Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
- Article
- Der Krieg als Lehrmeister
- Date
- 1914-09-01
- Page
- Seite 639 - 640 (sequence 8)
- Language
- German
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639 Per Krieg als Lehrmeister 640 ungarischen Offizier von der militärischen Minderwertigkeit oder gar von der Feigheit der Juden zu reden. Denn der österreichische und ungarische Offizier könnte darob sehr unhöflich werden. In Deutschland haben die Juden die alte rühmlicheTradition von den Befreiungskriegen und dem Jahre 70 her aufs neue in noch erhöhtem Maße bewährt. Sie sind nicht nur ihrer Pflicht nachgekommen, was ja selbstverständlich ist, sondern haben eine erstaunlich hohe Zahl, eine weit höhere als es ihrer Bevölkerungsziffer entspricht, von Kriegsfreiwilligen gestellt. Viele haben schon ihre Vaterlandsliebe mit dem Tode besiegelt, als der Edelsten einer ist Ludwrig Frank zu nennen, der, ein unerschrockener Kämpfer für den Frieden, sein reiches, fruchtbares und hoffnungsvolles Leben im Kriege gelassen hat. Viele, sehr viele werden mit dem Eisernen Kreuz oder noch höheren Auszeichnungen heimkehren. Es wird fürderhin keiner mehr wagen, ihre Tapferkeit, ihre persönliche Kriegstüchtigkeit in Zweifel zu ziehen. Daß sie nicht Offiziere werden könnten, „weil ein echtbürtiger Arier es unter seiner Würde halten müßte, einem Juden Gehorsam zu zollen" — wie Herr Maximilian Harden versicherte —, dies Argument ist so lächerlich und nichtswürdig, daß es nicht dem Gehirn eines deutschen Soldaten, sondern nur eines getauften Juden, der selber nie Pulver gerochen, entspringen konnte. Die Armeeleitung hat demnach schon jetzt eine größere Anzahl Juden zu Offizieren befördert. Es braucht nicht erst hervorgehoben zu werden, daß die jüdischen Bürger an pekuniärer Opferwilligkeit und persönlicher Hilfstätigkeit für die Soldaten und deren Angehörige in erster Reihe standen. Geben, schenken und helfen war und ist die Leidenschaft des Juden. Aber nicht nur draußen wird das Märchen von der kriegerischen Minderwertigkeit der Juden verschwinden, auch im Innern wird ihr Selbstvertrauen zunehmen. Besonders im Osten wird die traditionelle demütige Haltung des Juden der unteren Klassen dem „Herrn" und dem Repräsentanten der bewaffneten Macht gegenüber einem würdigen, furchtlosen, gelassenen Auftreten Platz machen. Der Typus des geduckten, vor der brutalen Gewalt furchtsam zurückweichenden Juden, den man ungestraft anschreien und treten durfte: — ein Typus, der besonders bei gewissen Romanschreibern und Witzblättern beliebt war —, wird verschwinden. Die schweren Blutopfer werden nicht umsonst gebracht worden sein. EINE VERIRRUNG. (Zangwill als Anwalt Russlands.) Von B. W. S e g e 1, Lemberg. .Die weltbewegenden Ereignisse, die wir erleben, haben die Seelen der Menschen im Innersten aufgewühlt und aus der Tiefe ungeahnte, große und edle, aber auch wüste und trübselige Leidenschaften emporsteigen lassen. Die Wirkungen, auf den Intellekt der Zeitgenossen jedoch scheinen sieh vorwiegend negativ zu äußern, die Affekte trüben das klare Urteil, und so wagt sich manche Anschauung in die Oeffentlichkeit, die man nur als eine bedenkliche Verirrung bezeichnen kann. Oder ist es etwas anderes als eine Verirrung, wenn Israel Zangwill in London an die Juden der neutralen Staaten, insbesondere Amerikas, einen Aufruf erläßit, in welchem er Englands Bündnis mit Rußland zu rechtfertigen sucht und um Sympathien für die Verbündeten, in diesem Kriege wirbt? Zangwill hat gewiß die von seinem Standpunkte aus löbliche Absicht, seinem Vaterland einen guten Dienst zu leisten, und es zeugt für den praktischen Sinn der englischen Staatsmänner, daß sie bestrebt sind, ihre Politik in den Augen der Juden von; dem Makel reinzuwaschen, den das Zusammengehen mit Rußland auf sie geworfen hat. Freilich mag man mit Recht bezweifeln, ob Zangwills Kenntnis der Sachlage ihn überhaupt befähigt, in dieser Frage das Wort zu ergreifen, ob er die ihm als Novellisten gezollte Anerkennung nicht ein wenig überschätzt und gefährdet, wenn er seinem jüdischen Publikum ein so schweres Opfer an Intellekt und Gefühl zumutet. Immerhin ist sein Auftreten geeignet, das Urteil der jüdischen Oeffentlichkeit zu verwirren und darf also nicht ohne richtige Beleuchtung durchgelassen werden. Auf den ersten Blick muß Zangwills Aufruf ungeheuer verblüffen. Wie? Neun Zehntel der Juden Amerikas und Englands tragen an ihrem Leibe noch die blutigen Striemen, welche die Liebkosungen des Zaren und seiner Getreuen hinterlassen haben. Sie denken mit Grauen an die Martern zurück, die sie in der Heimat erdulden mußten, noch sind aus ihrer lebendigen Erinnerung die Jahre 1903, 1905 und 1906, die Greuel von Kischinew, Odessa, Hornel, Schitomir, Kiew und vieler anderer Ortschaften nicht verwischt, Nun hat sich das „glorreiche'', von der Aureole des Kulturträgers und Völkerbeglückers umstrahlte England, welches seit jeher als Hort der Freiheit, als Freistatt aller Verfolgten und