Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Article
- Zwei jüdische Generationen
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 423 - 424 (sequence 1)
- Language
- German
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423 Dr. Goldschmidt: Zwei jüdische Generationen 424 ZWEI JUDISCHE GENERATIONEN.*) Von Dr. Victor Goldschmidt. Das an sicli uralte, weil letzten Grundes psychologische Problem des Gegensatzes zwischen zwei Generationen hat sich kaum je so stark in den Vordergrund geschoben wie im 19. Jahrhundert, und Turgenjeffs berühmtes Werk dürf te es wohl zum ersten Male in prägnanter und zugleich innerlichst künstlerischer Form gestaltet haben. Nirgendwo aber ist es mit solcher Intensität aufgetreten, nirgendwo so schmerzlich durchlebt worden, wie bei den deutschen Juden nach 1870. Spricht man von jüdischer Entwicklung in den letzten sechzig Jahren in irgendwelchem: Sinne, so vergesse man niemals ein Bild: das von der lange niedergehaltenen, plötzlich bindungslos aufspringenden Spiralfeder. Das wird manches erklären helfen, was uns sonst unverständlich und unerhört schiene. Ich will hier eine kurze Skizze der beiden so grundverschiedenen jüdischen Generationen geben, deren Vertreter heute leben: der -älteren, die sich aus kleinen Verhältnissen in gute, ja oft reiche Lebenslagen arbeitete, und der jüngeren, die quasi im Purpur geboren wurde — eine Erscheinung, die fast als normal bezeichnet werden kann. Die eine möchte ich die Erwerbsgeneration, die andere die Erbgeneration nennen. Daß ich dabei in erster Linie von Berlin spreche, liegt in der Natur der Sache, jedoch wird meine Darstellung in den meisten Fällen auch auf die anderen Großstädte passen. Ueberflüssig zu Adam Herschaft Berlin Berlin: An der Spree (nach einer Radierung) bemerken, daß es Ausnahmen gibt, daß manche sich innerlich von den veränderten Lebensumständen einfach nicht berühren ließen und blieben wie sie waren. Leider sind diese Fälle aber recht selten. Die Erwerbsgeneration hatte den gefährlichen Sprung aus dem engen Judentum der Kleinstadt hinaus zu wagen, und nicht wenige brachen den Hals dabei. Jahrtausende zurückgehaltener Kraft ließ man plötzlich' freie Bahn. Die jungen Leute kamen in die große Stadt und verloren, überwältigt von dem ganz anderen Lebenszug, allmählich oder schnell den inneren, moralisch so festigenden Zusammenhang mit der Tradition. Man kann nun beinahe die recht böse Formel aufstellen: je größer der äußere Erfolg, desto stärker die innere Abkehr. Auch' wurde eine Leidenschaft wach unter diesen Juden, die man früher gar nicht gekannt hatte: äußerlicher Ehrgeiz. Die Juden alten Stiles wareif stolz auf ihren nach irgendeiner Richtung bedeutenden Namen unter ihren Glaubensgenossen, und es kam ihnen gar nicht in den Sinn, äußere Anerkennung seitens der Andersgläubigen zu verlangen. Es blieb ihnen das manchmal latente, doch immer intensive Gefühl, daß ihre Leistungen zur größeren Ehre Israels geschehen seien. Dies änderte sich, man möchte sagen, mit einem Schlage. Das alte Gefühl, daß alle Juden Brüder und für einander verantwortlich seien, ging mit geradezu verblüffender Geschwindigkeit verloren. Man war Individualität geworden. Viele Hunderte fielen überhaupt ab, und man wird keinem mit der Behauptung zu nahe treten, daß es die ordinäreren, parvenühafteren Naturen waren (äußerlich mochten sie dabei oft sehr vornehm geworden sein). Die, die wenigstens äußerlich treu blieben, hätten ihr Verhältnis zum Judentume von Grund aus geändert. Es galt für die Erwerbsgeneration, vom Judentume abzustreifen, was sie als störende Aeußerlichkeit empfand. (Aeußerlichkeit! „Wir denken, Ort für Ort sind wir im Innern" werden alle die mit Goethe sagen, denen das Wesen des Judentums wahrhaft aufgegangen ist!) Es galt, ,,ein moderner Mensch" zu werden,; alles hinter sich zu lassen, was auch' nur von weitem wie veraltet hätte aussehen können. Vor allem eins schien not zu tun: sich nicht von den andern zu unterscheiden. Man bekam das Gefühl, als sei das Judentum ein Makel, den man, wenn schon nicht abtun, so doch' möglichst verbergen müsse. Man ,,genierte" sich, und zwar *) Der vorliegende Artikel behandelt ein ernstes Problem in ernster Weise. Ohne in allem mit dem Verfasser übereinzustimmen, geben wir seinen Ausführungen Raum in der Erwartung, daß sie eine Diskussion anregen werden. Die Redaktion.