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Ost und West · 1914-06-01 · Heft 6 (Juni 1914) · p. Seite 425 - 426

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 6 (Juni 1914)
Article
Zwei jüdische Generationen
Date
1914-06-01
Page
Seite 425 - 426 (sequence 2)
Language
German
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425 Dr. Goldschmidt: Zwei jüdische Generationen. 426 cirolligerweise nicht nur Vor den Andersgläubigen, nein auch vor Seinesgleichen. Nur nicht irgendwie durch irgendwelche Besonderheit auffallen! Der politische Liberalismus tat das Seinige dazu: alle äußeren Schranken zwischen Mitbürgern sollten fallen! Was blieb dieser Generation demnach vom Judentum übrig? Ein Ingrediens, ein wichtiger Bestandteil, aber keineswegs die Hauptsache: die Pietät. Man ehrte im Judentiime den Glauben seiner Eltern und blieb ihm äußerlich treu, weil sie ihm angehangen hatten. Nun ist diese aus dem intensiven jüdischen Familienleben entstandene Pietät zwar etwas an sich Wunderschönes, dem Juden turne vor allen Bekenntnissen im höchsten Grade Eigenes, und soll bei Gott nicht unterschätzt werden. Aber diese Pietät genügte sich darin, die wichtigsten Feiertage allenfalls zu halten — wie, ist auch noch' eine Frage für sich — und die Toten zu ehren. Besonders letzteres. Das ganze Judentum schien ein Totenkultus werden zu wollen. In diesem Sinne wurde denn auch die Erziehung der Erbgeneration gehändhäbt. Vor allem wurde den jungen Leuten das Vergessen beigebracht. Sie durften nicht zurückschauen. Von den Fünfundzwanzig]ährigen in „Berlin W'k wreiß von zehn kaum einer, wo sein Großvater geboren ist. Die neue Generation sollte sich frei fühlen von allem Hergebrachten, sollte sich also quasi als vom Monde gefallen betrachten. Schamvoll verborgen wurde ihr die intimere Vergangenheit der vorigen Generation — wozu allerdings nicht immer nur die angeführten Gründe rieten — und vor allem kam es der Erwerbsgeneration darauf an, die Stellung der Erbgeneration zum Judentum so indifferent wie möglich zu gestalten. Ein h'öch'st oberflächlicher Religionsunterricht wurde gerade soweit zugelassen, als ihn der Staat forderte; im übrigen sollten die Kinder ,,nicht mit Vorurteilen behelligt werden", ,,sich! ihren Glauben frei wählen dürfen" und wie die schönen Ausreden aller derer hießen, die vor sich' selbst nicht den Mut hatten, offen abzufallen, für ihre Kinder aber jede Abwendung vom Alten mit Freuden begrüßten. Die in diesen jugendlichen Kreisen herrschende Unwissenheit in jüdischen Dingen übersteigt jede Vermutung und ist etwa damit zu vergleichen, daß ein 1900 nach' Anaerika Ausgewanderter 1915 nicht mehr weiß, wie die Hauptstadt von Bayern heißt.

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