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Ost und West · 1914-06-01 · Heft 6 (Juni 1914) · p. Seite 437 - 438

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 6 (Juni 1914)
Article
Das Herzenskämmerlein des Wunderrabbi
Date
1914-06-01
Page
Seite 437 - 438 (sequence 2)
Language
German
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437 S. Meiseis: Das Herzenskämmerk-in des Wunde;rabbi. 438 berührte ihn mit seinem Stabe, und siehe da, der Lahme stand auf und ging festen Schrittes nach Hause, als wäre er im Leben nie lahm gewesen. Und mancher Blinde kam zum Rabbi, und dieser gab ihm seinen Segen und berührte ihn mit seinem Stabe, und siehe da, seine Augen öffneten sich, und er ging hinaus und sah den Strahlenglanz der Sonne, die Farbenpracht der Blumen, die bezaubernde Anmut der kleinen Kinder und alle sonstigen Schönheiten und Herrlichkeiten der Natur; da pries er Gott und segnete den Rabbi, der ihn aus dunkler Nacht in den hellen Tag gerettet hatte. Und mancher Taubstumme kam zum Rabbi, und dieser berührte ihn mit seinem Stabe, und seine Zunge löste sich und sein Ohr wurde empfänglich für alles Lautbare, und er ging hinaus und hörte den Gesang der Vögel, das Rauschen des Baches, den Zauberklang zarter Kinderstimmen und alle sonstigen Wundertöne der Natur; da dankte er dem Schöpfer im Himmel und seinem Diener hier auf Erden für alle Segnungen, die ihm zuteil wurden. Noch viele andere Leute kamen zum Rabbi: Kranke, die er heilte, Schmerzerfüllte, denen er Trost spendete, Gebeugte, die er aufrichtete, Verirrte, die er wieder auf den rechten Weg leitete. Außerdem besaß der Rabbi die Macht, Geister zu beschwören, Engel vom Himmel herunterzulocken und alles Traumhafte in Wirklichkeit umzuwandeln. Und weil er soviel der Wunder tat, nannten ihn die Leute den „Wunderrabbi", und sein Name ward berühmt bis an die Grenzen des Reiches, und von nah und fern strömten viele herbei, die seine Hilfe suchten. Eines Tages erkrankte der Rabbi; es war eine schwere Krankheit und viele bangten um sein Leben. Es ist nun einmal so in der Welt, daß jeder Arzt, der doch so viele Kranke gesund macht, sich selbst, wenn er krank wird, nicht gesund machen kann. Auch dem Rabbi erging es so: er hatte im Leben viele Kranke geheilt, aber sich selbst konnte er nicht helfen. Da lag er nun in starker Fieberhitze^ seine Augen glühten» seine Lippen brannten, und es war, als würde sein Körper von einem Feuer von innen und außen verzehrt. Jede Hoffnung auf Rettung schien geschwunden, und der Leute im Städtchen, die allesamt den Rabbi wie einen Vater liebten, bemächtigte sich eine große Verzweiflung. Sie rauften sich das Haar aus, rangen verzweifelt die Hände, und des Jammerns und Wehklagens war kein Ende. Nur der älteste unter ihnen, ein graubärtiger Mann, stand gesenkten Hauptes ruhig und schweigend in einer Ecke. Nach längerem Nachdenken erhob er sein Haupt, rief die Leute herbei und sprach: „Was weinet ihr und wehklaget, während d och das Weinen und Wehklagen hier nichts nütze ist. Wißt ihr denn nicht, was ihr zu tun habt? Geht alle ins Bethaus und betet für das Leben unseres Rabbi! Die Macht des Gebets ist groß und hat schon manchen Sterbenden aus den Armen des Todes befreit/' Da liefen sie alle ins Bethaus, Alte und Junge, Kinder und Greise, Männer und Frauen, Reiche und Arme, alle, alle hatten sie sich zum Gebet für den kranken Rabbi versammelt; auch Rüben mit