Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Article
- Die Schulen der Alliance in den Jahren 1913 - 1914
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 453 - 454 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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453 Die Schulen der Alliance in den Jahren 1913—1914. 454 D i e S c h u 1 e. Ich benutze jede Gelegenheit, um den Israeliten zu wiederholen, daß das Heil ihnen von ihnen selbst kommen würde, sobald sie ihre geistige und sittliche Lebensstufe gehoben haben werden, «die zurzeit die tiefste von ganz Marokko ist. Je näher ihre Kenntnisse und ihre Erziehung sie dem Zivilisationsgrad ihrer neuen Herren bringen, um so höher werden sie geschätzt und geachtet werden. Das ist ein auf universeller Erfahrung beruhendes soziales Gesetz. Diese gerade ihrer Wahrheit wegen banal gewordenen Anschauungen dringen kaum in die mequinesischen Gehirne ein, die durch wilde Orthodoxie und unbelehrbaren Fanatismus versperrt sind. „Du sprichst goldene Worte, mein Sohn/' sagte mir eines Tages der Großrabbi, ein Mann von umfassender Bildung und Geistesfreiheit, „aber es gibt keine schlimmeren Tauben, als solche, die nicht hören wollen. Man wird dir, ich gebe zu, mit Unrecht, antworten, daß der Besuch der Schule sich nicht mit dem Religionsunterricht verträgt,, und daß, selbst wenn alle gerühmten Vorteile wirklich vorhanden sind, die Schule nur die Güter dieser Welt verschaffen kann, während die Religion die Pforten des Himmels öffnet. Alles beruht also aut der behaupteten Unverträglichkeit der Schule mit der Religion, die ja nach meiner vollständigen Ueberzeugung gar nicht vorhanden ist. Das wird erst mit der Zeit geklärt werden, wenn die Leute erkennen, daß die aus Ihren Schulen hervorgegangenen Geschlechter ohne Verletzung ihrer Religion den anderen weit überlegen sind. Im übrigen brauchst du nicht besorgt zu sein, du wirst nicht allzu lange zu warten haben; die sich vorbereitenden Ereignisse werden die heutigen Anschauungen bald so vollständig umstürzen, daß dieser langsame Beweis überflüssig werden wird. Die Schüler werden dir noch weit über Wunsch zuströmen/' Wir wollen es hoffen. Mogado r. Als Gegensatz zu dem eben Gelesenen geben wir ein vielleicht etwas streng gezeichnetes Bild der Gebräuche und Sitten der weiblichen Einwohner von Mogador, dessen Hafen schon seit langer Zeit dem internationalen und besonders dem englischen Handel erschlossen ist. Jeder durch Mogador reisende Fremde macht die Bemerkung, daß das dortige weibliche Element weit emanzipierter ist, als die Frauen in den anderen Städten Marokkos. Die Gründe dafür sind verschiedener Art. Es kommen viele Touristen nach Mogador, eine große Anzahl ausländischer Familien hat seit Jahren ihren Wohnsitz in der Stadt und ist dabei ihren europäischen Sitten treu geblieben. Die bequeme Verbindung zwischen Mogador und London hat einen regen Verkehr nach dieser Millionenstadt zur Folge gehabt; viele wohlhabende Frauen reisen zu ärztlicher Behandlung nach London, schicken ihre Töchter zur Vollendung ihrer Erziehung dorthin, wo sie die Fortschritte der höheren Zivilisation kennen lernen — alles zusammen hat eine bedeutende Rolle in der Umwandlung eines Leils der Bevölkerung gespielt. Die meisten jungen Mädchen in der Kasbah und einige junge Frauen sprechen englisch, klimpern auf dem Klavier, machen feine Handarbeiten, spazieren mit sichtbarem Vergnügen durch die Straßen und wer sie so lachend, kokettierend und nach der neuesten Mode gekleidet einherwandeln sieht, kann es kaum fassen, daß ihre an den alten Gebräuchen hängenden Mütter noch einen künstlichen „Scheitel" tragen und ihre Gestalt unter dem weiten Haik verbergen. Diese Umwandlung ist indessen im wesentlichen nur eine oberflächliche. Sie ist zu schnell eingetreten, als daß sie tief in Natur und Sinn der betreffenden Personen eingedrungen sein könnte. Es fehlt den Frauen an Ausdauer, jede regelmäßige und anhaltende Tätigkeit ist ihnen lästig, ihre Vergnügungen sind geräuschvoll und der Ausdruck ihres Schmerzes ohne jede Haltung. Sie sind abergläubisch, rufen bei jeder Gelegenheit die Hilfe der Zaddikim an, und dieselben Damen, die in Gesellschaft sehr niedlich englisch lispeln, benutzen nicht weniger gern die arabische Sprache, um im Kreise ihrer Angehörigen ihrer Zärtlichkeit oder ihrem Zorn recht malerischen Ausdruck zu geben. Rabat. Aus dem Bericht des Direktors Conquy: Unsere Schule ist in ein neues Stadium getreten. Ihre Erfolge werden jetzt von den Israeliten, den Europäern und den Behörden freudig anerkannt, sowohl in bezug auf den Erfolg des Unterrichts, wie auf die Haltung der Schüler. Sie haben ja bereits aus früheren Berichten ersehen, daß die Studien mit Eifer betrieben worden sind, und daß alle Kinder, die die Schule regelmäßig besuchten, greifbare Fortschritte gemacht haben. Wir haben unsere Tätigkeit nicht auf den Unterricht beschränkt. Wir haben auch mit großer Sorgfalt die äußere Haltung der Kinder beobachtet, die jetzt bedeutend sauberer in ihrer Person und Kleidung geworden sind und zum großen Teil die europäische Tracht angenommen haben. Große Mühe haben wir. uns fortgesetzt mit der Ausrottung des Aberglaubens gegeben, der tief im Gemüt der Kinder verankert war. Unsere abgehenden Schüler werden sehr gern für einträgliche Stellungen engagiert. Sehr viele ehemalige Schüler unserer Anstalt verdienen jetzt ihren Unterhalt dank den bei uns erworbenen Kenntnissen. Einige sind in den kaufmännischen Bureaus der Stadt angestellt, andere bei der Post, beim Zollamt, in den Konsulaten und Banken — kurz in allen Zweigen der öffentlichen Tätigkeit, und mit wenigen Ausnahmen sind ihre Chefs und Vorgesetzten mit ihnen außerordentlich zufrieden. Wenn man bedenkt, daß unsere hiesigen Schulen erst seit zehn Jahren bestehen, und in welchem Zustand seinerzeit die hiesige Gemeinde gewesen ist, so sind die erreichten Resultate glänzend zu nennen Auch die Lage der Gemeinde bessert sich merklich. Das Geschäft hat an Ausdehnung gewonnen, seitdem Rabat eine Garnison bekommen hat und viele Ausländer sich hier niedergelassen haben. Die Arbeiter, die Mehrzahl der Handwerker und die Händler mit Lebensmitteln haben als Erste vom geschäftlichen Aufschwung Nutzen gezogen. Für unsere ehemaligen Schüler ist das französische Protektorat auch insofern günstig gewesen, als die im Gefolge der Truppen einziehenden Ansiedler viele Dolmetscher und Beamte jeder Art brauchen, und diese werden fast ausschließlich von unseren Schulen geliefert. Das Auskunftsbureau und der Konsul verlangen fortwährend junge Leute von uns, weil diese wegen ihrer Kenntnis des Französischen und des Arabischen den hiesigen Franzosen sehr nützlich sind.