Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1914)
- Article
- Bericht aus der Türkei
- Date
- 1914-07-01
- Page
- Seite 523 - 524 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2583875-2584047-2584054-2596892--15726-2596942- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
523 Bericht aus der Türkei. 524 der letzten vierzehn Tage in bestimmten Klassen oder während der Pausen oder selbst außerhalb der Schule zugetragen haben, damit deren Wiederholung verhütet werden kann. Die Lehrer machen ihrerseits Bemerkungen über Angelegenheiten, die die ihnen anvertrauten Klassen betreffen oder über irgendeine Frage von allgemeinem Interesse, die sie von neuern zu prüfen und, wenn es angeht, zu ändern wünschen. Es ist selbstverständlich, daß Bemerkungen und Beobachtungen mit dem erforderlichen Takt und Feingefühl vorgebracht und hingenommen werden, die das Selbstbewußtsein und die Empfindlichkeit des einzelnen zu schonen geeignet sind. Im übrigen sind unsere Diskussionen! sachlich begrenzt, ruhig und freundschaftlich. Die Hilfs-Lehrer und -Lehrerinnen nehmen an den Zusammenkünften teil, und auf ihren Wunsch wohnt ihnen auch die Direktorin der Mädchenschule, Frau Gueron, mit ihren Lehrerinnen bei. Nach dem ersten Teil dieses Berichts kann das Zentralkomitee sich eine Vorstellung von der üblen Lage machen, in der sich die jüdische Gemeinde von Adrianopel befindet. Die Bevölkerung hat nicht abgenommen, sondern ist im Gegenteil gewachsen. Nur sind an Stelle von einigen reichen oder wohlhabenden Familien, von einflußreichen oder großherzigen Notabein, von jungen, für den Kampf ums Dasein hinreichend gewappneten Männern jetzt neue Familien getreten, die in größter Not leben, ein Zufluß von Bittstellern und Landflüchtigen jeden Alters, von Witwen und Waisen, für deren Bedarf die Gemeinde von Adrianopel aufkommen muß. Die Reservefonds der Wohlfahrtsgesellschaften und der hiesigen Institute waren nach den ersten Wochen der Belagerung erschöpft; die von der „Alliance" und von dem „Verband der jüdischen Vereine'' aus dem Abendland gesandten Gelder haben sich trotz ihrer bedeutenden Höhe im Laufe von drei Monaten verflüchtigt, so daß gegen Ende des Monats Juli nichts mehr an die Armen zu verteilen blieb, die seit einem Jahre von Unterstützungen gelebt hatten. Darum hatte der Gemeindevorstand in seiner Entmutigung und Ohnmacht die Absicht kundgetan, sein Amt niederzulegen und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Aber bald hat er sich wieder gefaßt und von neuem die Frage geprüft, auf welche Weise er diese so traurige Lage bessern könnte. Leider muß zugegeben werden, daß die einzige Einnahme, auf die die Gemeinde zurzeit rechnen darf, die Fleischsteuer ist, und daß diese Einnahme kaum zur Bestreitung der Schullasten ausreicht; für das übrige muß doch wieder auf die jüdische Wohltätigkeit des Abendlandes gerechnet werden: zuerst auf die Alliance und dann auf den Verband der jüdischen Vereine. Man hoffte, daß, wenigstens für einige Zeit, bis in dieser unglückseligen Gegend die geschäftliche Tätigkeit wieder einsetzt, von der sie vordem gelebt hat, der weitere Zufluß von Hilfsgeldern seitens dieser Gesellschaften der Gemeinde Adrianopel nicht versagt werden wird, die vom Krieg mit am schwersten heimgesucht worden ist. Diese Hoffnung hat nicht getrogen. Auf ein neues vom Gemeindevorstand an die Alliance gerichtetes Bittgesuch hat das Zentralkomitee wieder für das Schuljahr 1913/14 die vollständige Gehaltszahlung für alle