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Ost und West · 1914-09-01 · Heft 9-12 (September-Dezember 1914) · p. Seite 631 - 632

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
Article
Der Krieg als Lehrmeister
Date
1914-09-01
Page
Seite 631 - 632 (sequence 4)
Language
German
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631 Der Krieg als Lehrmeister. 632 umspannenden Handel schufen — das kann man ihnen nicht verzeihen. Das ist die Psychologie des Deutschenhasses, und es ist auch die Psychologie des Judenhasses. Jahrhundertelang war das jüdische Volk das corpus vile von ganz Europa, vollkommen rechtlos, erniedrigt und getreten; erst seit einem Menschenalter hat das Gesetz auf dem Papier seine Gleichberechtigung ausgesprochen. Die Erinnerung an den vorangegangenen Zustand ist noch allenthalben lebendig. Nun sollen die Söhne derer, die noch selbst den Juden straflos anspeien, ihn als minderwertiges Wesen, als Menschen zweiten Ranges behandeln durften, in ihm einen gleichberechtigten Mitbürger achten, ihm vielleicht gar als Vorgesetztem gehorchen! Wenn man seine Tugenden und Fähigkeiten, seine moralische Höhe und seine intellektuelle Leistung zu bewundern gezwungen ist, um so schlimmer für ihn; das verzeiht man ihm erst recht nicht. Dagegen empört sich die durchschnittliche gemeine Menschennatur, die ihre Energie lieber im Verachten und Geringschätzen, im Erniedrigen, Demütigen und Hassen des Nächsten entlädt, als in der Bewunderung, in der Liebe und in der Hochschätzung. Wenn unbefangene Menschen über den Haß, den die Deutschen jetzt erleben, tiefer nachdenken, wird ihnen vielleicht über das Wesen und die Bedeutung des Judenhasses das rechte Licht aufgehen. DIE RASSENTHEORIE UND DER KRIEG. Niemand hat im letzten Jahrzehnt mehr dazu beigetragen, wüsten, unversöhnlichen, grausamen Haß unter den Menschen, unter den Kindern desselben Landes zu säen, als die Verkünder der Rassentheorie, allen voran Houston Stewart Chambeiiain. „Rasse ist Schwindel", hat Friedrich Müller, einer der Begründer der modernen Anthropologie, gesagt, so unsicher und schwankend sind derzeit noch die Grundlagen, auf denen sich die Einteilung des Menschengeschlechts in Rassen aufbaut. Viel mehr als der Augenschein über die Verschiedenheit der Hautfarbe und des äußeren Körperbaus lehrt, weiß die Wissenschaft, die aufrichtige und ehrliche Wissenschaft auch nicht. Dennoch hat sich eine Lehre breit gemacht, die sich vermaß, den Völkern je nach ihrer angeblichen Rassenzugehörigkeit das Recht, auf dieser Welt zu leben und zu atmen, zuzuerkennen oder abzusprechen. Mit größter Schroffheit und grausamstem Hochmut hat Chamberlain diese Lehre vertreten, ein geborener Engländer, der in Deutschland aufgewachsen ist. Danach gab es eigentlich nur eine edle Rasse, die, welcher er, Chamberlain, entsproß. Diese war der Zweck der Schöpfung, die erlesenste Blüte des Menschengeschlechts, der einzige Sinn der Welt. Alles Große, Edle, Schöne, Starke, Hoheitsvolle, Inhaltstiefe war ihre ausschließliche Schöpfung und ihr ausschließliches Erbe. Auf der Schattenseite der Weltgeschichte, als das Volk Ahrimans, im ewigen Kampfegegen dasKeich des Lichtesfür die Macht der Finsternis, standen die anderen Rassen: Romanen, Kelten und unter ihnen die schlimmsten, die Semiten, genauer: die Juden, von denen alles Böse und jegliches Uebel herkam. Alles Gemeine, Niedrige und Verwerfliche war ihr Werk. Alle edlen und großen Männer der Vergangenheit, mochten sie zufällig unter welcher Rasse immer geboren und aufgewachsen sein, ernannte Chamberlain zu seinen Rassengenossen. Daß Dante ein Urgermane und die „Göttliche Komödie", „das größte germanische Gedicht'1 war, ist noch das kleinste der Wunder. Allein auch an Jesus, dem Nazarener wurde diese Standeserhöhung, zweitausend Jahre nach seinem Tode, vollzogen. Und für konsequente Rassentheoretiker war es zweifellos, daß z. B. König David und die Propheten Israels gar keine Semiten und erst recht keine Juden waren. So wurden alle anderen Rassen ihrer ureigensten, edelsten Schöpfungen beraubt und standen ohne Verdienst, jeglicher geistigen und ethischen Werte bar, in schmachvoller Niedrigkeit da. Aber nicht nur einzelne hohe Persönlichkeiten der Vergangenheit, auch ganze Völker der Gegenwart wurden von den Rassentheoretikern für sich in Anspruch genommen. So namentlich „das mächtige Volk der Russen", von welchem Chamberlain mit allem Nachdruck behauptete, es sei „germanisch". Und jeder, der daran zweifele, sei ein Bösewicht oder ein Narr. Eine Eigenschaft war es offenbar, weicht Chamberlain die Russen so teuer machte, der Judenhaß, als dessen Ausdruck die Pogroms erschienen. Diese Russen leuchteten der ganzen gesitteten ariogermanischen Welt mit dem Beispiel voran, wie man das semitische Uebel kurzer hand aus der Welt räumt. -* Diese Rassentheorie ist im Grunde der denk bar gröbste Materialismus. Nach ihr ist das Entscheidende in der Menschengeschichte nicht der

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