Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1914)
- Article
- Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien
- Date
- 1914-07-01
- Page
- Seite 499 - 500 (sequence 6)
- Language
- German
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499 Rahel Edelstein-Friedmann: Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien. 500 Wachstein verfügt über dies Requisitorium abseits von der Heerstrasse liegender Behelfe in einem ganz ungewöhnlichen Masse und ist, ein Schüler des Hofrates Prof. Dr. H. Müller, geradezu berufen, diese für die jüdische KulturgesduVM unentbehrliche Kleinarbeit als wissenschaftliche Gi osstat zu leisten. Nicht unerwähnt darf jedoch auch die innerliche Vertiefung bleiben, mit welcher Wachstein dem dichterischen Gedankengange des Verfassers der Epitaphien folgt und mit seiner tiefgründigen und detaillierten Kenntnis des jüdischen Schrifttums die demselben aus der Bibel oder dem Talmud vorgeschwebt habende Stelle agnosziert. Wenn wir auch noch verzeichnen, dass der Bearbeiter die Grabsteine nach dem Material, den Dimensionen und der Ausschmückung, nach der Schriftart, Textbreite und Zeilenzahl auf das minutiöseste beschreibt, so haben wir noch kaum die Unsumme von Arbeit gekennzeichnet, welche die Dechiffrierung auch nur einer Grabsteininschrift erfordert. Und nun seien noch einige der Grabsteine im Bilde angeführt. Grabstein des Salomo-ben-Simeon, bürgerlich Falk genannt, gest. 1601, Begründer der Familie der spätem Hoffaktoren Falk. Grabstein des Abraham Darschan-ben-Simeon, Bruder des Vorherigen, gest. 1602, ein berühmter Prediger. Auch Simeon b. A., wahrscheinlich der Vater der beiden, befindet sich auf unserm Friedhofe. Eine stattliche Anzahl der weitverzweigten Familie Rapa-port findet sich unter den ersten Mitgliedern als Cohen-rapa auf dem Friedhofe vor. Als Stammvater darf der 1584 verstorbene Gerson b. Moses- Cohen-Rapa angesehen werden, dessen Grabstein mit seiner konkaven Form an sich schon eine Sehenswürdigkeit bildet. Nach diesem Gerson werden die Söhne und Enkel bürgerlich Gerstl genannt. Ein Sohn Moses starb 151)9. Dessen Sohn, Jeremias Gerstl, ist Vorsteher und Vertrauensmann der Juden und wird im Jahre 1629 bei Einräumung des Untern Wörth unter den,,Eltisten der ganzen jüdischenGemain alliier zu Wienne" genannt; er schreibt sich hierbei ,,Moyses Jeremias Gerstl", er starb 1631. Sein Sohn Jechiel-Port-Rapa-Cohen, bürgerlich Michael Gerstl, ist zur Zeit der Vertreibung Vorsteher und Mitunterzeichner der von den Wiener Juden nach Amsterdam und Venedig gerichteten Aufnahmspetitionen. Ein Bruder des Jeremias Gerstl, Chajim b. Moses Cohen- (Rapa), bürgerlich Joachim Gerstl genannt, starb 1635. Dessen zweite Frau Lana, Leonora, überlebte ihn um 16 Jahre. Sie fand ein tragisches Ende und wurde als Märtyrerin betrauert. An einem Frühlingsabend des Jahres 1651 kehrte sie, die das „Theatrum Europäum', ,,die fürnehmbe und jedermann wohlbekandte Jüdin" nennt, von einem Gange in die Stadt nach Hause zurück, als sie „vor dem rothenThor, nechst beider AuffZugbrücken von einem unbekandten Reuter mit 2 Kugeln tot geschossen wur d e; \ Yeß wegen au ßgeru f en wurde, daß derjenige, so den Thäter offenbahren würde, 500 Dukaten haben. So aber der Thäter Grabstein des sich selber