Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Article
- Die Schulen der Alliance in den Jahren 1913 - 1914
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 451 - 452 (sequence 3)
- Language
- German
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451 Die Schulen der Alliance in den Jahren 1913—1914. 452 inneren Hof — dem spanischen Patio — sind die Wohnräume, zwei oder drei an der Zahl, angelegt Daneben eine Art Schuppen, der allen Nachbarn als 'gemeinsame Küche dient und in dem sich, oft leider in sefir dichter Nachbarschaft, der Brunnen una die Klosetts befinden. Das Erdgeschoß liegt meist erheblich unter dem Straßenniveau und wird durch eine niedrige Tür betreten. Der Grund für diese bizarre Bauart mag darin zu suchen sein, daß die Juden in den Zeiten, da sie noch vielfach verfolgt wurden, ihren Wohnungen einen recht erbärmlichen Anstrich geben, wollten. Da gar keine Fenster vorhanden sind, kann man ermessen, wie ungesund diese Wohnungen sind, in deren einzelnen Zimmern oft 8—10 Personen hausen. Das Hauptmobiliar besteht aus Matratzen. Sie nehmen eine Zimmerwand, oft auch zwei oder drei Wände ein und dienen gleichzeitig als Sitze und als Betten. Schränke kennt man überhaupt nicht, ich wenigstens habe noch keinen gesehen. Kleider, Wäsche und Wertsachen werden in Koffern aufbewahrt. Kupfergeräte — Schüsseln, Leuchter, Samowars usw. — findet man überall; sie sincT je nacfi der Vermögenslage der Besitzer mehr oder weniger zahlreich und elegant. Diese Gegenstände werden ebenso wie das Tisch- und Glasgeschirr, die Teetassen und Nippes in den vielen Kammern oder auf Etageren aufgestellt, die in maurischem Stil gearbeitet und an den Zimimerwänden angebracht sind. In den Wohnungen der wohlhabenden Familien sieht man auch Stutzuhren, kostbare Teppiche und Stühle, die für europäische Besucher bestimmt sind. Die Beköstigung. Die Mahlzeiten werden an kleinen niedrigen Tischen eingenommen, die wegen ihres geringen Umfangs sehr bequem zu hantieren sind. Man bringt sie vollständig gedeckt ins Zimmer und nimmt sie nach beendeter Mahlzeit mit allem, was darauf steht, wieder hinaus. Die Nahrung besteht fast ausschließlich aus Fleisch. Das Land selbst produziert sehr wenig Gemüse und die unbequemen, Verbindungen verhindern die Einfuhr von Gemüsen aus mehr als 20 Kilometer entfernten Orten. Blumenkohl, Spinat, grüne Bohnen, Schotenerbsen usw. existieren nicht. Die Europäer verwenden Konserven, um etwas Abwechslung in ihre Menüs zu bringen. Kartoffeln sind zu teuer, denn sie müssen zum größten Teil importiert werden. Eine Zeitlang haben wir 1 Franc für das Kilo bezahlt, und nie weniger als 55 Gentimes. Die armen Leute, die nicht zu oft Fleisch kaufen können, begnügen sich mit den billig verkauften Abfällen. Das Fleisch selbst kostet nur 1—1,25 Francs pro Kilo. Diese für ein heißes Klima sehr wenig hygienische Lebensweise wird durch Alkoholgenuß noch mehr verschlimmert. Bei der Mahlzeit des reichen wie des armen Mannes wird zuerst die Anisette-Flasche Serviert; Wein gibt es nur am Freitagabend, am Sabbath und den Festtagen und bei bestimmten Zeremonien. Dabei ist übrigens zu bemerken, daß keine Kneipen vorhanden sind. Die Familie destilliert jedes Jahr ihren Anisette-Liqueur selbst und fabriziert gleichfalls den erforderlichen Vorrat an Wein. Auf der Straße habe ich noch keinen Betrunkenen gesehen, man