Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 8 (August 1914)
- Article
- Bei den jüdischen Bauern in Südamerika
- Date
- 1914-08-01
- Page
- Seite 587 - 588 (sequence 4)
- Language
- German
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587 Arturo Bab: Bei den jüdischen Bauern in Südamerika. 588 und die an zweimalhunderttausend Kubikliter Wasser fassende Blechtanks entleeren. Das ganze Land wird nun vor der Pflanzung sorgfältig nivelliert und kann durch ein geschickt angelegtes Kanalsystem parzellenweise bewässert werden. Die ersten zwei Jahre muß dies zur Beförderung der Bewurzelung ziemlich häufig geschehen, später nur ausnahmsweise bei großer Dürre. Denn der Weinstock bedarf zur Traubenbildung nur wenig Wasser, und ist vielmehr bei zu großer Feuchtigkeit allerhand Krankheiten ausgesetzt. Andererseits kann man sich durch Berieselung den gefährlichsten Feind, die Reblaus, vom Leibe halten, sie wird sich allerdings auch ohnedies in dem sandigen Boden wohl kaum finden. Der Wein ist nicht, wie in Deutschland, an Stöcken, sondern, dem hiesigen Klima gemäß, in Kordonform gezogen, er gedeiht nicht gerade üppig, sieht aber kräftig und kerngesund aus. Man scheint zu träumen, wenn man mitten in den grauen Sanddünen die dunkelgrünen zwölf Hektare Güllersche Weingärten erblickt. In der großen, die Anlage durchschneidenden Straße sind allerhand Obstarten angepflanzt, von denen die Birnen und Quitten die meiste Zukunft zu haben scheinen; leere Parzellen sind mit allerhand Gemüse bepflanzt. Es gibt Reben von ein, zwei, drei, vier und fünf Jahren. Da diese mit dem dritten Jahre zu tragen beginnen, so hat fast die Hälfte schon Frucht gegeben. Der Besitzer schätzt als Durchschnittsertrag zwanzigtausend Kilo auf den Hektar. Sowohl voriges wie dieses Jahr hat er große Quantitäten von Tafeltrauben nach Bah ia Bianca geschickt. Da man aber dort bereits die Ernte von Medanos nicht mehr konsumieren kann, so legte Herr Güller dieses Jahr eine ziemlich große Kellerei an. Er gab mir einen, allerdings noch nicht ganz ausgegorenen Wein zu kosten; es war ein ziemlich leichter weißer Muskatellertischwein, der, völlig reif, sicher guten Absatz finden wird. Ich trank mit einer gewissen Andacht die ersten Tropfen jüdisch-amerikanischen Rebensaftes auf das Gedeihen der jüdischen Weinbauer in ,,Erez Israel''. Nach dem Güllerschen Vorbilde haben an 20 andere Landwirte (17 Italiener und 3 Juden) ebenfalls Weingärten angelegt, allerdings meist im kleineren Maßstabe, so daß augenblicklich in der Umgegend des Städtchens an 150 Hektare angepflanzt sind, von denen aber erst 30 Ertrag geben. Es ist viel Interesse für den Weinbau vorhanden, und die früher so verachteten Sanddünen sind stark im Preise gestiegen. Da auch die Anlage der Windmotoren und Tanks erhebliche Mittel erfordert und die letzten Getreideernten schlecht waren, so verlangsamen diese Umstände wohl die Anlage von neuen Pflanzungen, ohne sie auf die Dauer unterbinden zu können. In der näheren und weiteren Umgebung von Medanos gibt es ungefähr 60 bäuerliche Grundbesitzer und über 500 Pächter. Von ersteren sind an 20, von letzteren an 200 aus Rußland stammende Juden. Ein Teil dieser Pächter, von denen jeder 200 bis 600 Hektar bewirtschaftet, zahlt pro Jahr und Hektar dem Besitzer eine bestimmte Summe, gewöhnlich 4 $, das heißt 7,20 M., pro Hektar. Andere liefern an Stelle einer festen Pacht 15°/o der Ernte frei von allen Unkosten in der Station ab. Es ist dies für die dortigen Verhältnisse ein sehr hoher Prozentsatz, schützt aber den Farmer in schlechten oder Fehljahren vor Zahlungsschwierigkeiten an den Gutsherrn — denn wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren. Die Besitzerin eines großen Teiles der auf Prozent verpachteten Ländereien ist eine Kolonisationsgesellschaft ,,La Colonisadora de Bahia Bianca", welche zur gleichen Zeit ihren Farmern Vorschüsse für den Ankauf von Pferden, Ackergeräten, Saatkorn, Nahrungsmitteln usw. gibt. Durch diese Erleichterungen ist es vielen jüdischen Einwanderern, die sich als Ackerknechte ihren Unterhalt erwarben, möglich geworden, als selbständige Kolonisten zu arbeiten. Da die ,,Colonisadora de Bahia Bianca" rein kaufmännische Zwecke verfolgt und mit Vorliebe jüdische Bauern aufnimmt und durch Vorschüsse unterstützt, so ist dies wohl der beste Beweis, daß diese den Farmern anderer Nationen in ihren Leistungen durchaus nicht nachstehen. Der Direktor der Gesellschaft und zur gleichen Zeit ihr Großaktionär ist ein Kreole, Nachkomme französischer Einwanderer und meines Wissens bis ins dreißigste Geschlecht mit Juden weder verwandt noch verschwägert. Man muß sich nun allerdings das Leben eines Pächters in Argentinien nicht zu leicht oder gar poetisch vorstellen. Der Farmer erhält nur den bloßen „Kamp"1) und muß alle Einrichtungen einschließlich seines Wohnhauses, des Brunnens, der Viehhürden usw. selbst herstellen. Dabei lauten die Mietskontrakte nur auf kurze Zeit, in den südlichen Pampas liegt es allerdings im eigenen Interesse des Eauern, sie nicht länger als auf fünf Jahre abzuschließen. Denn nach dieser Zeit ist der Boden erschöpft und muß eine Reihe von Jahren zur Viehhaltung verwendet werden, um wieder ertragsfähig zu sein. Es erklärt sich aber, daß der Pächter unter diesen Umständen wenig an Baumpflanzungen denkt, und alle Einrichtungen so einfach und primitiv wie möglich herstellt. Sein Haus erbaut er sich selbst aus Luftziegeln, sogenannten ,,Adobes", ebenso gräbt er sich allein seinen Brunnen, errichtet die Drahtzäune usw. Es würde zu wer führen, wollte ich hier ausführlich das Leben unc Treiben der jüdischen Bauern in Medanos schildern, zumal es sich fast durch nichts von dem seinei christlichen Nachbarn unterscheidet — oder vielmehr doch in einem Punkte. Da wegen der ausgedehnten Felder nach Landessitte jeder Kolonist auf seinem Lande wohnt, und nicht, wie in Europa, gesellig in Dörfern zusammensitzt, so empfindet der israelitische Farmer es stärker als sein italienischer oder deutscher Genosse, daß er seinen Kindern keinen genügenden weltlichen und religiösen Unterricht geben kann. Diejenigen Kolo- J) Boden.