Lehrer der Knabenschule und der Mädchenschule übernommen, außerdem fast die gesamten vorhergesehenen Ausgaben für Beköstigung und Bekleidung der armen Kinder, sowie für Unterrichtsmittel und Heizung. Mitrani. Mossul. Am 21. Dezember 1913 hat der neue Vali von Mossul, Exzellenz Suleyman Nasif Bey, unsere Schule mit seinem Besuch beehrt. Suleyman Nasif Bey ist eine der ausgezeichnetsten Persönlichkeiten der Türkei. Er ist der Schwiegervater des Ministers für den öffentlichen Unterricht, eines der einflußreichsten und aufgeklärtesten Mitglieder der jetzigen Regierung. Als einer der größten Gelehrten, die die Türkei jemals gehabt hat, beherrscht er die französische Sprache vollständig. Er hat kürzlich als Delegierter der Regierung Herrn Pierre Loti bei seinem Besuch in Konstantinopel mit einer französischen Ansprache begrüßt, die von allen Zeitungen der Hauptstadt wiedergegeben wurde. Er ist nach Mesopotamien geschickt worden, um diese Provinz zu reorganisieren, auf die sich fortan die ganze Aufmerksamkeit der Pforte konzentrieren wird. Wenige Tage nach seiner Ankunft sprach er sich dahin aus, daß er seine besondere Aufmerksamkeit auf zwei Punkte richten wolle: auf die öffentlichen Wege und auf die Schulen. Er ließ auch sofort eine Karte von Mossul anfertigen und ordnete den Durchbruch eines ungeheuren Boulevards von zwanzig Meter Breite an, der die Stadt Mossul in ihrer ganzen Länge durchziehen soll. Die einschlägigen Arbeiten haben bereits begonnen. Dieses gewagte Unternehmen bedingt außer der Zerstörung einiger hundert Wohnhäuser auch die Niederlegung von vier oder fünf Moscheen. Noch mehr: nach einer Schulinspektion untersagte er den Scheikhs und Mollahs, die mit einigen Kindern umherziehen, um ihnen das Lesen des Koran beizubringen, das Betreten der Moscheen zum Zwecke dieses Unterrichts. Er schaffte auf diese Weise alle diese altmodischen Schulen ab und zwang dadurch die Kinder zum Besuch der modernen Schulanstalten, die glücklicherweise in ausreichender Anzahl in Mossul vorhanden sind. Diese verschiedenen Maßregeln, die unsere fanatische Bevölkerung unfehlbar gegen jeden anderen Vali aufgebracht hätten, sind selbst von den Notabein mit Ergebung aufgenommen worden, weil sie sehr wohl die Vollmacht kennen, mit der Seine Exzellenz Suleyman Bey ausgestattet ist. Um Ihnen eine noch genauere Vorstellung von der Bedeutung zu geben, die er dem Unterricht und der Erziehung der Kinder beilegt, teile ich Ihnen noch mit, daß er die Begründung eines Kindergartens plant, in dem alle kleinen Kinder der Stadt nach modernen Methoden erzogen werden sollen. Seine Exzellenz Suleyman Bey kennt die Allianceschulen in der Türkei und hat mir mit aufrichtiger Bewunderung davon erzählt, ^Ich bin ganz besonders glücklich darüber/' sagte er zu mir, als ich ihn mit einigen jüdischen Notabein nach seiner Ankunft besuchte, „daß das Werk der Alliance sich bis in diese Ausläufer erstreckt." Und als er erfuhr, daß im Laufe dieses Jahres vielleicht noch andere Ortschaften unseres Vilajets Allianceschulen erhalten sollten, erklärte er: ,,Sie können voll und ganz auf meinen aufrichtigen Beistand rechnen, um Ihr Werk in meinem Vilajet bestens zu fördern. Ich werde Ihnen mit um so größerem Vergnügen helfen, weil die Wohltaten Ihres Werkes in der Türkei mir wohlbekannt sind, und weil auch hier das Ziel, für das ich meine besondere Tätigkeit entfalten will, genau dasselbe ist, wie Ihr eigenes: der Unterricht der Kinder." Sie können sich wohl den berechtigten