Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Article
- Die Schulen der Alliance in den Jahren 1913 - 1914
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 457 - 458 (sequence 6)
- Language
- German
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457 Die Schulen der Alliance in den Jahren 1913—1914. 458 Tetuan. Direktor Falkon wünscht sehr dringend die Mitarbeiterschaft der Eltern an dem Erziehungswerk in Tetuan. Er schreibt: Eine interessante Tatsache mag hier erwähnt werden: seit der Begründung unserer Schule hat die Zahl der Schüler sich nicht vergrößert. Fünfzig Jahre allgemein anerkannter Arbeit und Fürsorge haben uns noch nicht sämtliche Kinder des Judenr vierteis zuführen können. Es bestehen immer noch „Snogas" und ein „Jagdil-Thora", die von über 300 Kindern besucht werden. Ueber dreihundert Kinder werden in lichtlosen und ungesunden Höhlen aufgezogen. Das ist eine unbegreifliche Sache. Der ,Jagdil-Thora1' verfügt über ausreichende, solide Mittel und wird von einem Komitee geleitet, das nur das Studium des Hebräischen zuläßt. Seine Unduldsamkeit geht so weit, daß es jede Bibel oder jedes sonstige heilige Buch verbrennen läßt, wenn es Anmerkungen in lateinischen Buchstaben oder arabischen Schriftzeichen enthält. Sein Haß gegen alles, was nicht die Religion betrifft, zeigt sich darin, daß es kein Kind im Jagdii aufnimmt, das unsere Schule besucht oder besucht hat. * * * Die Tatsache, daß solche Anstalt noch besteht und über 125 Schüler hat, ist bezeichnend. Sollte es daran liegen, daß wir niemals versucht haben, die Gemeinde an der Leitung unseres Werks teilnehmen zu lassen und daß wir sie fast vollständig abseits gehalten haben? Diese Haltung wäre zu Anfang berechtigt gewesen, da die Unbildung der Umgebung Ihren Lehrern die Verpflichtung auferlegte, sich in Erziehungsangelegen heiten als allein kompetent zu betrachten. Die Lehrer haben deshalb keinen Versuch gemacht, auf den natürlichen Trieb der Litern zu wirken, der dahin gehen muß, die Lebensbedingungen ihrer Kinder zu heben. Jetzt aber ist alles anders geworden. Der Sinn unserer Glaubensgenossen hat sich geändert, ihr Horizont hat Mch erweitert, sie sind weitsichtiger geworden. Ich glaube, wir haben jetzt kein Recht mehr, uns abzuschließen, sondern müßten im Gegenteil im Interesse des Kindes und im Interesse der Gemeinde uns mehr und mehr an die Eltern wenden. Die Mädchenschule dagegen, die die Konkurrenz der Talmud-Thora nicht zu fürchten braucht, wird von der gesammten weiblichen Jugend im schulpflichtigen Alter besucht, das sind 486 Schülerinnen. Aber ihr Fleiß läßt viel zu wünschen übrig. Frau Direktorin Falkon beklagt sich darüber wie folgt: Ich habe sehr über den Mangel an Fleiß bei meinen Schülerinnen zu klagen. Besonders die armen Kinder versäumen den Unterricht sehr häutig". Auf meine Erkundigungen habe ich erfahren, daß ungefähr hundert Schülerinnen in den schulfreien Stunden als Dienstmädchen in Privathäusern angestellt sind. Sie kommen fast immer in die Schule, ohne ihre schriftlichen Arbeiten gemacht und die anderen Aufgaben gelernt zu haben. Die deswegen zur Rede gestellten Mütter sagen mir, daß sie kein anderes Mittel wissen, um ihren Kindern Kost und Kleidung zu verschaffen — welche Lehrerin könnte unter solchen