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Ost und West · 1914-08-01 · Heft 8 (August 1914) · p. Seite 597 - 598

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 8 (August 1914)
Article
Hirsch Weintraub
Date
1914-08-01
Page
Seite 597 - 598 (sequence 4)
Language
German
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597 A. Friedmann: Hirsch Weintraub. 598 gewählt. Hier eröffnete sich ihm ein weites Arbeitsfeld. Zunächst setzte er seine Musikstudien bei Musikdirektor Sobolowski fort und suchte seine neugewonnenen Kenntnisse für den musikalischen Teil des Gottesdienstes zu verwerten. Er komponierte vierstimmige Chöre im streng kontrapunktischen Stil, ebenso Rezitative für den Vorbeter. Der neugeschaffene Kultus lockte auch Andersgläubige ins Gotteshaus. So besuchte ein christlicher Musiker den Tischobäw-Gottesdienst und äußerte sich über ihn, wie überhaupt über Weintraubs Bedeutung, wie folgt: „Eine Phantasie von ihm, worin er die Zerstörung Jerusalems schildert, trägt er so meisterhaft vor, daß christliche Zuhörer dadurch zu Tränen gerührt und an Bendermanns herrliches Gemälde „Die trauernden Juden bei Babylon" erinnert werden. Mit seinem Sängerchor trägt er vierstimmige, kanonisch gearbeitete und fugierte, teils von ihm komponierte, teils arrangierte Psalmen und Hymnen vor. Diese Gesänge möchte der Komponist im Druck erscheinen lassen und dem hebräischen Text aber eine deutsche Uebersetzung zur Seite stellen, damit diese erhebenden Gesänge auch in christlichen Kirchen und Schulen benutzt werden können. Mögen die Vorsteher," so schließt der christliche Kantor und Musikdirektor, „aller israelitischen Gemeinden, denen daran gelegen ist, die gerechten Anforderungen der Zeit zu erfüllen und sich so der gewünschten Emanzipation würdig zu zeigen, möge vorzüglich die hiesige jüdische Gemeinde, welcher der Himmel noch lange ihren so tüchtigen Kantor erhalten wolle, mögen auch recht viele christliche Schulvorsteher und Direktoren von Singinstituten das Vorhaben Weintraubs durch Subskription unterstützen, zu welcher Annahme gewiß jede Buchhandlung gern "bereit sein wird, da Herr Weintraub ein allgemein geachteter Mann ist1)." Dieser, wie auch der Anregung anderer Musikdirektoren folgend, ließ Weintraub seine gesammelten Werke unter dem Titel '1 n*n „Tempelgesänge für den Gottesdienst der Israeliten", erscheinen. Dieses Werk fand Eingang in die Gotteshäuser Israels. Hören wir zunächst das Urteil Lewandowskis: ,,Die Gesänge in den Hauptteilen des umfangreichen Werkes zeugen von ernsten musikalischen Studien; sie sind zumeist in kontrapunktischer Schreibart komponiert und bei guter Ausführung von großer Wirkung." — Sobolowski gab den Gesängen folgendes Geleitwort: „Allen israelitischen Gemeinden, welche den musikalischen Teil ihres Gottesdienstes ordnen wollen, sind diese in einem schönen und würdigen Stile verfaßten Kompositionen aufs angelegentlichste zu empfehlen, der ganzen musikalischen Welt aber noch ganz besonders die uns bisher nur durch Tradition bekannten Urmelodien." — Sobolskis Vorrede klingt in die Worte aus : „Ich kenne! in der ganzen musikalischen Literatur kein ähnliches Musikwerk und wünsche dem Verfasser desselben von Herzen, daß seine Mühe den gerechten Lohn finden möge." Auch in *) Allgemeine Zeitung des Judentums 1843 No. 40. der Fachpresse fanden die Gesänge Weintraubs höchst anerkennende Besprechungen. Josef Singer äußerte sich in der österreichischen Kantorenzeitung folgendermaßen: „Die Weintraubschen Chorkompositionen verraten die Kraft und Gewandtheit des gediegenen Musikers, seine eminente musikalische Beherrschung des Stoffes. Er erscheint als tüchtiger Musiker, der sein Wissen und Können, selbst bei der unscheinbarsten Veranlassung, in verschwenderischer Weise verwertet. Die Kompositionen sind übersättigt von Fugen und Fugetten, Imitationen und kühnen, blendenden Modulationen, und selbst bei Kompositionen rein synagogalen Charakters und ausschließlich synagogaler Verwertung, wie z. B. W'jeesoyn, kann der Komponist es sich nicht versagen, seine kontrapunktische Künstlerschaft zu zeigen. Sein reiner Satz zeugt von tiefen, ernsten Studien, und die Deklamation des hebräischen Wortes ist eine streng sprachrichtige, kurz, alles erscheint in möglichst vollendeter Form vor uns." Ganz besonderes Interesse erregte in der Kantorenwelt der dritte Teil seines Werkes ,,Schire schlomo". Mit kindlicher Pietät setzte er dort seinem berühmten Vater, Salomon Weintraub, ein bleibendes Denkmal dadurch, daß er dessen Gesangsweisen rhythmisierte und, wo nötig, auch harmonisierte und als Anhang seinem Werke einverleibte. ^Dieselben müssen aber," so schreibt Weintraub in dem Vorwort dieses dritten Teiles, ,,nur als Antiquität betrachtet und beurteilt werden, und ich habe sie nur für israelitische Vorbeter, welche in diesen Geist des Altertums eingeweiht sind, geschrieben." Auch dieser Teil erfreut sich in fachmännischen Kreisen großer Beliebtheit und wird in den Gemeinden gern gehört. Denn in diesen Synagogenmelodien liegt ein Stück altes Judentum. Weintraubs Wirken als Kantor und Komponist wurde durch viele Auszeichnungen belohnt. 1862 wurde ihm die ,,kleine goldene Medaille für Kunst" verliehen, und am 8. März 1873 ging ihm von Kaiser Wilhelm I. das Patent als „Königlicher Musikdirektor" zu. Im Jahre 1878 wurde Weintraub nach vierzigjähriger Amtstätigkeit in den Ruhestand versetzt. Vorher bezeichnete er als seinen Amtsnachfolger: Eduard Birnbaum, von dem er wußte, daß er in frommer Pietät sein musikalisches Vermächtnis hüten werde. Die Gemeinde erfüllte den Wunsch Weintraubs. Nicht lange erfreute er sich seiner wohlverdienten Ruhe. Am 23. Dezember 1881 hauchte er seine fromme, edle Seele aus. Der Vorstand widmete ihm einen warmen Nachruf, worin er seine großen Verdienste um die „Hebung und Veredlung der jüdischen Liturgie" hervorhob. Am 26. Dezember wurde Altmeister Weintraub unter großen Ehren zu Grabe getragen. — Mit dem Gedicht, das Birnbaum seinem großen Vorgänger als letzten Scheidegruß nachrief, sei diese Studie geschlossen: „Schlumm're sanft! so tönt's aus großem Kreise; Der Gesang zu Gottes Lob und Preise Soll uns nimmer vergessen sein! Schlumm're sanft und ruhe aus in Frieden; Jedes Herz, das du erhobst hienieden, Im Gebete, gedenket dein!"

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