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Ost und West · 1914-08-01 · Heft 8 (August 1914) · p. Seite 595 - 596

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 8 (August 1914)
Article
Hirsch Weintraub
Date
1914-08-01
Page
Seite 595 - 596 (sequence 3)
Language
German
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595 A. Friedmann: Hirsch Weintraub. 596 und Ausheben der Thora, wo bei letzterem der 29. Psalm abgesungen wird, und die Keduscha, wo der Choral, aus lauter sich langsam fortbewegenden Hauptnoten bestehend, den Charakter xies Ernstes und der einfachen Würde hatte und das Herz zu wahrer Andacht und frommen Empfindungen feierlich stimmte. Die Liturgie gewann durch diese zeitgemäße Umbildung an Freundlichkeit und erhebender Kraft. Das Ensemble bot eine der angenehmsten Erscheinungen dar, welche für den für die äußerliche Veredlung des Gottesdienstes und Erhebung der Andachtsfeier sich interessierenden Menschenfreund noch die erfreuliche Perspektive hat, daß dergleichen aus fernem Lande zu uns herüberkommende gute Beispiele anregend und aufmunternd wirken und endlich den Wunsch und den Eifer zur Einführung wohlgeordneten Gesanges und feierlicher Ordnungsfolge der Gebete in die Synagoge zur Belebung und Erhebung des Gottesdienstes unter den Israeliten wecken werden. Der sehr religiöse und sittliche Charakter des jungen Künstlers, wie auch dessen Fleiß und ernstliches Bemühen nach immer größerer Vervollkommnung haben sich allerorten höchst empfehlend dargestellt, und wir wünschen von Herzen, daß ihm überall gastliche Aufnahme und freundliche Anerkennung werden möge." Diese wurde Weintraub auch in Berlin zuteil. Hier betete er zunächst in der Privatsynagoge von Löwenstein vor. Lewandowski äußert sich darüber folgendermaßen: „Mit jeder Piece, die in der kleinen Synagoge des Löwenstein zum Vortrag kam, stieg die Begeisterung der Gemeinde, und ich muß bekennen, daß ich ähnliches von Juden nie gehört habe. Einzig in ihrer Art waren die Vorträge von Rossinischen Ouvertüren, welche in unnachahmlicher Vollendung von diesen Menschenstimmen exekutiert worden sind; man war entzückt, begeistert, hingerissen. Dieser große Beifall hatte zur Folge, daß Weintraub an zwei Sabbaten in der Gemeindesynagoge den Gottesdienst leitete. Vor Beginn des Freitag-Abendgottesdienstes hatte er seiner Geige die gemütvollsten Töne entlockt, die volle Bewunderung hervorriefen." Der Berliner Gemeindekantor Ascher Lion machte, durch die Erfolge Weintraubs angeregt, seinen ganzen Einfluß geltend, um durch das chorische Element den Gottesdienst zu reorganisieren. Der Vorstand ließ die Sulzerschen Gesänge aus Wien kommen. Sie wurden unter der Leitung Lewandowskis einstudiert, um dem Gottesdienst ein modernes Gepräge zu geben. Auch in Königsberg regte sich das Verlangen nach einem geläuterten Gottesdienst. DDr. Jacobsohn, Jacoby. Kosch und Friediänder reichten am 21. Januar 1838 mit Genehmigung des Rabbiners Jacob Mecklenburg eine Petition an den Vorstand der Gemeinde ein mit Vorschlägen für einen neu zu organisierenden Gottesdienst. Der Vorstand ging auf diese Wünsche ein. Inzwischen hatte die Königsberger Gemeinde den Tod ihres Kantors Kohnardt zu beklagen. Der Vorstand suchte bei Neubesetzung der Stelle einen Kantor, der theoretisch-praktische Kenntnisse in der Musik und vollkommene Fertigkeit in der hebräischen und deutschen Stilistik besäße. Weintraub hörte von der Vakanz und kam im Juli 