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Ost und West · 1914-08-01 · Heft 8 (August 1914) · p. Seite 557 - 558

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 8 (August 1914)
Article
Eine Ehrenpflicht des gebildeten Judentums
Date
1914-08-01
Page
Seite 557 - 558 (sequence 3)
Language
German
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557 Dr. Felix Perles: Eine Ehrenpflicht des gebildeten Judentum?. 558 Außerdem konzentrierte sich das Interesse der Juden, soweit es nicht von der Politik in Anspruch genommen war, auf den Kampf um die Kultuseform, der sich in allen größeren Gemeinden abhielte. Die Wissenschaft lieferte zwar vielfach las, Rüstzeug, mit dem die Führer auf beiden Seiten ihren Standpunkt verteidigten, aber die Massen hatten, für die wissenschaftliche Begrünlung kein, Verständnis, sondern operierten nur mit Schlagwörtern, für deren Verfechtung tieferes Eindringen in die Geschichte und Literatur des Judentums eher hinderlich als förderlich war. So erklärt es sich, daß die Pfleger der Wissende hafb immer ausschließlicher die Rabbiner vurden und ihre Pflegestätten die Babbinersemilare. Da aber diese Anstalten als oberste Aufgabe die Heranbildung praktischer Rabbiner iahen, konnten sie sich nicht ausschließlich der \v issensc haftlichen Ausbildung der Hörer widmen und glaubten auch, der Kritik gewisse Grenzen, ziehen zu müssen. Nichtsdestoweniger 4nd aus diesen Seminaren, von denen das älteste wenigstens in Deutschland) 1854 in Breslau er- ffnefc wurde, fast alle bedeutenden Vertreter der Wissenschaft des Judentums hervorgegangen, und ihre Leistungen sind um so höher anzuschlagen, als sie ja in der Regel nur einen Teil ihrer Zeit ind Kraft für wissenschaftliche Arbeit freihaben. )as gilt selbst von den Dozenten an den verdiiedenen Seminaren, die häufig noch wegen ungenügender Dotierung ihrer Stellen Nebenämter aizunehmen gezwungen sind. Um diesem für die Wissenschaft vom Judenum wie für ihre Pfleger gleich ungünstigen und nwürdigen Zustand ein Ende zu bereiten, müßten unächst die bestehenden Seminare materiell so ausgestattet werden, daß die Dozenten ausreichend besoldet werden können. Außerdem aber müßten uch an den Universitäten besondere Lehrstühle i'»r diese Wissenschaft errichtet werden. In -ngland, Frankreich und Amerika existieren bedts an öffentlichen Hochschulen solche Lehr- Kihle. Amerika hat in dem D r o p s i e College o r H e b r e w and cogna t e L e a r n i n g in hiladelphia eine Hochschule, die ausschließlich ■er Pflege der reinen Wissenschaft dient und be- 'ichnenderweise unter Dozenten wie unter örern unterschiedslos Christen und Juden aufeist. Nebenbei bemerkt sei, daß das Babbine rminar in Newyork die am besten dotierte Analt dieser Art in der Welt ist und seinen Pro- 'ssoren zur Bedingung macht, keine Nebenämter uzunehmen. Die Wirkungen davon sind auch 'hon in den wissenschaftlichen Leistungen zu 1-üren. Amerika konkurriert bereits erfolgreich ut Deutschland auch auf diesem Gebiete, die '•'vvölf bändige. J e w i s h E n c y c 1 o p e d i a, das ■umfassendste Werk über das Gesamtgebiet des •Judentums, ist 1901 bis 1906 in New York erschienen, und die Zeit ist nahe, wo Amerika tl as Land;,lr Wissenschaft des Judentums sein wird. Wenn die jüdische Intelligenz in Europa und I( ziell in Deutschland sich nicht rechtzeitig auf ihre Pflichten besinnt, werden unsere amerikanischen Brüder in wenigen Jahrzehnten uns dermaßen überflügeln, daß bald vergessen sein wird, wo das Mutterland der Wissenschaft des Judentums liegt. Die Gleichgültigkeit, mit der ein gioßer Teil unserer Gebildeten der Entwicklung dieser Wissenschaft gegenübersteht, wird und muß sich auf diese Weise rächen, wenn nicht sofort Wandel eintritt, und ein solcher Wandel könnte bei gutem Willen leicht eintreten. Stellt doch die Wissenschaft vom Judentum einen neutralen Boden dar, auf dem die Angehörigen aller Richtungen und Parteien sich die Hand reichen könnten. Denn, wie es Zunz schon vor 91 Jahren von der Wissenschaft des Judentums aussprach: ..Keine Partei arbeitet hier für eine Partei". Doch nicht nur als Einigungspunkt, sondern auch als geistige und sittliche Kraftquelle für das gesamte Judentum könnte die Wissenschaft in unseren Tagen eine bedeutsame Aufgabe erfüllen. Denn wenn das Judentum sich nicht auf das große Erbe seiner Vergangenheit besinnt, dann verblutet es sich nicht nur äußerlich an seiner unseligen Selbstzerflcischung, sondern es geht auch allmählich an geistiger Blutarmut zugrunde. Einen bedeutsamen Erfolg", von dem aber die jüdischen Blätter bisher kaum Notiz genommen haben, hatte vor kurzem die Wissenschaft des Judentums zu verzeichnen. Die Königliche Gesellschaft der Wissenschaften in G ö 11 i n g e n hat für ihr großes Unternehmen „ Quellen der Religioiisgeschichte" auch die Quellen des (nachbiblischen) Judentums in ihr Programm aufgenommen. Dieselben sollen hier in möglichst vollständiger Uebersetzung und wenn nötig auch in kritischer Neuausgabe vorgelegt werden, womit ein wichtiges Desiderat unserer Wissenschaft erfüllt wird. Doch ganz abgesehen davon muß es prinzipiell hoch bewertet werden, daß eine deutsche Akademie zum erstenmal sich die Aufgabe stellt, wenigstens einen Teil der Wissenschaft vom Judentum auf ihre Schultern zu nehmen, und schon mit der Entwerf ung des Programms jüdische Fachmänner betraut hat. Diese Anerkennung unserer Wissenschaft von siolcher Seite lenkt vielleicht auch die Aufmerksamkeit bisher noch abseits stehender jüdischer Kreise auf die Bedeutung derselben hin. Fast zur gleichen Zeit erschien aus der Feder des angesehenen Jenaer Theologieprofessors Dr. Willy S t a e r k ein Artikel, dessen Titel1) gar nicht ahnen läßt, was für bedeutsame Ausführungen auch über die Wissenschaft des Judentums darin enthalten sind. Dieser Artikel ist vor allem bemerkenswert durch die Gesinnung seines Verfassers, hat aber zugleich auch hohe symptomatische Bedeutung. Zeigt er uns doch, daß heute auch, schon in der christlichen Theox) Zur Frage der theologischen Fakultät in Frankfurt. Erschienen in „Die Geisteswissenschaften", Heft IG, 15. Januar 1914, S. 129 ff.

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