Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1914-08-01 · Heft 8 (August 1914) · p. Seite 559 - 560

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 8 (August 1914)
Article
Eine Ehrenpflicht des gebildeten Judentums
Date
1914-08-01
Page
Seite 559 - 560 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2584047-2584055-2596801--15761-2596840
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

559 Dr. Felix Perles: Eine Ehrenpflicht des gebildeten Judentums. 560 logie volles Verständnis für Berechtigung und Notwendigkeit einer streng wissenschaftlichen Erforschung' des Judentums anzutreffen ist. S I a e r k tritt mit gewichtigen Argumenten für die Gründung einer evangelisch-theologischen Fakultät in Frankfurt ein, verlangt aber gleichzeitig die Errichtung und Dotierung eines Lehrstuhles für jüdische Eeligionswissenschaft an der philosophischen Fakultät dortselbst und bezeichnet die Erfüllung dieses Verlangens als „eine Ehrenpflicht des gebildeten Judentums". Es ist eigentlich beschämend für uns, daß erst ein christlicher Theologe an diese Ehrenpflicht erinnern und auf die Bedeutung hinweisen muß, die die Schaffung eines solchen Lehrstuhles sowohl für die christlich -e Theologie hätte, wie „für die Heranbildung eines tüchtigen Geschlechts künftiger geistiger Führer und Berater der in der j ü d i s c h en Kirche vereinigten Gesellschaft". Wird dieser Appell bei denen, an die er sich wendet, einen freudigen "Widerhall finden, oder überschätzt Sta-erk das gebildete Judentum, wenn er ihm auch ein verständnisvolles Interesse für die höchsten Fragen des jüdischen Geistes zutraut? Die nächste Zukunft muß zeigen, ob die jüdische Intelligenz ihres JSTamens würdig ist, oder ob sie da aufhört, wo ihr Objekt das Judentum ist. * * * ' (Anmerkung der Red.) In dem vor anstehen den Aufsatz bell and elt der gelehrte Verfasser eins der wichtigsten Probleme des zeitgenössischen Judentums, die Entwicklung und Fortführung seiner Wissenschaft. Die Postulate, die er hier aufstellt, werden bei allen, die im Judentum eine der größten geschichtlichen Erscheinungen erblicken, volle Zustimmung linden. Indessen glauben wir doch, daß einige seiner Ausführungen bei einer kritischen Prüfung nicht ohne Widerspruch bleiben können, und wir halten es daher für angebracht, auf sie etwas näher einzugehen. 1. Die Gründung von jüdisch-theologischen Fakultäten, oder wenigstens einer jüdisch - theologischen Fakultät an einer deutschen Universität ist ein Ideal der Vertreter der Wissenschaft des Judentums seit den Zeiten Geigers und Philippsons. Daß aber aus diesen Bestrebungen bis auf den heutigen Tag nichts geworden ist, ist nicht unsere Schuld, sondern die Schuld jener Faktoren, von denen allein die Verwirklichung solcher Pläne abhängig ist. Ob in absehbarer Zeit nach dieser Richtung hin eine Aenderung eintreten könnte, dies läßt sich nicht voraussagen — jedenfalls aber kann die Mahnung nicht an die deutsche Judenheit gerichtet werden, auf deren Wünsche und Forderungen man auch sonst in den maßgebenden Kreisen einzugehen wenig Geneigtheit bekundet, am allerwenigsten in dieser Frage. Das Judentum in seiner wissenschaftlichen und geschichtlichen Bedeutung anzuerkennen und der christlich-theologischen Wissenschaft gleichzustellen, dazu wird man sich in Deutschland wohl nicht leicht entschließen. Denn dagegen sträubt sich nicht nur die orthodoxchristliche Anschauung, deren Standpunkt man wenigstens verstehen kann, sondern auch die radikale protestantische Theologie, die ihr Christentum nur noch in der Mißachtung des Judentums zu erblicken scheint. Im übrigen können wir uns hierüber getrost hinwegsetzen. Das Judentum hat sich seit Jahrtausenden frei entwickelt, es hat seinen Weg