Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 8 (August 1914)
- Article
- Hirsch Weintraub
- Date
- 1914-08-01
- Page
- Seite 593 - 594 (sequence 2)
- Language
- German
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593 A. Friedmann: Hirsch Weintraub. 594 Talent seines Sohnes für Gesang und Musik und erteilte dem erst sechsjährigen Knaben den ersten grundlegenden Unterricht. Nach einem einjährigen Studium erfreute der fleißige Schüler seinen Lehrer nit einer selbstkomponierten synagogalen Piece. Oer Vater hatte bei der Ausübung der Gesänge m Gottesdienst eine große Stütze an der gefühlollen Sopranstimme und dem musikalischen Vertändnis seines Sohnes. Er führte ihm auch .ndere Musiklehrer zu, bei denen der Knabe große Fortschritte machte. Nach damaliger Art unterlahm Salomon Kaschtan Weintraub mit seinen ..Meschorerim", zu denen auch ein Sohn Hirsch gehörte. Kunsteisen durch viele litauische und polnische Städte, wo er an den Sabbaten in den Synagogen vornetete. Für seinen Knaben führte er zugleich einen hebräischen Lehrer mit, der mit ihm täglich Talmudstudien treiben sollte. In den Gesängen, in denen der hochbegabte Schüler ein Solo vorzutragen hatte, begeisterte er die Zuhörer durch seinen seelenvollen Vortrag. Josef Singer schildert lie Zeit, in der Kaschtan a's fahrender Künstler mit seinen Sängern die jüdischen Gemeinden zur Bewunderung hinriß, mit folgenden Worten: ..Stimme, Talent and Gefühlsinnigkeit vereinigten -ich zu einer Kunstgestaltung, auf lie wir, Jünger einer späteren Epoche, noch mit Achtung zurückblicken müssen1)." Kaschtan Weintraub gehörte :u den Kantoren eisten Ranges. Sein Sohn Hirsch vertrat ihn oft .:u Dubno in Krankheitsfällen und •etete unter Begleitung der ,.Mechorerim" an Sabbaten und Festagen vor. Obgleich er noch im :iinglingsalter stand, gab sich bei «einen Leistungen vor allem das Bestreben kund, die kantoralen schätze so zu bearbeiten, daß sie mit einem innersten Leben in Verbinlung traten. Dies erkannte auch sein \'atergelegentlich eines Atto-Jozaro-Vortrages an, den er weit höher bewertete als seinen eigenen. Die dutation ging beiHirsch Weintraub chnell vonstatten und seine männiche Stimme entfaltete sich zu einem umfangreichen ympathischen lyrischen Tenor. Auch jetzt noch rfreute er sich der kundigen Leitung seines Vaters. 3ie Meisterschaft des jungen Mannes im Gesänge, m Geigenspiel wie in der Improvisation erregte lie Bewunderung der Dubnoer Gemeinde. Und als \aschtan am 6. Kislew 1829 starb, war es nur natürlich, daß sein Sohn sein Nachfolger wurde, iirsch Weintraub folgte nach seiner Verheiratung lern ehrenvollen Rufe der Gemeinde und trat das Amt seines Vaters an. Mit kindlicher Pietät 'üitete er dessen musikalisches Vermächtnis. Gleich seinem Vater unternahm auch er Kunstreisen nach verschiedenen Städten Rußlands und Hirsch Weintraub Oesterreichs und erntete den größten Beifall. Die Lemberger Zeitung" sprach sich lobend über die Leistungen Weintraubs aus und hob hervor, daß er am Geburtstage Kaiser Ferdinands I. zum Besten des Spitalfonds in der Stadtsynagoge ein Konzert veranstaltete. Weintraub ging auch nach Wien. ,,Der Aufenthalt in dem damaligen Dorado des modernen Kantorentums," schreibt Birnbaum, der rühmlichst bekannte Nachfolger Weintraubs, „war von einschneidendem Einfluß auf sein Kunststreben gewesen, denn hier offenbarte sich ihm eine ganz neue Kunstrichtung, welche mit allen „Traditionen"gebrochenhatte Der Gedankenaustausch mit dem unsterblichen Regenerator des Synagogengesan^es, dem damals schon so berühmten Sulzer, konnte auf ihn nur befruchtend wirken2)." Von Wien ging Weintraub nach Breslau. Die „Schlesische Zeitung" sehr eb über seine dortigen synagogalen Vorträge: „Sowohl in der hiesigen großen wie in den bedeutendsten anderen Synagogen ist Herr Weintraub mit großem Beifall der Kenner gehört worden. Am Tage vor seiner Abreise gab er in einem Kreise von Musikfreunden eine Abendunterhaltung. Ein Quartett, mehrere Themata russischer und türkischer Nationallieder mit eigenen Variationen, setzte die Anwesenden in Verwunderung. Der Eifer, mit dem sich Herr Weintraub bemüht, sich mit den deutschen und italienischen Heroen der Musik bekanntzumachen, läßt bei seinen seltenen Anlagen erwarten, daß er es einst in seinem Fache weit bringen werde Ein so reichliches Kunststreben, verbunden mit der hohen Sittlichkeit, die wir an ihm wahrgenommen haben, und die sich auf seinen Chor überträgt, verdient unsere hohe Achtung " Von Breslau ging Weintraub mit seinem Chorpersonal nach Frankfurt a. O., wo er gleichfalls Proben seines eminenten musikalischen Talentes gab, die auf die Gemeinde einen gewaltigen Eindruck machten. In dem Berieht darüber heißt es: „Am Freitag, vor dem Eintritt der Sabbatfeier, leitete Weintraub mit seinem wohlstimmigen Chor unter Begleitung von Instrumentalmusik den Gottesdienst ein, wobei er eine künstlerische Fertigkeit auf der Violine zeigte, die alle Hörer mit Entzücken und Bewunderung erfüllte. Mit seltener Gewandtheit und ungemeiner Sicherheit des Vortrages entlockte er seinem Instrumente elegische Töne heiligen Schmerzes, die das Herz mit einer Art süßen Weh's und freudigen Schauers tief ergriffen. Der Morgengottesdienst am "folgenden Tage zeichnete sich vornehmlich durch den in der Synagoge noch seltenen regelmäßigen Choral aus, und namentlich waren es das Ein- 1) Siehe Singer -Jüdischer Cantor" 1880 Xo. 7. -) Siehe H. Weintraub und seine Tempelgesänge von Ed. Birnbaum, österr.-ungar. Cantorenzeitung 21. Jahrg. No. 28