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Ost und West · 1914-08-01 · Heft 8 (August 1914) · p. Seite 555 - 556

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 8 (August 1914)
Article
Eine Ehrenpflicht des gebildeten Judentums
Date
1914-08-01
Page
Seite 555 - 556 (sequence 2)
Language
German
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555 Dr. Felix Perles: Eine Ehrenpflicht des gebildeten Judentums. 556 von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Die historische Kritik, deren Handhabung erst eine Wissenschaft vom Judentum möglich machte, wurde überhaupt zuerst durchaus nicht auf den religiösen Gehalt und die religiösen Urkunden des Judentums angewandt, sondern auf die mittelalterliche Geschichte und Literatur der Juden. So sind Eapoports Biographien, die seit 1828 in den Bikkure haittim erschienen und den Ausgangspunkt für die ganze folgende Entwicklung der Wissenschaft vom Judentum bilden, nach Gegenstand und Methode alles eher als theologisch. Von tiefer eindringenden kritischen Darstellungen der jüdischen Gedankenwelt ist aus der Anfangszeit dieser Wissenschaft nur ein allerdings sehr bedeutendes Werk zu nennen, N. K r o c h m a Ts More Nebuche Haseman. Der Verfasser dieser Zeilen erblickt in dieser Vernachlässigung der rein religiösen Seite des Judentums in der kritischen Wissenschaft durchaus keinen Vorzug, ja er beklagt diese einseitige Entwicklung, durch welche namentlich auch die Bibelwissenschaft und ßeligionsgeschichte so gut wie ausgeschaltet ist. Doch er mußte die erwähnten Tatsachen anführen, um die irrige Auffassung von dem rein theologischen Charakter der Wissenschaft vom Judentum zu wider legen. Was wollten nun die Schöpfer dieser Wissenschaft, was haben sie wirklich geleistet, und was 'bleibt imserm Geschlecht noch zu tun übrig? Wer sich für diese Fragen interessiert, ohne in der Lage zu sein, selbständige Studien zu treiben, dem ist die Lektüre des ersten Bandes der Gesammelten Schriften von D. Kaufmann zu empfehlen, wo in den Kapiteln I—II und XVII—XXIV in anziehender Form die Hauptfragen und Hauptpersönlichkeiten behandelt sind. Speziell der Artikel zu llapoports 100. Geburtstag legt meisterhaft dar, was unsere Wissenschaft im Sinn ihrer Begründer wollte, und Avas sie heute könnte und sollte. Nicht mit Unrecht heißt es dort (S. 316), „daß die Erhaltung und Erhebung des Judentums in der neuesten Zeit von der Wissenschaft ausgegangen ist". Das ganz unvermittelte Heraustreten der Juden aus dem Ghetto war gerade zu einer Zeit erfolgt, wo der religiöse Gedanke in der ganzen Welt die stärkste Einbuße erlitten hatte. Da erschien alles, was das Judentum in den Jahrhunderten der Abschließung an geistigen und sittlichen Gütern besessen oder neu erworben hatte, glanzlos gegenüber dem Licht des neuzeitlichen Geistes, da erschien namentlich das gewaltige Martyrium, das die Juden so lange für ihre überlieferten Ideale erduldet hatten, als ein völlig zweckloses Opfer, dessen Fortsetzung in unserer Zeit ein Widersinn sei. Es war daher eine große Geistestat, wenn die Begründer der Wissenschaft vom Judentum, unbeirrt durch die Zeitströmungen, das Erbe einer inehrtausend jährigen großen Vergangenheit retteten und dem geistigen Schatz der Menschheit zuführten. Und ihr Werk war um so schwieriger und ihr Verdienst darum um so größer, als gerade in den vorangehenden drei Jahrhunderten, seit der Vertreibung aus Spanien, das Judentum äußerlich und innerlich so verkümmert war, daß die meisten Juden und noch mehr ihre Umwelt keine Ahnung davon hatten, welche Kulturwerte das Judentum schon einmal besaß und unter günstigen Verhältnissen der Welt noch schenken könnte. So erlangten die Juden wieder Selbstbewußtsein und Selbstachtung, sie wurden stolz auf ihre ihnen bis dahin unbekannte Vergangenheit und sahen ein, daß ihre Vorfahren nicht nur groß waren im Leiden, sondern auch in ihren Leistungen, daß sie auch in der dunklen Nacht des Mittelalters sich die Geistesfreiheit bewahrten, und in ihren Keinen die größten Dichter, Denker und Gelehrten erstanden. Der Eindruck, den diese Erkenntnisse auf die gebildeten Juden ausübten, zeigt sich am deutlichsten bei Heine, den in seiner Jugend enge Beziehungen mit Z u n z verbanden, und der kurz vor seinem Tode, also fast ein Menschenalter nach seinem Abfall vom Judentum, in seinen ,,Geständnissen4' mit wahrhaft hinreißenden Worten die Größe seiner Vorfahren verherrlicht und sich rühmt, ,,daß seine Ahnen dem alten Hause Israel angehörten, daß er ein Abköminling jener Märtyrer, die der Welt einen Gott und eine Moral gegeben und auf allen Schlachtfeldern des Gedankens gekämpft und gelitten haben". Doch nicht etwa nur auf die Juden selbst, auch auf ihre nichtjüdische Umgebung hat die Wissenschaft vom Judentum einen noch lange nicht genug gewürdigten Einfluß geübt. Die bürgerliche Gleichstellung der Juden wurde durchaus nicht nur durch politische Vorkämpfer wie Hieße r und Kos eh, sondern in sehr erheblichem Maße auch durch wissenschaftliche Werke, wie z. B. vor allem durch die 1832 erschienenen ,,Gottesdienstlichen Vorträge" von Zunz errungen. Denn ein solches Werk erwies beredter und eindringlicher als irgendeine theoretische Darlegung die geistige Ebenbürtigkeit des früheren wie des zeitgenössischen Judentums und war gleichsam die Legitimationskarte für den Eintritt der Juden in die europäische Kulturgemeinschaft. Und so groß war die Anziehungskraft, die die junge, vielversprechende Wissenschaft übte, daß ihren Jüngern, sich bald auch ein strenggläubiger christlicher Theologe ziigesellte, E r anz Del i t z s c h , dessen 1836 erschienenes Werk „Zur Geschichte der jüdischen Poesie" einen noch heute wertvollen Beitrag zur jüdischen Literaturgeschichte bildet. Leider wurde aber das Verständnis für die Wissenschaft vom Judentum gerade in den jüdischen Kreisen seit den vierziger Jahren eher geringer als größer. Durch die Teilnahme an der allgemeinen Kultur nahm die Kenntnis des jüdischen Schrifttums und des jüdischen Lebens immer mehr ab und damit auch die Empfänglichkeit für eine wissenschaftliche Behandlungdieser Gebiete.

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