Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1914)
- Article
- Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien
- Date
- 1914-07-01
- Page
- Seite 493 - 494 (sequence 3)
- Language
- German
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493 Rahel Edelstein-Friedmann: Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien. 494 gerungen und Schlüsse dürfen nunmehr als Endresultate angesehen werden. Dies um so mehr, als sie in den gleichzeitigen Urkunden behördlicherseits — in dem von Dr. Ign. Schwarz bearbeiteten „Grundbuche der Judenstadt im Untern Wörth"*) und in den .?Totenprotokollen 1648—1669" — eine nicht anzuzweifelnde Bestätigung finden. Die Geschichte dieses Friedhofes, der bis zum Jahre 1784, wenn auch mit Unterbrechungen, belegt wurde — in welchem Jahre Kaiser Josef II. den i Wiener Juden den Währinger Friedhof einräumte —. reicht, wie aus dem Mangel früherer Beweise hervorgeht, nicht weiter als bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts zurück. Der von L. A. Frankl ' als der älteste mit dem Datum 1540 bezeichnete Grabstein-^gehört tatsächlich einem viel späteren .lahrgange an. Allein auch i&ch Wachstein bleibt die Frage noch offen, ob der verwitterte, in bescheidenen" Dimensionen gehaltene Grabstein des Märtyrers Mardoehai ben Gerson Menzel wirklich der älteste sei und aus dem Jahre 1540 stamme. Doch heisst es in der Urkunde vom 5. April des Jahres 1620, in welchem der ,,Rath der Statt Wien" bekannt gibt, dass „die alhieige befreyte Judenschaft Nutz und Gewöhr empfängt zwrayer nunmehr zusamben gerainten Grundts alhie im Obern Wörth", dass „Ihnen derselbe thails vor vill Jahren, der ander Thail aber erst jüngsthin auf ihr gehorsambes Bitten zu ihrer Begrebnus aufgeben worden." Woraus sich auf einige Jahrzehnte vor 1620 als Beginn der Benützung des Friedhofes schliessen lässt. Immerhin haben die Wiener Juden, welche seit der fürchterlichen Vertreibung vom 12. März 1421 — Wiener Geferre — in Wien weder Grundbesitzrechte, noch ein gesetzliches Wohnrecht genossen und bei christlichen Hauseigentümern ein uir geduldetes Ausbeute-Objekt bildeten, schon mehr ds fünfzig Jahre vor ihrer Ansiedlung im Untern *) Dr. Ign. Schwarz, Das Wiener Ghetto, seine Häuser und seine üewohner. Wilhelm Braumüller. Wien 1909. Grabstein des Chajim b. Moses Cohen?Rapa (gest. 1635) Grabstein des Abraham Darschan b. Simeon Ein berühmter Prediger (gest. 1602) Wörth — durch Kaiser Ferdinand II. im Jahre 1624 — einen würdigen Begräbnisplatz hesessen. Eine Tatsache, die auch sonst ein geordnetes Gemeindeleben und religiöse Gemeindeinstitutionen, welche für diese Zeit urkundlich sonst nur spärlich belegt sind, voraussetzen lässt. Mit der Ansiedlung der „hofbefreyten Juden' auf der Donauinsel „Unterer Wörth", heute Leopoldstadt — ,,hofbefreyte Juden" weil sie durch die direkt an den Kaiserhof zu leistenden Steuern und Schutzgelder von andern Abgaben befreit waren —, erblühte jedoch ein richtiges jüdisches Gemeindeleben, in welchem Studium und Gelehrsamkeit auf dem Grunde materiellen Wohlstandes gediehen und lebhaften Zuzug aus Deutschland und Polen herbeiriefen. Schon im Jahre 1641 musste der Friedhof im Obern Wörth eine ansehnliche Erweiterung erfahren, was auf eine erhebliche Vermehrung der Bevölkerung hinweist. Die Grabsteine aus dieser Zeit bezeugen denn auch schon in der zuweilen prächtigen Verarbeitung kostbaren Materiales, in der Ausschmückung mit Familienwappen und Emblemen und in dem volltönenden dichterischen Stil der Epitaphien den behaglichen Wohlstand und die geruhsame Sicherheit der Wiener Judenschaft. Der zeitgenössische Chronist Martinus Zeiller berichtet in seiner der Merian'schen Topographie beigegebenen Beschreibung Wiens aus dem Jahre 1649: ,,Ueber oder jenseits der Thonaw, wohnen, gleichsamb in einer Insul, die Juden besonders; in der Statt aber haben sie zu ihrer Handthierung gewisse Orte, da sie des Tags ihre Wahren verkauffen; aber über Nacht in der Statt nicht bleiben dürffen. Sonsten seynd sie allda wohl gelitten, und mit genugsamben Freyheiten vnd Sicherungen versehen." *) *) Dr. J. Schwerdfeger: Eine Beschreibung der Stadt Wien aus der Zeit des 30 jährigen Krieges. Wien 1912.