Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Article
- Das Herzenskämmerlein des Wunderrabbi
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 441 - 442 (sequence 4)
- Language
- German
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441 Aus den Wundergärten der Aggada. 442 noch unter den Lebenden, so hätte er am heutigen Tage das achtzehnte Lebensjahr erreicht, und wäre heute unter die Chuppa gekommen, und bei seiner Vermählung wäre Wonne und Freude, Jubel und Jauchzen, Tanz und Spiel, Freundschaft und Brüderschaft, Geselligkeit und Eintracht beisammen." Während der Rabbi also sprach, da war's wie ein freudiges Jauchzen ringsum; süße Klänge, jubilierende Töne schwirrten durch die Luft. Die Getreuen standen plötzlich im Vorhof der Synagoge, und der Vorhof war dichtgefüllt mit festlich gekleideten Menschen. Inmitten des Vorhofs stand der Trauhimmel, darunter Rüben, der Bräutigam, in weißseidenem Kittel, und ihm zur Seite die verschleierte Braut. Und die Freude stieg von Stufe zu Stufe, bis sie die Stufenleiter der zehnmaligen Erregung durchlaufen hatte. Da mischte sich in die Segenssprüche Gesang und in den Gesang mengte sich Musik. Und alle diese Töne ergossen sich wonniglich in das Herz "der Getreuen, und Quellen der Freude taten sich ihnen auf, da faßten sie einander bei der Hand und' begannen zu tanzen. Und sie tanzten lange, lange, immer freudiger, immer feuriger, bis sie des Dieners Ruf: „Es ist Zeit, sich für den Sabbat vorzubereiten!" aus ihrem Wonnetraum scheuchte. Tage schwanden, Jahre gingen dahin, Kinder wuchsen heran zu Männern, aus Männern wurden Greise, und das Städtchen war beinahe schon eine Stadt geworden. Der Rabbi aber lebte noch immer, lebte und studierte fleißig die heilige Lehre. Von Zeit zu Zeit blickte er in sein Herzenskämmerlein, und da sah er stets einen wölkenlosen 'Himmel und ein stilles Glück und ein friedliches Leben. Und' er suchte darin auch die Sorgen und den Kummer, die Leiden und den Schmerz, und er fand sie nicht. Darob betrübte er sich gar sehr. Und die Betrübnis wurde immer größer, der Schmerz nagte an ihm, seine Augen wurden müde und Nacht wohnte in seinem 'Herzen. "Eines Tages legte er sich hin und — starb. Da war auch das Herzenskämmerlein des Rabbi verschwunden. Am selbigen Tage war auch der kleine Rüben tot, wirklich tot. AUS DEN WUN DEROAERTEN DER AOGADA. Also leuchtet auch der Talmud, Zwiefach, und man teilt ihn ein In Halacha und Hagada. Erst're nannt' ich eine Fechtschur Letztere aber, die Hagada, Will ich einen Garten nennen, Einen Garten, hochphantastisch Und vergleichbar jenem andern, Welcher ebenfalls dem Boden Babylons entsprossen weiland — Garten der Semiramis, Achtes Wunderwerk der Welt. Wo die schönen alten Sagen, Engelmärchen und Legenden, Stille {Märtyrerhistorien, Festgesänge, Weisheitsspruche, Auch Hyperbeln, gar possierlich, Alles aber glaubenskräftig, Glaubensglühend — oh, das glänzte, Quoll und sproß so überschwenglich - Und des (Knaben edles Herze Ward ergriffen von der wilden, Abenteuerlichen Süße, Von der wundersamen Schmerzlust Und den fabelhaften Schauern Jener seligen Geheimwelt, Jener großen Offenbarung, Die wir nennen Poesie. (Heinrich Heine „Jehuda ben Halevy".) DIE SCHÖPFUNG UND IHR SCHÖPFER. Schönheit der Welt. ,,Und Gott erschaute alles, was er geschaffen, und siehe, es war sehr gut", heißt es im Buche von der Schöpfung. Rabbi Thanchuma eröffnete seine Erklärungen zu diesem Wort, indem er es an ein anderes Wort anknüpfte, welches lautet: ,,Alles hat Gott schön gemacht zur rechten Zeit." Zur rechten Zeit ist die Welt erschaffen worden. Nicht eine Sekunde früher war es angemessen, daß sie erschaffen werde. E. Abahu sagte, aus dem oben gedachten Wort der Bibel geht hervor, daß Gott Welten erschuf und sie zerstörte, Welten erschuf und sie zerstörte, bis er bei der jetzigen A\ elt angelangt war und sprach: Jene gefielen mir nicht, aber diese gefällt mir wohl. R. Chama bar Chanina sagte: Denkt euch einen König, der einen Palast erbaut hat. Wie der Palast fertig vor ihm dastand, blickte er ihn an und fand Gefallen an ihm und freute sich an seinem Anblick. Da sprach er: O Palast, o Palast! Möchtest du zu jeder Stunde soviel Wohlgefallen in meinen Augen finden, wie zu dieser Stunde. So sprach auch1 Gott zu seiner Welt: Du, meine Welt, du, meine Welt! Möchtest du immerdar mir so gut gefallen^ wie gut du mir in dieser Stunde der Schöpfung gefällst. Was soll es heißen, was da geschrieben steht* „Und Gott vollendete sein Werk, das er geschaffen, am siebenten Tage"? Hat er's nicht am sechsten vollendet, und ruhte er am