1838 mit seinem Chorpersonal nach Königsberg, um der Gemeinde Proben seines Könnens zu geben. Er erhielt die Genehmigung, am Sabbat vorzubeten. Ueber seine Leistungen veröffentlichte die Königsberger Hartungsche Zeitung das Referat eine? christlichen Musikers, welches, da es auch all gemein musikalische Hinweise enthält, in seinem Wortlaut hier folgt: ,,Der Vorsänger selbst besitzt einen sehr schönen Tenor von bedeutender Höhe, die er bei Kadenzen in ein wohlklingendes Falsett fortsetzt. Der Diskant des Knaben ist hei1; und rein, der Bariton von angenehmem Fagottton. Alle bilden zusammen ein sehr reines harmonisches Vokalquartett. Weintraub hat eine seltene Fertigkeit und hohen Ausdruck im rezitatori sehen Gesänge. Seine Artikulation ist ausgebildet und deutlich, der Ausdruck dem religiösen Affekt angemessen und ergreifend. Er schmiegt sich genau den Worten, dem Sinne, dem Charakter und den Empfindungen der poetischen Liturgie an, seien die Gefühle sanft elegisch oder anbetend und erhaben. Der musikalische Ausdruck de.^ rezitatorischen Gesanges, oder wenn man es so bezeichnen will, die Komposition, ist im jüdischen Kultus dem Vorbeter überlassen, auch gründet er sich auf einen traditionellen Typus, den der Vorsänger allerdings vorzugsweise festhalten muß. Herr Weintraah befolgt dieses, doch ist in seinen Kompositionen, namentlich der vierstimmigen Gesänge, die Kenntnis und Anwendung der Kirchenmusik anderer Konfessionen sichtbar, wie es auch nicht anders sein kann; denn jede Kirchenmusik hat einen Charakter, und althebräische Kirchenmusik läßt sich nicht wiederherstellen, da sie verloren gegangen und sich nur in einer sehr ge trübten, weitab von der Quelle entlegenen Tradition wie in einem schwachen Schimmerlicht er halten hat. Es käme also darauf an, sich ganz in den Geist der hebräischen Poesie zu versenken und hiernach eine musikalische Gestaltung zu er wecken, was allerdings von der größten Schwierigkeit ist; um nur ein Beispiel anzuführen: Mehul in „Joseph in Aegypten" und Halevy in der ,Jüdin". Herr Weintraub, mit großem Talenausgerüstet, mußte diesen dunklen Spuren folgen und es sich zur Aufgabe setzen, den versunkener Kultus zu erwecken und zu beleben. Er ha. bereits große Schritte getan, und höhere Voll kjpmmenheit wird nicht ausbleiben. Als Hörer unc: Würdiger seines Gesanges muß. man sich aller dings in einen altertümlichen Kultus und in dei orientalischen Geist versetzen können. Ich halt mich nur wesentlich an seinen effektvolle! rezitatorischen Vortrag, der aus einer Fülle re ligiöser Empfindung entspringt und also jede unbefangene, wieviel höher gestimmte Gemüt er greifen muß. Die in Vorschlag gebrachte Anstellung dieses Sängers mit seinem Chor an hiesiger Synagog 1 wäre allerdings höchst wünschenswert. Der Gottes dienst würde in seiner altehrwürdigen Gestalt her vortreten. Unsere Zeit zeichnet sich dadurch au?, daß sie das religiöse Element in dem Menschei lebend erwecken will. Von allen Seiten erfolge! Anregungen. Wollte Gott, es geschähe nur au die rechte Art1)/' Nach solchen Worten war e kein Wunder, daß die Anstellung Weintraubs nich lange auf sich warten ließ. Das von einigen Ge meindemitgliedern in Umlauf gesetzte Zirkula hatte schon nach zwei Tagen den gewünschter: Erfolg, und Weintraub wurde einstimmig und de finitiv zum Kantor der Königsberger Gemeinde *) Allgemeine Zeitung des Judentums 1838 No. 116.

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