Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1914)
- Article
- Ein altjüdisches Prachtwerk
- Date
- 1914-07-01
- Page
- Seite 511 - 512 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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511 G. Salomon: Ein altjüdisches Prachtwerk. 512 sehen würden.1) Schon der äußere Eindruck ist förmlich blendend. Es ist ein für unsere als materialistisch verschriene Zeit sehr ehrendes Zeugnis, daß sich ein Unternehmer fand, der mit solcher Selbstlosigkeit (denn zu „verdienen'' ist an solchen Sachen wohl nichts) keine Mühe und Opfer scheute, um diese Talmudtraktate in ein vornehm-prunkvolles, mit stiller, zurückhaltender Pracht wirkendes Gewand zu kleiden, daß es eine wahre künstlerische Augenweide ist. Herausgeber dieses Werkes ist der durch seine Talmudübersetzung bekannte Gelehrte Lazarus Goldschmidt. Es wird daher begreiflich erscheinen, daß er diesem mit seinem Lebenswerk in engster Berührung stehenden Unternehmen ein so überreiches Maß von Sorgfalt und Ausdauer gewidmet hat. Der Text des Werkes ist eine photomechanische Reproduktion des bekannten, im Besitz der Hamburger Stadtbibliothek befindlichen Codex 19, der die älteste aller auf uns gekommenen Talmud- Handschriften enthält, die im Jahre 1184 abgeschlossen wurde und überdies den Vorzug spanischen Ursprungs hat, der sich Einleitung und textkritische Anmerkungen in Typendruck anschließen. Von jeher wurden die von den spanischmaurischen Schulen und Autoritäten überlieferten Texte und Lesarten als die zuverlässigeren betrachtet. Die Juden der pyrenäischen Halbinsel fingen viel früher an, den Talmud zu pflegen, and empfingen ihn unmittelbar aus der Quelle. Auch die allgemeine Kultur stand in Spanien viel höher als im Norden. Es bedarf also zur Begründung der Superiörität der sephardischen Texte durchaus nicht der anfechtbaren Theorie von dem Charakterunterschied zwischen Sephardim und Aschkenasim, die Goldschmidt aufstellt, und deren eklatanteste Widerlegung er, der Aschkenasi, selber repräsentiert. Kurz und gut, das vorliegende, in Gerona hergestellte Exemplar der Ordnung Neziqin, das ein Gelehrter zum eigenen Gebrauch mit der größten Sorgfalt geschrieben, und zwar zu einer Zeit, als das verhängnisvolle, später vielgetadelte Emendieren der Texte sowie die Popularisierung des Talmuds durch meist unwissende, wenn auch kalligraphisch sehr geübte Berufs- und Lohnschreiber noch lange nicht im Schwünge war, besitzt für die Textkritik einen unschätzbaren Wert. Man wird diesen hohen Wert erst recht zu schätzen wissen, wenn man bedenkt, daß von den unzähligen Talmudexemplaren, die im Mittelalter existierten, infoige der von Staat und Kirche in verschiedenen Ländern J) Der Traktat Nezigin, d. h. Die zivilrechtswissenschaftliche Sektion des Talmud, bestehend aus den Traktaten Baba Qamma, Baba Mecja, Baba Bathra. (Cod. Hebr. 19 Bibl. Hamb.) Wichtigste, korrekteste und älteste talmudische Handschrift der spanischen Schule aus dem Jahre 1184. In photozinkographischer Faksimile-Reproduktion herausgegeben und mit textkritischen Scholien versehen von Lazarus Goldschmidt. XVI und 492 Seiten Großfolio (52X36,5 cm). Hergesteilt in 75 Exemplaren, und zwar 10 Exemplare auf Japan, Preis M. 650,—. 65 Exemplare auf Van Gelder-Bütten, Preis M. 450,—; und außerdem 1 Exemplar auf Pergament, Preis M. 2500,—. (Bei M. Poppelauer, Buchhandlung, Berlin C 2.) häufig angeordneten Talmudverbrennungen auf uns kaum etwa vierzig Bände gekommen sind, die in verschiedenen Bibliotheken aufbewahrt werden, aus denen sich aber leider kein vollständiger Talmud zusammensetzen läßt. In den mehr als 700 Jahren seit seiner Entstehung ist das vorliegende Exemplar durch die Hände verschiedener Besitzer gegangen, \ion denen manche auf den Rand, wie üblich, Bemerkungen, Varianten und Hinweise verzeichneten. U. a. war es lange Zeit Eigentum der in der jüdischen Literatur rühmlichst bekannten Familie del Medigo, die aus Kreta stammte. Zwei Mitglieder dieser Familie haben nach altem Brauch ihre Namen auf einem Schutzblatt der Handschrift verzeichnet. Der berühmteste Sproß dieses Hauses, der vielseitig gelehrte und wanderlustige Josef Salome Rophe, wirkte im 17. Jahrhundert in Hamburg, und durch ihn mag vielleicht die Handschrift in die Hamburger Stadtbibliothek gekommen sein, wo sie sich jetzt befindet. Lazarus Goldschmidt hat nun die drei Traktate mit bewundernswürdiger Geduld uad Liebe und großer Kunstfertigkeit vervielfältigen lassen. Das muß unsägliche Mühe gekostet haben. „An vielen Stellen war die Schrift für das bloße Auge überhaupt nicht mehr zu erkennen ... an anderen . . . die Tinte verflossen, daher verschwommen und zur Reproduktion ungeeignet. ... Es mußte daher eine oft aus mehreren Aufnahmen zusammengesetzte Pause hergestellt, die Schrift durch geschickte Lithographen ausgebessert beziehungsweise vollständig überzogen und der Schmutz auf technischem oder chemischem Wege entfernt werden; erst diese Pause war für den photographischen Apparat brauchbar und für die photomechanische üebertragung auf die Zinkplatte geeignet, die ebenfalls einer gründlichen lithographischen und technischen Behandlung unterworfen werden mußte." Mit diesen Worten ist jedoch nur ein kleiner Teil der Mühen geschildert, die es gekostet hat, bis dieses Meisterwerk der Reproduktionskunst hergestellt wurde. Jetzt begann erst Goldschmidts kritisch-wissenschaftliche Arbeit, deren Resultate in den zum Schluß des imposanten Bandes beigegebenen „Textkritischen Anmerkungen" in rabbinischer Sprache niedergelegt sind und auf die auch in der deutsch geschriebenen Einleitung hingewiesen wird. Es sei gleich vorweg bemerkt, daß Goldschmidt die in einer Fußnote zur Einleitung gegebene Charakteristik der Haggadah im Gegensatz zur Halacha sich sehr wohl hätte sparen können, ohne im geringsten seinem Ruf zu schaden. Man begreift wohl, daß jeder Fachmann sein Spezialfach am höchsten bewertet. Aber was Goldschmidt da sagt, nimmt sich gerade so aus, wie wenn etwa ein Professor der Rechte die gesamte Literatur und Kunst als Beiwerk, als Schale zu den Lehrbüchern des Zivil- und Strafrechts bezeichnen würde. Indessen nimmt man solche Einseitigkeit eines Gelehrten gern mit in den Kauf und sie verringert natürlich nicht im mindesten seine Verdienste. Goldschmidt hat durch eine unsagbar mühselige, mit größter Akribie durchgeführte Vergleichung des vorliegen-