Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Article
- Das Herzenskämmerlein des Wunderrabbi
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 439 - 440 (sequence 3)
- Language
- German
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439 S. Meiseis: Das Herzenskämmerlein des Wunderrabbi. 440 durchdringen. Er erhob sich von seinem Krankenlager und ging in seinem Zimmer kräftigen Schrittes einher, als hätte er gar nicht erst vor kurzem in hoffnungslosem Zustande dagelegen. Da indessen der Rabbi alles sehen konnte, was außerhalb der vier Mauern seines Zimmers in der Welt vorging, so merkte er alsbald, was geschehen war, daß der kleine Rüben ihm sein Leben verschenkt hatte. Da bemächtigte sich seiner eine große Trauer, und er lief wie wahnsinnig umher. Plötzlich hielt er inne und versank einige Minuten in tiefes Nachdenken; darauf entnahm er einem Bücherschrank das fünfte Buch Mosis, griff nach dem Stabe des Baalschem und eilte fort. Mit Windeseile rannte er durch die Gassen des Städtchens, so daß ihn niemand erkennen konnte, und trat in die Wohnung der Eltern Rubens. Hier beugte er sich über das Bettchen, worin der kleine Rüben noch dalag, sagte dreimal hintereinander den sechsten Vers im dreiunddreißigsten Kapitel des fünften Buches Mosis, und siehe da, Rüben öffnete seine Aeuglein, sah den Rabbi an und lächelte. Da strich der Rabbi mit seiner Hand über seine bleiche Stirn und sprach: „Du mein goldener Junge, du! Wie konntest du nur das tun, und dein schönes hoffnungsvolles Leben verschenken? Nun liegst du da, und die Leute glauben, du wärest nun ganz und gar tot. Weil aber die Leute das glauben, so sollst du auch nicht mehr unter den Leuten wandeln. Komm mit mir, ich besitze ein stilles Kämmerlein, das ich mein Herzenskämmerlein nenne, da darin wirst du wohnen und — leben!" Und es geschah also. Der Rabbi nahm den kleinen Rüben in sein Herzenskämmerlein, auf daß er dort wohne und — lebe. Die Leute aber wußten nichts von dem Kämmerlein des Rabbi; auch seine Getreuen wußten nichts davon. Wenige Jahre vergingen. Es kamen schlechte Zeiten, Zeiten voll von Kriegsgeschrei und Unruhe, Zeiten der Not und einer furchtbaren Teuerung. Die Leute im Städtchen waren voller Kummer und Sorge, und in des Tages Mühen und Lasten fanden sie keine Muße, an vergangene Ereignisse zu denken. Auch Rubens, den sie einst so sehr lieb gehabt hatten, gedachten sie nicht mehr. Und der Rabbi? Der Rabbi erwähnte seinen Namen nie. So ward Rüben vergessen, wie jeglicher Tote vergessen wird. Doch eines Tages erwachte der Rabbi zu früher Morgenstunde, erhob sich von seinem Lager, wusch nach Vorschrift seine Hände und murmelte ein kurzes Gebet. Dann zog er ein festliches Gewand an, das er nur an Sabbaten und Feiertagen zu tragen pflegte, und begab sich in das zweite Zimmer, wo sein Diener schlief. Diesen rüttelte er aus dem Schlafe und befahl ihm, seine Getreuen zu holen. Der Diener ging; die Getreuen kamen. Schweigend und voller Ehrfurcht nahten sie dem Rabbi, schweigend und voller Ehrfurcht harrten sie seiner Botschaft. Der Rabbi aber saß am Fenster, und die ersten Strahlen der Morgensonne fielen auf sein graues Haupt; es war ein geheimnisvolles Leuchten in seinen stark umschatteten Augen, wie wenn sich Licht mit Dunkelheit, wie wenn Freude mit Trauer sich mengt. So saß er lange da und schwieg; dann erhob er seine Stimme und