Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Article
- Jüdische Hochzeitsgebräuche im alten Frankfurt
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 433 - 434 (sequence 4)
- Language
- German
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433 Theodor Reik: Der Schöpfer der neuen Seelenkunde. (Prof. Sigmund Freud.) 434 in jenen ewig „sauren Wochen" nicht gar zu häufig; so faßte man sie beim Schöpfe und ließ sie so s'chnell nicht fahren: am Sabbat nach der Hochzeit, da der Ehegemahl, zum ersten Male — und von nun an bei jedem Gottesdienste — zum Zeichen seiner neuen Würde mit dem Talis (Gebetmantel) geschmückt, zur Thora „aufgerufen" wurde, führten befreundete Trauen die junge Frau ,,in die Schul", und während der Thoravorlesung, der wohl das weibliche Geschlecht schon damals nicht sehr viel Aufmerksamkeit schenkte, wurde die Gefeierte wieder ins eigene neue Heim geleitet. Dann kamen die Hochzeitsgäste noch' einmal alle zusammen. Jeder trug zu den Kosten der Bewirtung bei, indem er einen Krug Wein, den „Schenkwein", mitbrachte. Kuchen und Leckereien wurden verteilt; aber der „Schenkwein4' wurde erst nach Ausgang des Sabbats gemeinsam in heiterster Stimmung bis auf den letzten Tropfen ausgetrunken. — So fand die froh begonnene Feier ein feuchtfröhliches Ende. DER SCHÖPFER DER NEUEN SEELENKUNDE. (PROFESSOR SIGMUND FREUD.) Von Dr. Theodor Reik. Der künftige Kulturhistoriker wird unter den wenigen ganz großen Namen, welche er als repräsentativ für den Fortschritt der Wissenschaften in unserer Zeit einzuzeichnen hat, den des Wiener Psychologen Sigmund Freud in die erste Reihe setzen. Erst eine kommende Zeit wird ganz würdigen lernen, was Professor Freud nicht bloß für seine Spezialwissenschaft, die Neurologie und Psychiatrie, sondern für einen großen Teil aller Wissenschaften geleistet hat. Man hat ihn den „Darwin der Seelenkunde" genannt. In der Tat hat er uns das tiefste Wissen von den seelischen Vorgängen vermittelt. Es kommt selten vor, daß eine Spezialwissenschaft mit ihrer eigenen Methode von einem Einzelnen in so genialer Weise geschaffen wurde. Doch nicht der Siegeslauf dieser Wissenschaft soll hier beschrieben, es soll nur angedeutet werden, in welcher Art sie ihre weltumspannende Bedeutung fordern darf. Die neue Wissenschaft ging von der Erforschung und Heilung jener rätselhaften Krankheitaus, die wir Hysterie nennen, und setzte ihre Forschungen bald auf dem Gebiete aller nervösen Störungen fort. Sie konnte diesen Krankheiten ihr Geheimnis entreißen, indem sie den entscheidenden Anteil infantiler und sexueller Vorgänge an ihnen feststellte. Sie war es auch, welche zuerst dem Begriff des „Unbewußten" eine dynamische Bedeutung gab und die psychischen Mechanismen feststellte, in welchen sich das seelische Kräftespiel vollzieht. Der unmittelbarste Nutzen der Anwendung der neuen Methode war die Heilung jener nervösen Krankheiten, um die sich jahrhundertelang die Aerzte bemüht haben. Doch damit ist ihre Bedeutung nicht erschöpft. Denn was bei den Psychoneurotikern in entstellter Form störend und hemmend zutage trat, hat die Psychoanalyse in der Zergliederung seelischer Vorgänge der Normalen als unbewußt wirksam gezeigt und erkennen lassen, wie diese verborgenen Kräfte unser Denken und Handeln formen helfen. Die neue Forschung hat bewiesen, daß der Traum ein vollwertiges seelisches Phänomen ist, in welchem „verdrängte" Wünsche einen entstellten Ausdruck finden. Sie hat dieselben Regungen auch in der Entstehung der kleinen Störungen des Alltagslebens, wie Vergessen, Versprechen usw., und im Witz als Motive ans Licht des Bewußtseins gehoben. Doch sie hat uns auch gezeigt, auf welchen Wegen die unbewußten Kräfte unseres Innern schöpferisch werden in den Leistungen, welche der Menschengeist als seine höchsten anerkennt; in der Kunst, Phot. Max Halberstadt, Hamburg Prof. Sigmund Freud