Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 8 (August 1914)
- Article
- Bei den jüdischen Bauern in Südamerika
- Date
- 1914-08-01
- Page
- Seite 589 - 590 (sequence 5)
- Language
- German
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In den Weingärten von Medanos nisten, die nicht zu weit von der Stadt entfernt wohnen, senden ihre Kinder nach .den dort befindlichen Schulen, die übrigen — und dies ist die aberwiegende Mehrzahl — halten sich zu je 20 bis 30 Familienväter einen Lehrer, dem ein wohlhabenderer Bauer Kost und Schulzimmer bei sich zur Verfügung stellt. An jedem Morgen sieht man nach diesem Gehöft Knaben und Mädchen auf ideinen Ponys oder alten Ackergäulen herangaloppieren, oft zu zweien auf einem Pferde, um ihrem .Meister ,,zu Füßen zu sitzen". Aber natürlich ist es gewöhnlich kein Pestalozzi, der eine derartige, nicht gerade glänzend besoldete Stellung bekleidet, sondern meist ein in seiner Laufbahn gescheiterter und im Sturm' des Lebens an die Küste Südamerikas geschleuderter „Jeschiwabocher" Podoliens oder Lithauens.*) Das Verhältnis der jüdischen Farmer zu ihren meist italienischen Nachbarn ist so gut und freundschaftlich wie nur möglich. ,,Buena gente, buena;ente," sagte mir ein rüstiger Graubart in einem drolligen Gemisch von spanischer Landessprache mit seinem heimischen Piemonteserdialekt. „Fleißige Arbeiter und ruhige Leute. Selbst an Feiertagen trinken sie nicht über den Durst, und Messerstechen kommt selbst unter den jungen Leuten nicht vor. Zu Ostern schicken sie mir immer ihre dünnen weißen Kuchen zum Geschenk, wenn ich mich aber revanchieren will, und sie zum Schweine- *) Anmerkung der Redaktion: Das ist das ambulante „cheder", wie es diese Juden in ihrer alten Heimat seit Jahrhunderten kannten. schlachten einlade, kommen sie nicht. Nun, jeder hat seinen Geschmack." Die wenigen spanischen Bauern sehen sich erst mit einer gewissen Scheu ihre israelitischen Berufsgenossen an. Selbst haben sie natürlich in ihrer Heimat keinen Hebräer gesehen, aber ihr Dorfpfarrer hat ihnen erzählt, daß die „gottverfluchten Juden" zur Strafe für ihrer Väter Missetaten schon in dieser Welt nach Schwefel röchen und von der Natur mit einem langen Fuchsschwänze ausgestattet seien. Lind siehe da! Sie riechen nicht nach Schwefel, und der Fuchsschwanz ist im Laufe der Jahrhunderte offenbar so eingeschrumpft, daß man nichts von ihm merken kann. Oder sollte sich vielleicht in diesem Punkte Seine Hochwürden gar geirrt haben? Auch eine Anzahl deutsch-russischer Kolonisten wohnen in der Umgebung von Medanos. Ihre Vorfahren waren am Ende des 18. Jahrhunderts aus Württemberg unter Gewährung einer hundertjährigen Selbstverwaltung nach der Gegend der unteren Wolga und Bessarabien ausgewandert. Mit staunenswerter Zähigkeit haben sie sich durch vier Generationen hindurch ihren schwäbischen Dialekt, ihre Tracht, ihre Sitten und Gebräuche bewahrt, da aber die Regierung des Zaren sie jetzt zu russifizieren sucht, so wandern seit einigen Jahren viele nach Kanada oder Argentinien aus. Christian Schmidt oder Hans Klaus findet es anfangs wohl seltsam, wenn er sieht, daß hier Salomon Kohn und Isaak Friedland sich nicht zu bücken noch zu beugen brauchen, sondern gleich ihm den Pflug