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Ost und West · 1914-06-01 · Heft 6 (Juni 1914) · p. Seite 431 - 432

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 6 (Juni 1914)
Article
Jüdische Hochzeitsgebräuche im alten Frankfurt
Date
1914-06-01
Page
Seite 431 - 432 (sequence 3)
Language
German
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431 J. B. Levy: Jüdische Hochzeitsgebräuche im alten Frankfurt. 432 Vätern des Brautpaares oder deren Stellvertretern unter den „Himmel" geleitet. Er trägt sein Haupt verhüllt, dem Ernst der Stunde angemessen. Es folgt die tiefverschleierte Braut in Begleitung der beiden Mütter oder nächst verwandten Frauen. Sie wird unter den Klängen nachfolgender Melodie dreimal um den Bräutigam herum geführt, viel-i leicht auf Grund des Prophetenwortes Jerem. 31, 22, „das Weib wird den Mann umkreisen". Sodann führt der Bräutigam die Braut noch ein-, mal im Kreise umher, während die Nächststehenden unter dem verheißungsvollen Zurufe ..Pru ur'wu" — Seid fruchtbar und mehret euch! — Weizenkörner, das Symbol vielfacher Vermehrung, auf das junge Paar streuen. Viele mengen unter das Korn auch Geldstücke für wohltätige Zwecke, und schriftgelehrte Teil-, nehmer sprechen den Segen: „Dein Gebiet be^ herrsche Frieden, und genieße das Fett des Weizens!" Haben doch die drei letzten Text-, worte dieses Psalmverses (147, 14) den Zahlern wert 519 der Worte Choßon w'challoh! — Die Bezeichnung dieser Zeremonie „Maanführen" wird von einigen Gelehrten auf den Stamm nioen, d. h. weigern, zurückgeführt. Dies war der letzte Moment, da das Brautpaar noch eine etwaige AVeigerung zur Heirat zum Ausdruck bringen konnte. — Immerhin war dieses Hin-/ auszögern der bindenden Trauung — bei der Schwierigkeit einer späteren Scheidung — begreiflich, wenn man bedenkt, daß es manch-* mal vorkam, daß Braut und Bräutigam sich hier zum erstenmal zu Gesicht bekamen. — Um so froher klang aber dann der „Maan-- Xiggun", die folgende heitere Marschmelodie, wenn ein „Maan", eine AVeigerung, nicht erfolgt war. Maan*Niggun*) *) Diese Melodie wurde wegen ihres frohen Charakters auch beim Vortrag* des Buches Esther bei den Worten „Wajislu ess Homon* angewandt. Nunmehr beginnt der eigentliche Trauungsakt, mit dem bedeutungsvollen "Worte Kiddu-i schin, Heiligung, benannt, von jeher mehr mit heiligem Ernst als mit leichtfertiger Fröhlich'-» keit begangen, sagt doch der Talmud: Seitdem der Tempel zerstört, ist der häusliche Tisch ein Altar, das Haus selbst ein Tempel im kleinen. Da, wie einleitend bereits hervorgehoben, für die Trauung selbst feststehende Vorschriften gelten, so verlief diese wohl im ganzen wie noch heute in frommen Kreisen k'daß Mauscheh w'Jisroel, nach dem Gesetze Mosis und Israels. — Nur einer eigenartigen Sitte müssen wir auch hier Erwähnung tun. Während nämlich' noch jetzt bei Trauungen, die in Frankfurt nach altjüdischem Ritus vollzogen wrerden, am Schlüsse vom Bräutigam oder einem anderen Anwesenden ein hierfür besonders bestimmtes Glas zertreten wird1), geschah dies in alter Zeit mit dem) Glase bzw. der Flasche, aus denen das Brautpaar nach den Birchauß nißuin, den Hochzeitsegensprüchen, gemeinsam getrunken. Der Bräutigam schüttete den Best des Weines auf die Erde und warf das Glas nach einem über der Synagogentür eingefügten Stein, auf dem abgekürzt die Worte aus Jeremia 33, 11, standen: „Stimmen des Jubels und Stimmen der Freude, Stimmen des Bräutigams und der Braut!" Welch frohe Vorbedeutung, wenn der junge Gatte gut das Ziel traf; welche Bestürzung, wenn der Wurf nicht gelang, denn mit dem im Sinnbild des Glücks, dem Stern, zerschellten Glase war alles etwa sonst bevorstehende Unheil von dem jungen Paare abgewandt! — War die Braut eine Witwe, so wurde, wie es heute immer geschieht, das Glas auf der Erde zertreten. Nach der Trauung zog das junge Ehepaar unter Musikbegleitung heim, und erst gegen Abend — wie heute noch in Frankfurt üblich — fand das Hochzeitsmahl statt. Dabei soll es am Tische der Frauen ziemlich' laut, an dem der Männer gesitteter zugegangen sein, wurden doch in diesem Kreise in der Hegel gelehrte Tischgespräche geführt und geistvolle Tisch'-/ reden gehalten; ja, sogar der Bräutigam hielt,, um seine Thoragelehrsamkeit zu zeigen und zu beweisen, daß er würdig sei, in den Kreis der frommen Gemeinde aufgenommen zu werden, oft eine lange Droschoh' — Rede —, wofür er von den Zuhörern reich1 beschenkt wurde. — Der gewissenhafte Berichterstatter läßt uns auch im Geiste an der prunkhaft geschmückten und reich beschickten Tafel teilnehmen, bei der „welsche Hühner", Pasteten „in der Deck", Schüsseln £>asteten, „geraspelt' Brot", Mandel- und andere Torten, „Pyramiden", Konfekt, Obst und ähn-j liehe Leckerbissen nicht fehlten. Dem' Rabbiner, Freunden und Verwandten, die irgendwie ver-. hindert waren, am Hodirzeitsmahle teilzunehmen, wurden in liebevoller Weise gar ganze Schüsseln mit wohlschmeckenden Speisen ins Haus gesandt. — Nach der Tafel2) begann der Tanz. Das junge Volk zog hüpfend und springend, jubelnd und lärmend, an der Spitze die Leizim1, durch die Gassen nach dem „Tantzhaus", und hier wurde ausgiebig von dem Rechte Gebrauch gemacht, das, in der sonstigen Not und Be-J drängnis, selbst der Jugend so selten eingeräumt ward. Ja, die Gelegenheit, J'mei misch teh w'ßimchoh, „frohe Feste" zu feiern, bot sich' 6) Den Grund für diese Sitte finden wir im Talmud, Traktat Berochauß Seite 31, erwähnt. Dort wird erzählt, daß ein Gelehrter, dem nach seiner Ansicht bei einer Hochzeit zu weit getriebenen Uebermut dadurch ein plötzliches Ziel setzte, daß er ein wertvolles Gefäß zerschmetterte. 7) Uebrigens findet die ganze Woche nach der Hochzeit täglich im Hause der Neuvermählten eine Tafel statt, ganz wie in biblischer Zeit. Beim Tischgebet werden die „sieben Segenssprüche'' lezitiert.

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