durch die Geschichte gemacht, ohne sich auf die Staatskrücke zu stützen. Als es an der Zeit war, daß das jüdische Volk einen Abraham ihn Esra haben sollte — die zeitgenössische Christenheit hatte einen solchen nicht aufzuweisen — da erstand er und lehrte Unsterbliches, obwohl er nichts weiter als ein fahrender Sänger war. Und auch unser Mainionides hatte keinen Lehrstuhl inne an einer deutschen Hochschule; was er lehrte, trugganzund gar nicht den offiziellen Stempel der Unterrichts Verwaltung. Und auch in neuerer und in neuester Zeit haben Baruch Spinoza undNachman Krochmal ganz unpatentiert Bleibendes geschaffen. Die ganze Wissenschaft des Judentums ist in Armut groß geworden. Kapoport hat seine besten Sachen geschrieben, als er Kassierer und Buchhalter bei einer Handelsgesellschaft war. Während Zunz seine unsterblichen Werke schrieb, hatte er mit Nahrungssorgen zu kämpfen. S. D. Luzzatto hat bis zu seinem Tode mit Frau und Kindern gehungert. Und doch haben diese Männer die Wissenschaft des Judentums begründet und zu einer hohen Entwicklung gebracht. Es stünde sehr schlecht um das Judentum, wenn dessen Gedeihen von der Gunst und Geneigtheit der hohen Obrigkeit abhängig wäre. Das Judentum hat sich zu existieren erlaubt, selbt wenn besagte hohe Obrigkeit dies ganz und gar nicht wünschte, und hoffentlich bleibt es auch so in der Zukunft. Aber sollen Juden die nötigen Geldmittel aufbringen und den Regierungen zur Verfügung stellen., um Lehrstühle für die Wissenschaft des Judentums an deutschen Universitäten zu errichten? Vor wenigen Jahren war man nahe daran, diesen Plan zu verwirklichen. Anläßlich der Hundertjahrfeier für die Emanzipation der Juden in Preußen wurde in jüdischen Kreisen zu diesem Zwecke eine größere Geldsumme aufgebracht und der preußischen Unterrichts Verwaltung zur Verfügung gestellt. Die Sache scheiterte aber daran, daß die Behörde keine Bürgschaft dafür gewähren konnte, daß der zu errichtende Lehrstuhl für die Wissenschaft des Judentums einer nach allen Kichtungen einwandfreien Persönlichkeit, das heißt einem Gelehrten, der das Judentum objektiv zu behandeln im Stande wäre, verliehen würde. Bedingungslos aber können die Juden kein Geld zu solcher Zwecken hergeben. Denn wer bürgt uns dafür, dal.« nicht etwa Herr Beer aus Heidelberg berufen würde! Die Folge wäre noch dazu, daß der Inhaber des Lehrstuhls, somit der „geborene" Beurteiler des Judentums bei gerichtlichen Verhandlungen ex cathedra seil Gutachten über alle von Antisemiten erhobenen Be schuldigungen gegen das Judentum abzugeben hätte. Aehnliches ist ja im Gotteslästerungsprozeß Fritscl geschehen, wo Herr Kittel in Leipzig, dem das dortige- Lektorat für die Wissenschaft des Judentums unter stellt ist, in einem Gutachten sich dahin äußerte, dai Fritschens grobe Schmähungen des Judentums und de- Gottes Israels zwar, soweit das moderne Judentum i:: Betracht komme, ungerechtfertigt seien, wohl aber zuträfen, soweit es sich um das Talmud- und Schulchan- Aruch-Judentum handele. Wir können uns jedenfalls denken, Avas wir von solchen patentierten Lehrern de-; Judentums zu erwarten haben. 2. Der geehrte Verfasser gibt der Befürchtung AuedruckjdaßdieWissenschaftdesJudentumsvonDeutschlanc. ihrem Mutterlande, nachderneuen Welt emigrieren würdt. Wenn die amerikanische Judenheit in dieser Beziehun die Superiorität gewinnen sollte, wäre dies an sich kein Unglück. Blüht die Wissenschaft des Judeatums, so ift es gleichgültig, wo sie ihrei Nährboden hat. Vorläuflist die Sache noch nicht so weit, und die jüdisch-englische Enzyklopädie spricht am allerwenigsten für die These des Verfassers. Was in ihr Gutes ist, habe1europäische Gelehrte geschaffen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.