Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Article
- Erwiderung des Central-Comités der Alliance auf eine Kritik des Schulwerks
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 383 - 384 (sequence 4)
- Language
- German
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3S3 Erwiderung des Central-Comites der Alliance auf eine Kritik des Schtilwerks. 3S4die Verkaufsläden leer stehen und die Banken feiern. Die wohlhabende Klasse vergrößert sich von Jahr zu Jahr um den Nachwuchs, den ihr die neuen, aus unseren Schulen hervorgegangenen Generationen liefern. Wenn wir vom Großhandel zur Beamtenklasse übergehen, so können wir auch hier die glänzenden Dienste feststellen, die unsere Schule auf wirtschaftlichem Gebiet geleistet hat. Für die Stadt Bagdad allein haben wir ein paar hundert Kommis, Buchhalter, Korrespondenten, Verkäufer usw. ausgebildet, die dank der von uns erhaltenen Kenntnisse ihr Brot verdienen. Die große Mehrheit dieser Beamten gehörte früher zur ärmeren Klasse; wir haben also ihre Stellung gehoben. Einige von ihnen haben sich beneidenswerte Stellungen erworben. Die Bagdader Juden sind sich vollständig aller Vorteile bewußt, die sie Ihnen verdanken. Als einer von ihnen, der Abgeordnete Sasson hffendi, einer der ersten Schüler unserer Schule, kürzlich zum Unterstaatssekretär im Handelsministerium ernannt wurde, haben sie alles Verdienst und alle Ehre dafür der Alliance zugeschrieben, für die sie eine tiefe Dankbarkeit empfinden. Zur Vervollständigung des Gemäldes von der wirtschaftlichen Entwicklung der Gemeinde Bagdad unter der Tätigkeit unseres Schulwerks, muß ich Ihnen noch von der bedeutenden Ausdehnung berichten, die wir unserem manuellen Lehrlingswerk gegeben haben. Der Ausdruck ^Ausdehnung" ist nicht zutreffend. Man müßte richtiger von einer Schöpfung sprechen. Bevor die Alliance nach Bagdad kam, gab es hier nur ein einziges von Juden betriebenes Handwerk, die Goldschmiedekunst, die in arabischen Landen von jeher durch unsere Glaubensgenossen ausgeübt worden ist. Durch unsere Bemühungen sind die ersten jüdischen Schneider, Schuhmacher, Tischler, Schmiede und Buchdrucker in dieser Stadt ausgebildet worden. Heute zählen diese jüdischen Handwerker hier nach Hunderten. Deswegen ist die jüdische Gemeinde von Bagdad Ihnen sehr erkenntlich für ihre materielle Hebung, die sich mit außerordentlicher Geschwindigkeit und großem Erfolg vollzogen hat. Sie ist Ihnen gleichermaßen für ihre sittliche Entwicklung dankbar, die zwar viel langsamer vorgeschritten, aber deshalb nicht weniger fühlbar ist und den schon seit langer Zeit im: Lande ansässigen Fremden angenehm auffällt. Unsere alten Schüler, deren Zahl Legion ist, sind an ihrer korrekten Haltung, ihren guten Manieren und ihrer gewählten Sprache zu erkennen. Mehrere von ihnen haben ihre Reise durch Europa gemacht und lassen dies aus ihren Lebensgewohnheiten und ihrer Denkungsart erkennen. Der Gegensatz zwischen den alten und den neuen Bagdadern ist sehr auffallend. Während der Israelit von damals demütig und dienstfertig und daran gewöhnt war, vor dem Muselmanne das Knie zu beugen, sind die heutigen jungen Leute sich ihrer Menschen- und Bürgerwürde bewußt und sind stolz darauf. Die aus unseren Schulen hervorgegangene Jugend organisiert sich selbst, um die Grundsätze des Fortschritts, der gegenseitigen Hilfsbereitschaft und der Solidarität in der großen Masse zu verbreiten. In der Schule oder in der Synagoge werden von unseren am meisten gebildeten ehemaligen Schülern Vorträge gehalten. Eine Zeitschrift ist in der Bildung begriffen, die in jüdisch-arabischer Sprache geschrieben werden und dem Zweck dienen soll, eine öffentliche Meinung zu bilden und in der Gemeinde eine den Reformen günstige Stimmung zu schaffen und zu fördern.; Immer zahlreicher werden die Anzeichen, die den Beweis erbringen, daß diese Gesamtheit von 50000 Personen in der Erneuerung begriffen ist. Die von einer Anzahl junger Leute gegründete Schule Taun (Gegenseitigkeit), das vor vier Jahren errichtete Krankenhaus „Meir Elias", der israelitische Klub und der kürzlich gebildete ,,Verband ehemaliger Schüler", der Verein zur Entwicklung des Handwerks", der in wenigen Monaten tausend Mitglieder gewonnen hat — das ist mehr als ein Beweis für das geistige und sittliche Erwachen der Gemeinde. Mehr und mehr gewinnt die Gemeinde das Bewußtsein ihrer Bedeutung und ihrer Mission, denn sie fühlt sich als Erbin einer ruhmreichen Vergangenheit. Darum bemüht sie sich auch, einen gebildeten und aufgeklärten Großrabbi an ihre Spitze zu stellen, ein geistiges Oberhaupt, das der Größe seiner Aufgabe gewachsen und würdig ist, der Hirt einer Herde von 50000 Seelen zu werden. Alle diese Wandlungen, alle diese neuen Errungenschaften sind der Initiative Ihrer ehemaligen Schüler zu danken, sie sind das Werk Ihrer Schule. Sie haben beinahe ein halbes Jahrhundert lang Ihre Mühe und Ihr Geld in der Hauptstadt des Irak ausgegeben. Ihre Vertreter haben gegen Hindernisse aller Art gekämpft, gegen die Gleichgültigkeit der Bevölkerung, den Widerstand der Rabbinen, die Hemmungen von Seiten der Behörden; gegen das feindliche Klima, die Beschwerden der Einsamkeit und der Verbannung, aber sie haben sich durch nichts entmutigen lassen; sie sind immer vorwärtsgeschritten in dem Bewußtsein, daß das von Ihnen gelegte Samenkorn eines Tages aufsprießen würde. Die Frucht ist gewachsen, die Ernte naht!" Wenn Herr Professor Philippson nur die wahren Erfolge unserer Schulen verkannt hätte, so würden wir uns dabei nicht aufhalten, denn er hat das Recht seiner eigenen Meinung; aber wir wollen nicht die Vorstellung aufkommen lassen, als wären die israelitischen Völkerschaften des Orients und Afrikas noch minderjährig und ließen sich wie eine unvernünftige Herde am Gängelband führen. Darf man mit einiger Wahrscheinlichkeit annehmen, daß zu einem Schulbudget von über zwei Millionen A4ark die Gemeinden selbst über eine Million zuschießen und sich so schwere Opfer auferlegen würden, wenn die Schule nicht ihren Interessen und ihren Bedürfnissen entspräche? In Wahrheit legen die Gemeinden sowohl wie die Eltern sich ganz genaue Rechenschaft darüber ab, was das Milieu verlangt und was es gestattet, worin eben die wirtschaftlichen Forderungen des Landes bestehen. Wenn ein Kind bemerkenswerte Anlagen bekundet oder besondere Gaben für höheres Studium besitzt, so findet es immer, selbst bei