sprach: „Ihr, meine Getreuen, ihr wolltet heute bis in den Tag hinein schlafen und dachtet nicht daran, daß heute ein großer Festtag ist. Wird ja heute Rüben Barmizwah, heute wird er dreizehn Jahre alt, und am heutigen Tage soll er zu allen religiösen Uebungen verpflichtet werden. Euch hab ich ausersehen, in mein Allerheiligstes blicken zu lassen. Am heutigen Tage will ich euch meine Herzenskammer auftun, auf daß ihr das Wunder des Lebens nach dem Tode erschaut/' Kaum hatte der Rabbi dieses Wort gesprochen, da wölbte sich die Decke des Zimmers zu einer mächtigen Kuppel, die Wände rückten ins Weite; es dehnte sich der Raum. Die Fenster schössen jählings empor zu turmartiger Höhe und liefen in eine halbkreisförmige Wölbung aus. Das Zimmer war plötzlich zu einem herrlichen Tempel umgewandelt, worin blank polierte Bänke und Betpulte, ein kunstvoll geschnitzter Vorlesetisch in der Mitte, und eine säulengetragene prachtvolle Bundeslade standen. Mit siebenfacher Stärke leuchtete die Sonne zu den Bogenfenstern hinein, und ein Strahlenbote kroch hinauf zu dem mit Rubinen, Smaragden und anderen Edelsteinen besäten Vorhang vor der Bundeslade und zauberte Farbensymphonien vor die Augen der Beter. Und der Beter gab;s gar viele: weißbärtige Männer in weißen Kleidern und in blütenweißen Gebetmänteln. Und am Vorlesetisch stand, ebenfalls in einen blütenweißen Gebetmantel mit Silberborte gehüllt, der kleine Rüben und las aus einer Thorarolle ein Kapitel aus dem Wochenabschnitt vor. Seine Stimme klang glockenhell durch den ganzen Raum; die weißbärtigen Männer nickten mit den Köpfen und lächelten zufrieden. Als Rüben den Abschnitt zu Ende gelesen und den vorgeschriebenen Segensspruch gesprochen hatte, erscholl wie aus einem Munde das Amen der versammelten Gemeinde. „Amen!" sprachen auch die Chassidim — da standen sie wieder im ärmlichen Zimmer des Rabbi____ Die Chassidim, an Wunder gewöhnt, nahmen alles Gesehene in die verborgenen Fächer ihres Innern auf und taten es zu allen den heiligen Geheimnissen, deren ihr Herz voll war. Der Rabbi aber saß noch immer am Fenster; noch immer war ein geheimnisvolles Leuchten in seinen stark umschatteten Augen, wie wenn sich Licht mit Dunkelheit, wie wenn Freude mit Trauer sich mengt. Abermals vergingen einige Jahre. An einem Freitag nachmittag, wenige Stunden vor Anbruch des Sabbats, saß der Rabbi mit seinen Getreuen und sprach, wie von ungefähr, über die Pflicht des Menschen, zu heiraten. Er zitierte Simon ben Jochai und Isak Luria, die da behaupten, daß alle Menschenpaare nur fortgezeugte Teile des ersten Menschenpaares seien, und erwähnte eine Stelle im Sohar, daß bei der Vermählung des ersten Menschenpaares die ganze Schöpfung frohlockte und jauchzte. Dann reihte er Erklärung an Erklärung über die sieben Benediktionen, die über jedes Brautpaar gesprochen werden/ und häufte Geheimwort auf Geheimwort über die zehn Ausdrücke der Freude, die in der letzten Benediktion enthalten sind. „Nicht bei jeder Vermählung," fuhr er mit zitternder Stimme fort, „kann die Freude die Stufenleiter der zehnmaligen Erregung durchlaufen. Vielfach gibt sie sich nur zur Hälfte: der Freude fehlt die Wonne, dem Jubel gesellt sich nicht das Jauchzen, auf das Spiel folgt nicht der Tanz, die Freundschaft reift nicht bis zur Brüderschaft und von der Geselligkeit ist die Eintracht weit entfernt. Wandelte aber Rüben heute