Verhältnissen die Schülerinnen bestrafen? Tunis. Zwei Stellen aus dem Berichte des Direktors Ouziel sind besonderer Beachtung wert: Die erste betrifft die Verwendung von Lehrerinnen in Knabenschulen, die zweite schlägt die Begründung einer Werkstatt vor, in der die Lehrlinge, die bei anderen Meistern ausgelernt haben, in ihren verschiedenen Berufen weiter ausgebildet werden. Wir lassen diese beiden Stellen folgen: Zum erstenmal haben wir in diesem Jahr in der Schule der Maltastraße Knabenklassen unter die Leitung von Lehrerinnen gestellt. Ich halte es für angezeigt, Ihnen Näheres über diesen Versuch zu berichten. Die Erfahrungen dieses Jahres haben ergeben, daß für alles, was nicht den Unterricht selbst betrifft, die Lehrerinnen ihre Aufgabe besser bewältigen als die Lehrer. Im allgemeinen läßt die Lehrerin sich besser leiten und beobachtet alle Vorschriften mit einer Sorgfalt und Aufmerksamkeit, die man bei dem Kollegen des stärkeren Geschlechts nur selten findet;. Die von einer Lehrerin geleitete, Klasse sieht freundlicher aus, die Schüler haben eine bessere Haltung und sind vor allen Dingen sehr sauber, denn die diesbezügliche Inspektion ist sehr gründlich. Der einzige dunkle Punkt ist die Disziplin. So lange sie mit Knaben unter neun Jahren zu tun hat, erreicht die Lehrerin ein vollendet gutes Betragen bei der ganzen Klasse, sobald aber die Anforderungen des Dienstes uns zwingen, ihr eine Klasse mit älteren Schülern zu übergeben, so ist es ihr unmöglich, ihre Autorität zu wahren, und die Klasse gerät bald in Unordnung. Auch in betreff des eigentlichen Unterrichts ist das Ergebnis bei den Lehrerinnen geringer als bei den Lehrern. Die Lehrerinnen legen zuviel Gewicht auf Nebendinge, bleiben zuviel am Aeußerlichen haften und vernachlässigen darüber das Wesentliche. Ich möchte nicht gerne generalisieren und die Behauptung aufstellen, daß das gesamte weibliche Personal dieselben Fehler besitzt, die ich Ihnen aufgezählt habe, und es ist wohl möglich, daß meine Beobachtungen sich nur auf einzelne Fälle beziehen. Außerdem bin ich der Meinung, daß diese Fehler durch eine geschickte Schulleitung wesentlich gemildert werden können. Im ganzen genommen können die Lehrerinnen in Knabenschulen, glaube ich, sehr nutzbringend wirken, wenn man ihnen nur die jüngeren Jahrgänge überläßt; vielleicht wird dabei etwas weniger Arbeit geleistet, aber Ordnung und gute Erziehung werden ungeheure Fortschritte machen. Lehrlingswerk. Unser Lehrlingswerk weist unter der geschickten Leitung des Direktors Castro immer weiter vorzügliche Resultate auf. Die augenblickliche Zahl von 90 Schülern wird im Laufe des Jahres auf 100 steigen. Wie bisher sind wir auch weiter bemüht, die verschiedenartigsten Handwerke zu pflegen, damit nicht ein einzelnes zuviel überlaufen wird. Unsere derzeitigen 90 Lehrlinge lernen 25 verschiedene Gewerbe. Wir haben 3 Buchbinder, 5 ^Mechaniker, 4 Bildhauer, 3 Faßbinder, 3 Karrenbauer, 7 Elektriker, 6 Kunsttischler, 3 Tapezierer, 3 Ciseleure, 1 Modelleur, 3 Schmiede, 8 Bleiarbeiter, 4 Dreher, 7 Tischler, 4 Marmorarbeiter, 1 Gießer, 6 Sattler, 2 Wagenmaler, 1 Dekorationsmaler, 2 Goldarbeiter, 1 Chauffeur, 1 Balanzierarbeiter, 2 Photograveure, 1 Lithographen und 9 Schüler, die die Handwerkerschule besuchen.