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Ost und West · 1914-09-01 · Heft 9-12 (September-Dezember 1914) · p. Seite 627 - 628

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 9-12 (September-Dezember 1914)
Article
Der Krieg als Lehrmeister
Date
1914-09-01
Page
Seite 627 - 628 (sequence 2)
Language
German
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627 Der Krieg als Lehrmeister. 628 des Vaterlandes. Sie verkünden einen unauslöschlichen Haß wider alle Fremden; der Fremde wird ihnen gleichbedeutend mit dem Feind, gleichwie in den Urzeiten der Menschheit. Zarte, feingebildete Frauen predigen den „heiligen, den großen, den ewigen, unauslöschlichen Haß'', Poeten besingen ihn in heiseren, wütenden Versen, Philosophen suchen ihn ethisch zu begründen und zu rechtfertigen, sogar als einen moralischen Imperativ hinzustellen; Gelehrte zerreißen alle edlen Bande, die sie mit den Gleichstrebenden in den feindlichen Ländern verknüpften. Zerbrochen scheinen die Werke der Kultur, die die Völker in gemeinsamer Arbeit hervorgebracht haben, als sollte der Krieg ewig währen, als sollte nie wieder Frieden werden. Der Haß ist ein natürlicher menschlicher Affekt, er kann edel sein, wenn er dem Zorn entspringt, dem Zorn über erlittenes Unrecht, unverdiente Demütigung. Aber dann ist er vergänglich gleichwie der Zorn, er verrauscht, wenn das Unrecht gutgemacht, die unverdiente Demütigung gesühnt ist. Oft verwandelt er sich dann in ruhiges Wohlwollen, manchmal sogar in Liebe. Der Haß ist krankhaft, wenn er grundlos ist, Haß um des Hasses willen, unfruchtbar, wühlend und eiternd. „Unauslöschlich." Ein solch grundloser Haß ist es, der sich jetzt über Deutschland ergießt. Ueberrascht und staunend sehen die Deutschen, wie allenthalben ein Haß gegen sie emporzüngelt, von dessen Stärke und Ausdehnung sie bisher keine Ahnung hatten. Nicht nur unverdient, „grundlos" ist dieser Haß, er hat häufig noch den bitteren Beigeschmack der Undankbarkeit. Was hat Deutschland den Engländern, was hat es den Russen je Böses getan, daß sie es so bösartig und infernalisch hassen und den Vernichtungskrieg gegen das deutsche Volk und Reich predigen? Welch ein eingewurzelter und sinnloser Haß spricht aus dem Wunsch des Lord Curzon, bengalische Reiter möchten ihre Lanzen in den Straßen Berlins funkeln lassen, und braune Gurkhas sich in den Parks von Potsdam sonnen! Ganz barbarisch und roh äußert sich dieser Haß in Rußland, wo der Zar, selber zu neun Zehnteln ein Deutscher dem Blute nach, Gatte einer Deutschen und mit deutschen Fürsten blutsverwandt, auf kindische Weise gegen alles Deutsche wütet und sogar den deutschen Namen seiner Hauptstadt abschafft. Dabei bedenke man, wieviel England und erst Rußland in geistiger und materieller Beziehung der deutschen Kraft und der deutschen Arbeit verdanken. Deutschland, in dem England einen gefährlichen Konkurrenten zu vernichten strebt, ist nebenbei Englands bester Kunde, und ohne die Resultate der deutschen naturwissenschaftlichen Forschung wäre die englische Technik nie das geworden, was sie jetzt ist. Von Shakespeare bis Byron, Mill, Darwin, Spencer haben Englands führende Geister nirgends in der Welt, bisweilen nicht einmal in England selber, so viel Verständnis gefunden wie in Deutschland. Rußland wäre verarmt, wenn es nicht in Deutschland Absatz für seine Agrarprodukte fände, und durch dessen Industrie seine eigene Gewerbetätigkeit befruchten könnte. Rußlands Diplomatie und Kriegskunst haben ihre besten Kräfte aus deutschem Stamm gesogen. Was an Wissenschaft, Philosophie und sonstiger geistiger Kultur in Rußland lebt, wurzelt in Deutschland. Rußlands größte Dichter haben es als ihren höchsten Triumph angesehen, ins Deutsche übersetzt und von Deutschen verstanden und kommentiert zu werden. Jede deutsche Uebersetzung Dostojewskis, Tolstois, Gorkis, Tschechows, jeden deutschen Zeitungsartikel über einen russischen Dichter verkündeten russische Zeitungen als einen moralischen Erfolg ihrer Nation. Und nun auf einmal dieser Haß! Das Erstaunlichste aber ist der Deutschenhaß in den neutralen, auch den stammverwandten Ländern. Er tritt maskiert und verhalten auf, ist aber nichtsdestoweniger kräftiglich fühlbar und berührt um so schmerzlicher. In einem der neutralen Länder, einem halbbarbarischen Staat, der eine radikal-freiheitliche Konstitution, aber ungefähr neunzig Prozent Analphabeten zählt und sich zu dem Gebrauch der Seife noch nicht aufgeschwungen hat, werden die Deutschen mit dem lieblichen nationalen Kosewort „stinkende Männer" bezeichnet. Der Haß gegen Deutschland ist allgemein. Man hat es in letzter Zeit mehrfach versucht, dieser seltsamen völkerpsychologischen Erschei nung auf den Grund zu kommen. Ein hervorragender Publizist schrieb am 25. Oktober in der „Frankfurter Zeitung": „Warum haßt man uns so, daß wir geächtet und aus der Gesellschaft der kultivierten Menschen ausgeschlossen sein sollen? Gewiß, es hat sich mancher Deutscht in vergangenen Jahren durch eine gewisse Ueberheblichkeit mehr der Erscheinung als des Auf tretens unbeliebt gemacht. Unseren Ober schichten fehlt die ausgeglichene, unauffällige Weltgewandtheit der gleichen Klassen Englands und Frankreichs. Die weniger aristokratischen Manieren eines Teils unserer juristisch-militärischen Klassen mochten gelegentlich ver stimmen. . ." Ein Tröpfchen Wahrheit mag in diesen Erklärungen enthalten sein. Allein, es ist übertrieben, solchen Imponderabilien die Kraft zu-

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