Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Article
- Die Schulen der Alliance in den Jahren 1913 - 1914
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 455 - 456 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Safed 5× ep/1046078
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455 Die Schulen der Alliance in den Jahren 1913—1914. 456 S af ed. Direktor J. Farhi beginnt seinen Bericht mit einigen allgemeinen Ausführungen über Safed und die dortige jüdische Gemeinde. Ehe ich den Bericht über den Gang unserer Schule anfange, möchte ich Sie über die Verhältnisse der vierten heiligen Stadt von Palästina informieren. Seit undenklichen Zeiten ist es Safed niemals besonders glänzend gegangen. Seine geographische Lage auf dem Gipfel des Gebirges von Hoch- Galiläa und die unbequemen, gefährlichen Wege, die es mit den nächstgelegenen Ortschaften verbindet, sondern es von anderen Städten ab und bilden ein schwieriges Hindernis für seine moralische und wirtschaftliche Hebung. Dieses traurige Bild des heutigen Safed wird durch die Apathie der Bevölkerung noch mehr verdüstert. Ohne die Indolenz seiner Einwohner hätte Safed eine der malerischsten und gesündesten Städte Syriens werden können, aber es scheint noch kein Reizmittel gefunden zu sein, das sie aus ihrer Schläfrigkeit aufrüttelt. Der Kaimakan (Landrat), der im vorigen Jahre hier gewesen ist, war ein moderner, aufgeklärter Mann. Er hat sich von der Rückständigkeit der Bevölkerung überzeugt und sich zur Besserung dieses Zustandes große Mühe gegeben. Er hatte sich die doppelte Aufgabe gestellt, den sanitären Zustand der Stadt und ihre wirtschaftliche Lage zu heben. In dem ersten Teil seiner Aufgabe hat er Erfolg gehabt, er hat die Stadt mit reinem, gesundem Quellwasser versorgt. Bisher hatte fast die gesamte Einwohnerschaft von dem in Zisternen gesammelten Regenwasser getrunken, was, besonders in der Regenzeit von Juni bis November, die Verbreitung der Malaria außerordentlich begünstigte. Er hat außerdem eine städtische Straßenreinigung eingeführt, die indessen nur bis zu seiner Abreise von Safed funktionierte. Die wirtschaftliche Lage ist nicht nur nicht besser geworden, sondern wird immer schlechter. Industrie ist nicht vorhanden. Der Handel beschränkt sich auf die Herbeischaffung der notwendigsten Lebensbedürfnisse und wird von ungefähr hundert Familien betrieben, teils Mohammedaner, teils Christen und Juden. Der Rest der Einwohner ist nicht imstande sein Brot zu verdienen. Die Zahl der arbeitslosen jungen Leute in Safed war Legion. Da sie keine Beschäftigung fanden und sich nicht durch den Bettel ernähren wollten, haben sie die Heimatstadt verlassen. Zu Hunderten sind sie in diesem Jahre nach Amerika oder Australien oder Südafrika ausgewandert, es sind nicht viele übriggeblieben. Mit den jungen Männern hat es angefangen, dann folgten die verheirateten Männer und schließlich wanderten ganze Familien aus, um in der Fremde ihr Glück zu suchen. Jetzt haben auch die jungen Mädchen mit dem Auswandern begonnen. Eine charakteristische Tatsache: noch vor zwrei Jahren gab es in der Gemeinde in jeder Woche vier bis fünf Eheschließungen — jetzt haben wir seit Monaten keine einzige Hochzeit gehabt. Diese ausgedehnte Auswanderung macht sich nicht nur bei den Juden, sondern auch bei Mohammedanern und Christen und ganz besonders bei den arabischen Bauern bemerkbar. Durch ihre begeisterten und optimistischen Berichte ziehen die Ausgewanderten ihre Freunde und Bekannten nach. So ist Safed nur noch ein großes Asyl für Greise, die aus Rußland, Oesterreich, Rumänien und anderen Ländern hergekommen sind, um ihre Tage auf dem heiligen Boden zu beschließen. Sie leben von ihren Ersparnissen, von Unterstützungen, die sie sich vor ihrer Pilgerreise gesichert haben und von der Chalukka. Manche von ihnen geben sich im Ausland als Direktoren oder Leiter von Wohlfahrtsanstalten aus, die tatsächlich nicht existieren. Die angeblichen Direktoren benutzen diesen Vorwand zur Ausbeutung gläubiger, mildtätiger Seelen, und einigen von ihnen hat dieses Verfahren guten Erfolg gebracht. Tanger. Direktor Taourel erzählt uns einige Einzelheiten über die Besucher, die unsere Schule besichtigt haben und über die „Junta" der Gemeinde: „Im Laufe des Schuljahres habe ich Ihnen über die verschiedenen interessanten Besuche berichtet, die wir in der Schule empfangen haben. Um nur die; bedeutenderen Persönlichkeiten hervorzuheben, möchte ich -Sie an die Herren von Beaumarchais, erster französischer Gesandtschaftssekretär, Brisson, außerordentlicher Gesandter, die Abgeordneten Dumcsnil und Abel Ferry und-Universitätsprofessor Hauser erinnern. Diese Herren haben sich aus den verschiedensten Gründen für unsere Anstalten und für die Fortschritte der Schüler interessiert. Alle waren von der erstaunlichen Lebhaftigkeit und Auffassungsgabe überrascht, mit der die Kinder den Unterrichtsstoff zu begreifen, zu behalten und sich anzueignen verstehen. Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, daß alle Besucher ihre grenzenlose Bewunderung für das Alliance-Werk ausgesprochen haben, das sich seit einem halben Jahrhundert unentwegt mit der Hebung der Kultur beschäftigt und so herrliche Ergebnisse gezeitigt hat. Was wäre, so fragten sie, aus diesen Völkerschaften geworden, wenn man sie sich selbst überlassen hätte? Dieselbe Frage kehrt unverändert bei allen Besuchern wieder, die unsere Klassen besichtigen unc sich danach mit ihrem Direktor unterhalten. Es wäre zu wünschen, daß unsere Schulen nocl häufiger und von einem größeren Publikum besuch würden. Unsere Tätigkeit, unsere Mühe und unser Erfolge müßten in der weiteren Oeffentlichkeit besse bekannt werden, denn trotz alles Guten, d'as voi uns gesagt wird, kennt man uns noch nicht ge nügend. Auf unsere Schüler haben solche Besuch einen vortrefflichen moralischen Einfluß. Die Schule unterhält die besten Beziehungei; zur „Junta", dem Verwaltungsvorstand der Gemeinde. Diese Körperschaft wird nach allgemeinen Stimmrecht auf drei Jahre gewählt. Im April diese; Jahres haben Wahlen stattgefunden, und bei dieser Gelegenheit ist die Zahl der zu wählenden Mitglieder von 10 auf 15 erhöht worden. Zwrei Mitglieder der Junta sind Ihrem Schuldirektor zur Beratung aller Schulangelegenheiten beigeordnet. Entgegen der Gepflogenheit bei der Mehrzahl der Allianceschulen wird unsere Schule in Tanger nicht vom Direktor verwaltet. Die Junta ernennt einen Verwalter, der sich mit den Einnahmen und Ausgaben der Schuie zu beschäftigen hat. Neben allen anderen Vorzügen gibt dieses System uns auch Gelegenheit zu unmittelbarer Berührung mit der Gemeinde, «die auf diese Weise niemals das Interesse an unseren Anstalten verlieren kann/'