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Ost und West · 1914-09-01 · Heft 9-12 (September-Dezember 1914) · p. Seite 629 - 630

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
Article
Der Krieg als Lehrmeister
Date
1914-09-01
Page
Seite 629 - 630 (sequence 3)
Language
German
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629 Der Krieg als Lehrmeister. 630 zuschreiben, einen so starken und elementaren Haß auszulösen. Uebrigens läßt das Auftreten und, was wichtiger, die Herrschaft der Engländer überall in der Welt an Brutalität und Rücksichtslosigkeit nichts zu wünschen übrig. Und die äußere Politesse ist dabei gar kein Hindernis. Auch der Neid auf Deutschlands prächtiges Gedeihen ist kein genügender Erklärungsgrund, denn der Neid müßte gegen Englands Weltherrschaft, gegen Frankreichs unerschöpflich scheinenden Goldreichtum und Rußlands kolossale, im umgekehrten Verhältnis zu seiner geistigen Bedeutung stehende Gewalt sich ja noch wütender austoben. Daß die Deutschen wegen ihres Tätigkeitsdranges und ihrer Rührigkeit von den passiven, beschaulichen Russen gehaßt werden, ist wahr, allein dasselbe müßte auch von den Engländern und in noch höherem Maße von den quecksilbernen, ewig unruhigen Franzosen gelten. Die Wahrheit ist aber folgende: der Haß gegen die Deutschen ist grundloser Haß. Er entspringt nicht dem Zorn über erlittene Unbill, unverdiente Kränkung, er ist sozusagen platonischer Haß. Die ethische Terminologie des Judentums kennt den grundlosen Haß mn rautr („sin'ath chinnam") nur zu gut, und er gilt ihr als das schlimmste der Uebel; um nichts wird so inbrünstig gebetet, wie um Bewahrung vor grundlosem Haß. Er zerstört die Staaten, zerhißt die Familien und vernichtet die Seelen. Oer Haß gegen Deutschland ist tief verwandt mit dem Antisemitismus. Auch wir Juden fragten uns erstaunt, „warum haßt man uns so?" Unsere Sünden, die man als Rechtfertigungsgründe für den Haß wider uns inführte, waren ja allgemein menschlich. Unsere Tugenden wurden zu Lastern umgestempelt, was oei anderen ein Vorzug war, wurde uns als irger Fehler, als verwerfliche Eigenschaft angerechnet. Wir mochten tun, was wir wollten, mmer wurden wir zur Verbrennung verdammt. Jnd wie oft wurde von den Antisemiten die Ulgemeinheit des Judenhasses als Beweis angeführt, daß die Juden ihn redlich verdienten! Vir selber wurden am Ende nur zu oft irre in uns und dachten, „es muß doch wohl etwas laran sein." Es war aber in Wirklichkeit nichts laran, der Haß war grundloser Haß. Aber dem Menschengeist wohnt ein Kausaliätsbedürfnis inne und ein Drang, seine Unarten ind Laster zu rechtfertigen. Darum dichtet er dem, lern gegenüber er ein unreines Gewissen hat, ninterdrein noch allerlei böse Eigenschaften und Missetaten an. Daher die Verleumdung des grundlos Angefeindeten. Was die englische, französische und russische Presse auf diesem Gebiete Deutschland gegenüber leistet, ist unübertroffen und findet sein Gegenstück nur in den Anschuldigungen, die die Antisemiten den Juden entgegenschleuderten. Es wirkt schon fast komisch, wenn die Russen, ihren westlichen Lehrmeistern hierin folgend, die Deutschen als Hunnen oder mindestens Barbaren bezeichnen. Hervorragende Schriftsteller und Gelehrte, Historiker und Kritiker von scharfem, skeptischem Geiste scheuen sich nicht, unerhörte, fast kindisc'h anmutende Märchen über die angeblichen Greueltaten der Deutschen zu glauben und zu verbreiten. Daß deutsche Damen Halsketten aus den Augen verwundeter Feinde tragen, ist noch lange nicht das Schlimmste, was in der Well verbreitet wird. Man traut seinen Augen nicht und ist erstaunt über die große Erfindergabe und die Kühnheit der menschlichen Phantasie. Es fehlt nur noch, daß man in feindlichen Zeitungen liest, die Deutschen schlachten belgische Kinder und verzehren ihr Blut zu Weihnachten. Unwillkürlich denkt man an die Anklagen gegen Juden wegen Hostienschändung und Blutritual. Die Analogie zwischen dem Deutschenhaß und dem Antisemitismus erstreckt sich aber auch auf die unbewußte seelische Motivation. Es ist nicht die gewöhnliche Mißgunst, die den Haß gegen die wachsende ökonomische und politische Bedeutung der Deutschen hervorruft, sondern die Wendung in ihrer Geschichte, welche die ganze heutige Welt noch miterlebt hat. Alle wissen noch ganz genau, wie ohnmächtig Deutschland im Zustande der Zerrissenheit und der Kleinstaaterei gewesen. Alle erkennen willig die geistige Superiorität des Volkes der Dichter und Denker an, aber daß dieses Volk der Dichter und Denker so rasch eine große wirtschaftliche, politische und militärische Macht sich erobert, eine gebietende Stellung errungen, seinen Willen in der weiten Welt zur Geltung gebracht hat, das ist ihnen ein Dorn im Auge. Sie können sich diesem neuen Zustand nicht anbequemen, sie haben sich an ihn noch nicht gewöhnt. Das verleiht dieser Mißgunst den besonderen Stachel und steigert sie zum bittern Groll und zum unversöhnlichen Haß empor. Sie hätten nichts dagegen, wenn die Deutschen sich in alle Ewigkeit begnügt hätten, philosophische Systeme zu bauen, wunderschöne Gedichte zu machen, Oratorien, Symphonien und Opern zu komponieren, die Natur zu erforschen und sich in das Wesen und in die Geschichte des Geistes zu vertiefen; aber daß sie daneben auch zu einem großen, freien und unabhängigen Volke zusammenwuchsen, eine unvergleichliche Technik, eine gewaltige militärische Kraft, eine große Industrie und einen weit-

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