angeben thäte, ihme Gerson ben Moses tausend Dukaten und das Leben Cohen.Kapa, geschenkt sein solle, darumb, daß tt^t cemstiie m*n diese That für eine Anstifftunjf Rapaport und Gerstl, & (gest. 153+) von den Juden selber gehalten . Grabstein zweier Schwestern, Jentl und Gela, Tochter des Simeon \Volf*Auerbach ' Nach Wachstein war Leonora noch einmal mit dem 1650 gestorbenen Ascher Eschki b. Simonha-Lewy Meschulmim (dal Raneo) verheiratet. Dieser wurde nach seiner italienischen Herkunft auch Wällisch genannt; seine Söhne begründeten in Wien das erste Bankgeschäft. Von hervorragender Bedeutung für ihre Zeitgenossen war die von Jssachar Beer b. Me'ir ha- Lewy, gest. 1634, begründete Familie mit dem bürgerlichen Namen Mayr. Zwei Söhne desselben sind R. Nathan Feitl, 'gest. 1643, und fR. Zacharias, gest. 1664, deren Grabsteine sclion die erst später allgemeiner übliche Form eines Sarkophags aufweisen. (Die hier reproduzierten Steine bilden je die Vorder- und Rückwände derselben.) R. Nathans Bedeutung, der jung verstarb, geht "aus der höchst selten angewandten Bezeichnung „ha-Gaon" hervor. R. Zacharias Mayr ist der Gründer und Erbauer der Grossen Synagoge und einer Talmudschule, von welcher sogar die christliche Zeitgenossenschaft Notiz genommen hat. Der Chronist Schudt berichtet nach seinem Gewährsmann Wagenseil: „Mit gemeldt er Judenschul zu Wien hat es diese merckwürdige Beschaffenheit gehabt, daß sie sonderlich zu eifriger Erlernung des Talmuds gestifftet worden, dann (denn) weil unter den Juden das talmudische Studium so negligiret wird, dass auch wohl solche zu Rabbinen declariret werden, die kaum einen einigen talmudischen Tractat gelesen (!!), sonderlich unter den Italiänischen, Portugiesischen und Teutschen Juden, dann (denn) die Pohlnische gar eiferig sich auf Erlernung desTalmud legen; Diesem dann einigermaßen abzuhelffen, hat R. Zacharias etwa 10 Jahr vor der Juden Vertreibung, auf seine Kosten eine neue Synagog aus dem Fundament erbauen lassen, so gar anselmlich gewesen, darzu er auch ein Cheder oder Lehr-Zimmer gefügt, in welchem 24 Schüler auf seine Kosten selten erhalten werden, welche es unter sich, also eintheilen solten, daß Tag und Nacht aneinander und ohne Aufhören ihrer einige im Talmud lesen und studieren mögten, und darvon, außer am Sabbath, da man des Gottesdienstes in der Synagoge abwarten muß, nicht solten ablassen, wie er dann ein zur eichliches Einkommen von seinem großen Vermögen dazu gestifftet, in Meynung, daß diese Verordnung bis ans Ende der Wrelt dauern solte, die aber bald aufgehoben und an des Talmuds Stelle das Neue Testament gekommen, indem Kaiserliche Majestät erzehlter massen eine Christliche Kirche daraus gemacht hat; Wie solches Herr Wagenseil Tel. Ign. Sat. Proefet, p. 72 erzehlet, mit dem Beyfügen, daß auch unter anderen Völkern, sonderlich in Jerusalem, dergleichen anhaltende Talmudschulen zu finden seyn." Von R. Zacharias drei Söhnen hat nur Josef noch die Vertreibung erlebt; auch er ist Vorsteher und MhYunterzeichner der Aufnahmspetitionen. Er wandte sich nach Kremsier, wo er ebenfalls eine Talmudschule begründete. Von rjort verzweigte sich die Familie nach Mähren und / jralizien. & An hervorragenden Familien wären noch die von dem Frankfurter Arzte Moses Maor-Katan abstam-