seinem Vater war darunter. Und sie begannen Psalmen und allerhand Gebete herzusagen und weinten und schrien zu dem Alimächtigen, der über Leben und Tod gebietet, daß er sich des schwerkranken Rabbi erbarmen und ihm Hilfe und Genesung senden möge; und die Mauern widerhallten von dem vielstimmigen Gebet. Das Gebet war noch nicht ganz zu Ende, da stieg der graubärtige Mann die Stufen zum Almemor hinauf, klopfte dreimal auf das Vorlesepult und gebot Schweigen. Dann ließ er sich folgendermaßen vernehmen: „Meine Brüder, Kinder meines Volkes! Wir befinden uns jetzt in einer sehr ernsten Stunde: ein uns allen teures Leben schwebt in Gefahr. Keine Tat darf uns zu schwierig, kein Opfer zu groß erscheinen, dieses Leben vom Tode zu erretten. In unseren heiligen Büchern steht geschrieben: Jegliches Ding kann man mit einem andern teilen, jede Sache läßt sich von dem einen auf den andern übertragen, alles kann der eine dem andern schenken; das gilt, so heißt es in den heiligen Büchern, von allem in der Welt, auch von Tagen, Monden und Jahren des eigenen Lebens. Auch diese können verschenkt werden. So jemand mit ernstem Willen eine derartige Schenkung ausspricht, dann kommen die guten Engel und verschreiben es im Buche des Lebens und ziehen die freiwillig geopferte Tages-, Wochen¬ oder Jahreszahl von dem Leben des Spenders ab und legen sie dem zu, für den die Schenkungbestimmt ist. Ich verlange also von euch, daß jedes Mitglied der Gemeinde einen Teil seines eigenen Lebens dem kranken Rabbi schenke, Tage, Wochen, Monde, Jahre, je nach dem Willen des einzelnen/' Als die ßetenden das vernahmen, waren sie alle damit zufrieden und sprachen: „Wohlan, dein Rat ist gut, wir wollen ihn befolgen!' Und nun ging das Schenken los. Ein reicher Mann mit einem dick gemästeten Bauch, £iner, der nächst seinem Reichtum nur noch das Leben liebte, erklärte sich bereit, von seinem kostbaren Leben einen vollen Tag dem Rabbi zu schenken. Ein in Lumpen gehüllter Hungerleider, der täglich und stündlich das Leben verwünschte, ließ sich herbei, auf eine ganze Woche seines Lebens zugunsten des Rabbi zu verzichten. Selbst die „Getreuen" des Rabbi, die sich Chassidim nannten, Leute, die sonst stets um den Rabbi waren und mehr als alle andern an seine Wunder glaubten — selbst diese waren mit ihren Schenkungen nicht sonderlich freigebig; der eine schenkte ein Jahr, der andere zwei, die Höchstzahi war drei Jahre, die ein junger Chassid spendete. Nur ein neunzigjähriger Greis, der dem Grabe entgegenschwankte, tat mutig und schenkte dem Rabbi zwanzig Jahre seines Lebens. Mit einem Male sprang der kleine Rüben herbei, sein Gesichtchen war gerötet, seine Aeuglein schwammen in Tränen, er hob die kleine Hand in die Höhe und rief: „Ich schenke dem Rabbi mein ganzes Leben!" Als die Anwesenden das vernahmen, waren sie sehr bestürzt; viele eilten auf Rüben zu und versuchten, mit ihrer. Hand ihm den Mund zuzuhalten, auf daß er den Satz nicht vollende. Allein — es war;zu spät. Kaum hatte Rüben das Wort ausgesprochen, da fiel er in Ohnmacht und mußte nach Hause gebracht werden. Hier überkam ihm ein starkes Fieber, von Stunde zu Stunde verschlimmerte sich sein Zustand, und nach kurzer Zeit war der kleine Rüben tot. * * * Der Rabbi aber genas. Jugendfrisches Blut fühlte er plötzlich durch seine Adern sich ergießen und jugendfrische Kraft seine Muskeln

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