darüber; und dies hat u. a. auch nicht viel dazu beigetragen, unsere Selbst achtung zu erhöhen. Das wird nun hoffentlich jetzt gründlich anders werden. In diesem Kriege stehen in allen