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Ost und West · 1914-08-01 · Heft 8 (August 1914) · p. Seite 591 - 592

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 8 (August 1914)
Article
Bei den jüdischen Bauern in Südamerika
Date
1914-08-01
Page
Seite 591 - 592 (sequence 6)
Language
German
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591 Arturo Bab: Bei den jüdischen Bauern in Südamerika. 59: führen und kunstgerecht den Getreideschober zu stellen verstehen. Hält er den Juden vielleicht auch im Stillen für einen Schwächling, weil er in einem Jahre nicht so viel Bier trinkt wie der „Russenmann" an einem Sonntage und anstatt einer Pfeife schweren Tabaks zu rauchen, sich lieber eine leichte Zigarette dreht, so ist dies ja kein Grund, nicht gute Nachbarschaft zu halten. Hat aber unser russischer ,,Schwabe" in der Stadt beim Kaufmann eine Abrechnung zu machen, so kommt er sicher beim jüdischen Nachbar vorbei und bittet ihn um seine Begleitung, Rat und Hilfe, denn in der Rechenkunst", das gibt er selbst zu, ist jener ihm unstreitig über. Ja, daß ich es nicht vergesse, einen Gegner haben die jüdischen Bauern in Medanos wie im ganzen Lande, das sind die ,,Kamp"-Kaufleute Almaceneros, meist sogenannte Gallegos", das heißt Söhne der nordspanischen Provinz Galicia. Denn so helle" diese Kerlchen — sie sind meist nur drei Käse hoch — auch sein mögen, um einem jüdischen Farmer das Fell über die Ohren zu ziehen, müssen sie doch sehr früh aufstehen. Erst vor kurzem habe ich einer ergötzlichen und charakteristischen Szene beigewohnt. Hatte da ein ,,Kamp"-Kaufmann angezeigt, daß er einen gebrauchten Windmotor 30 % unter dem Kostenpreise abgeben würde, und bald stellte sich ein jüdischer Kolonist als Interessent ein. Don Ramon, so hieß der Gallego, vertiefte sich in seine Bücher und erschien nach einiger Zeit mit einer langen Rechnung, indem er erklärte, daß der Preis soundsoviel ausmache. ,,Das muß wohl ein Irrtum sein," erwiderte der Farmer, „Sie rechnen erstens den Einkaufspreis 8 °,b zu hoch, die Fracht doppelt, und vergessen schließlich, daß man bei Barzahlung einen Rabatt beanspruchen kann." „Soll ich Ihnen denn den Motor umsonst geben?" fauchte Don Ramon wütend. ,,Durchaus nicht," erwiderte sein Gegenpart ruhig, „was ich aber verlange, ist, daß Sie nicht eine Preisermäßigung von 30% ankündigen und nur 12 °/o geben." Sprach's und verließ das Lokal. Don Ramon aber reckte verzweifelt seine Aermchen zum Himmel und rief mit dem Brustton der Ueberzeugung: „Diese Juden sind doch schreckliche Gauner." Daß sich dagegen die israelitischen Bauern des vollen Vertrauens ihrer Berufsgenossen erfreuen, hatte ich erst neulich Gelegenheit, zu beobachten. Vor kurzem fand in der Hafenstadt Bahia Bianca ein Kolonistenkongreß statt, zu welchem die Farmer der südlichen Pampas nach Ortsgruppen ihre Delegierten geschickt hatten. Aber nicht nui die Distrikte mit geschlossenen jüdischen Siedlern sondern auch dort, wo sie nur zerstreut untei anderen Nationen wohnten, hatten mehrfach jüdische Vertrauensmänner geschickt, es waren fün: unter einigen dreißig Abgeordneten. Einer derselben hielt eine längere Ansprache, in welcher ei auf das heftigste gegen die die Bauern ausbeuten den ,,Kamp"-Kaufleute zu Felde zog, und dieselber. zum großen Teil für die schlechte Lage der Bauen verantwortlich machte. Ich glaube, hätte der „Bund der Landwirte" in Deutschland diese Rede gehört, so hätte er Don Abrain seinen vollen Beifall gespendet. Ich hoffe, daß es mir gelungen ist, dem Leser ein wahrheitsgetreues Bild der jüdischen Bauern in der Umgegend von Medanos aufzurollen. Im allgemeinen ist die Lage derselben augenblicklich: nicht glänzend. Nach einigen mäßig guten Jahrer. sind zwei schlechte Ernten gekommen, und infolge derselben ist bei vielen Kolonisten die Schuldenlast stark gewachsen. Ich hatte Gelegenheit, eine Anzahl von Kolonisten darüber zu sprechen. Die einen meinten, daß man nur aushalten müßte, nach Regen käme wieder Sonnenschein, andere wollten ihr Arbeitssystem ändern und das jetzt hier so viel empfohlene „dry farming" anwenden. Viele sagten mir, daß ihr Streben dahin ginge, in der Nähe der Stadt zwei oder drei Hektar Land zu erwerben und mit Wein zu bepflanzen, um dann allmählich den extensiven Ackerbau einzuschränken. Manche wollten nach Beendigung der Pachtkontrakte nach regenreicheren und fruchtbareren Gegenden übersiedeln, auch von einem Auswanderungsprojekt nach dem südlichen Patagonien, wo die Regierung billige und angeblich gute Ländereien anbot, war die Rede, aber nirgends hörte ich etwas von Landflucht, vom Wegwerfen des Pfluges und Ergreifen der Elle oder der Schreibfeder. Ohne Geräusch und Propaganda hat sich hier bei Wind und Wetter im friedlichen Wettbewerb mit deutsch-russischen, italienischen, spanischer und französischen Kolonisten eine jüdische Bauernschaft herangebildet. Sie ist nicht die einzige in Lande, und wenn es den Leser interessiert, kam ich gelegentlich von einer anderen berichten. HIRSCH WEINTRAUB. Von Königl. Musikdirektor A. Fried mann, Obercantor der jüdischen Gemeinde zu Berlin. In seiner „Geschichte und Würdigung der Musik bei den Hebräern" schreibt Saalschütz: „Die Hebräer stammen aus einer Familie, in welcher sowohl Vokal- und Instrumentalmusik nicht allein bekannt, sondern auch beliebt war und als notwendige Verschönerung der Festlichkeiten angesehen wurde." Diese historische Bemerkung des Königsberger Universitätsprofessors Saalschütz trifft auch auf den ehemaligen Königsberger Kantor Weintraul' zu. Ihm sei diese Studie als eine nachträgliche Ehrung zu seinem 100. Geburtstage gewidmet. Hirsch Weintraub wurde am 2. März 1811 in Dubno als der Sohn des dortigen Kantors Salomen: Weintraub, genannt Kaschtan, geboren. Kasch tan Weintraub gehörte zu den berühmten Chasanini Rußlands. Er erkannte das vielversprechende

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