trinkt nur zu Hause und bei den Mahlzeiten. Deshalb wäre das Uebel an sich nicht so schlimm — aber es bleibt nicht dabei, und der mequinesische Israelit nimmt jede Gelegenheit wahr, um sich unaufhörlichen Trinkereien hinzugeben. Die Bevölkerung. Die israelitische Bevölkerung von Mequines besteht aus 5000—6000 Personen und ist trotz ihrer Fruchtbarkeit seit langer Zeit nicht gewachsen. Das liegt an ihrer schwächlicheil Konstitution, die die normale Lebensdauer um die Hälfte verkürzt, und an der großen Säuglingssterblichkeit. Wie könnte es auch in einem Milieu anders sein, das von zwei schrecklichen Uebeln zerfressen wird: vom Alkohölismus und den vorzeitigen Ehen. Jedes Uebel allein würde schon zur Entartung der Rasse ausreichen, nun kommt dazu noch die Unkenntnis selbst der elementarsten Begriffe der öffentlichen Hygiene und der ungesunde Zustand auch der reich ausgestatteten Wohnungen. Existenzmittel. Trotzdem Mequines den Titel der zweiten Hauptstadt Marokkos führt, machte es vor der französischen Besetzung den Eindruck einer toten Stadt. Da die Bevölkerung von kaum 25^000 Seelen über ein Riesengebiet verstreut ist, das bequem 200 000 Einwohner fassen könnte, liegen die Straßen still und einsam. Die Wohnungsmieten sind niedrig; die Hausbesitzer lassen ihre Häuser lieber zerfallen, als daß sie eine kleine Summe für Reparaturen ausgeben; auch der Anblick dieser schlecht gehaltenen Häuser bestärkt bei dem Fremden den Eindruck, daß er die Ueberreste einer toten Stadt vor sich habe. Der gänzlich Unbedeutende Handel beschränkt sich auf drei aus Europa eingeführte Hauptartikel: Stoffe, Zucker und Tee. Der Engrosverkauf dieser Artikel liegt in den Händen von ungefähr zwanzig jüdischen Kaufleuten; sie können kein Detailgeschäft betreiben, weil sie in der Araberstadt keine Läden mieten dürfen. Deshalb verlegten die Israeliten sich auf einige lokale Industrien, wie Blechwaren- und Gold- und Silberarbeiten, die sehr wenig einbringen und ihren Mann kaum ernähren ... Die französische Okkupation. Glücklicherweise fehlt es dem marrokanischen Juden nicht an Arbeitstrieb und Fleiß. Die französische Besetzung fand ihn kampfbereit. Die Mequinesen stürzten sich mit Eifer in die Arbeit, liefen durch die Militärlager, versorgten die Kompagnien, übernahmen Laufereien und monopolisierten den Handel mit Konserven und ähnlichen Dingen. Die verhältnismäßige Sicherheit der Landstraßen unter der neuen Regierung veranlaßte sie zur Wiederaufnahme ihrer Reisen zu den Stämmen des Binnenlandes, wo sie die Produkte der Stadt: Stoffe, Zucker, Tee und Kerzen gegen Geflügel, Schlachtvieh, Butter, Eier, Oel, Honig und Wachs eintauschten. Leider waren sie allzu vertrauensselig gewesen: vier kräftige, junge, tüchtige Leute sind im Laufe dieses Jahres bei verschiedenen Stämmen umgebracht worden, zwei bei den Semmurs, einer bei den Hiayinas und einer im Geruan-Gebiet. Die neue, vom Umfang der Garnison abhängige geschäftliche Tätigkeit wurde sehr bald von der Einwanderung europäischer Händler geschädigt, die nicht nur gewandtere und geschicktere Geschäftsleute, sondern durch die Kenntnis der französischen Sprache und der Bedürfnisse des Soldaten bedeutend im Vorteil sind. Obgleich diese Erwerbsquelle sehr erheblich nachgelassen hat, hat sie doch trotz der wesentlichen Steigerung der Lebensmittelpreise einen gewissen Wohlstand in den Mellah gebracht.