Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Article
- Erwiderung des Central-Comités der Alliance auf eine Kritik des Schulwerks
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 381 - 382 (sequence 3)
- Language
- German
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381 Erwiderung des Central-Comites der Alliance auf eine Kritik des Schulwerks. 382 katen, Großindustrielle, Ingenieure und Finanzleute ausgebildet hätte, wäre alles ohne Zweifel aufs beste bestellt, aber die Alliance ist nicht imstande, sie auszubilden, denn sie hat ja „nur Elementarschulen, es fehlt ihr an Gymnasien, Kunst- und Gewerbeschulen, Hochschulen, polytechnischen Anstalten und Universitäten!" Herr Professor Philippson erkennt wohl an, daß nicht alle unsere Schüler „schmutzig und elend werden wie ihre Vorfahren". Er nimmt einige aus, die „voll Verachtung für die Heimat nach Europa auswandern". Wo hat Professor Philippson das gefunden? Wo hat er gesehen, daß die jungen Orientalen ihr Vaterland und das Milieu verachten, aus dem sie hervorgegangen sind? Das Gegenteil ist wahr. Der Orientale, der zur Auswanderung gezwungen war, gedenkt stets mit Rührung seines Heimatsorts, schickt aus der Fremde Unterstützungen an die Familie, die im Lande geblieben ist, kehrt fast immer in die Heimat zurück und bringt die geschäftlichen Erfahrungen, und oft auch das kleine Vermögen mit, das er anderwärts erworben hat. Die Mittel- und höheren Schulen sind nur in solchen Ländern nützlich undfruchtbringend,wodieabgehend e n Schüler leicht Verwendung für ihre Tätigkeit finden. Ist dies in der Türkei der Fall? Wenn wir den Fehler begangen hätten, Schulen dieser Art zu errichten, wären die Schüler zur Expatriierung gezwungen gewesen, um sich nützlich machen zu können. In diesem Falle hätte man uns vorwerfen dürfen, Anstalten geschaffen zu haben, die den Anforderungen des Milieus nicht angepaßt sind, ein geistiges Proletariat geschaffen zu haben, das gezwungen würde, sich nach dem Abendlande zu wenden. Unser Schulprogramm ist den sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen des Landes ganz genau angepaßt. Aber ist damit gesagt, daß die Alliance sich auf das Elementarschulprogramm beschränkt? Ist das augenblicklich in Kraft befindliche Programm noch dasselbe wie vor dreißig Jahren? In keiner Weise. Wenn die Alliance zuerst an das Notwendigste herangegangen ist und Elementarschulen errichtet hat, so hat sie doch nie versäumt, den Ereignissen Rechnung zu tragen, und ihr Programm hat sich ebenso entwickelt, wie das Land sich entwickelt hat. Wenn wir auch nicht versucht haben, durch mehr auffallende als praktische Schöpfungen die Einbildungskraft zu blenden, so haben wir dafür in der Mehrzahl unserer großen Schulen höhere Kurse eingerichtet, die die Schüler zum Besuch der hohen Schulen vorbereiten. Die türkische Regierung hat die Bedeutung dieser Kurse anerkannt und hat unsere Schulen den „Idadie"-Schulen gleichgestellt; das sind die höheren Elementarschulen des Landes. In der Mehrzahl unserer alten Schulen haben wir höhere Klassen eingeführt, in denen der Unterricht dem Programm der Realschulen gleichsteht. Um aber weder bei den Eltern noch bei den Schülern übermäßigen Ehrgeiz zu erwecken, haben wir uns mit der Sache begnügt, ohne das Wort zu weit in den Vordergrund zu stellen. Die Unterrichtszweige, die für den Handel, die Banken und die öffentlichen Verwaltungsämter besonders wertvoll sind, nehmen einen hervorragenden Platz in den oberen Klassen unserer Schulen ein. Solche Kurse bestehen in Konstantinopel, Adrianopel, Smyrna, Saloniki, Beirut, Bagdad, Tanger usw. Welches sind nun die Ergebnisse dieser Kurse? Wir können diese Frage nicht besser beantworten, als durch den Abdruck von Auszügen aus einem Bericht, den wir vor einigen Wochen erhalten haben. Er kommt von dem Direktor einer im entferntesten Teil unseres Tätigkeitsgebietes belegenen Schule, wo man lange Jahre hindurch jedem Gedanken eines Fortschritts feindlich gegenüberstand, aus Bagdad, und lautet: „Durch ihre Lage am Kreuzweg der Straßen, die nach Persien, dem persischen Golf, nach Indien, Syrien und Kleinasien führen, ist die Stadt Bagdad, auch als sie noch den Namen Babylon oder Ktesiphon trug, immer der Sammelplatz der großen Handelskarawanen gewesen. Vor dem Jahr 1869 hatte die Stadt Mossul wegen der Nachbarschaft von Aleppo einen großen Teil der Waren herangezogen, die für den Irak bestimmt gewesen waren. Der Suezkanal gab ihr den Todesstoß und machte Bagdad zum einzigen Lagerplatz der europäischen Produkte für ganz Mesopotamien und das westliche Persien. Die Begründung Ihrer ersten Schule in Bagdad trat fast mit der Durchbohrung des Isthmus von Suez zusammen. Unsere Glaubensbrüder konnten sich also rechtzeitig für die Ausnützung des glücklichen Rückschlags vorbereiten, den das Werk Ferdinands von Lesseps dieser Gegend bringen sollte. Die Bemühungen der ersten aus unseren Klassen hervorgegangenen Schüler mußten sich zuerst auf England richten. Der englische Einfluß am persischen Meerbusen und in Bagdad ist Ihnen bekannt. Deshalb hatten Sie schon sehr zeitig die Vorsorge getroffen, den allgemeinen Lehrplan für Ihre Schulen in Bagdad durch den praktischen Unterricht in der englischen Sprache zu vervollkommnen. Dank Ihrer Voraussicht wurden also unsere jungen Leute in Bagdad mit einem Bündel von Kenntnissen ausgestattet, das die ausreichenden Begriffe der englischen, französischen und arabischen Sprache enthielt, so daß sie imstande waren, sowohl mit den Nachbarländern wie mit Europa Beziehungen zu unterhalten. Mit so schönen Trümpfen in der Hand, wie Kenntnisse, Ehrlichkeit und praktischen Sinn, verbunden mit der angeborenen Sparsamkeit und ihrer Eignung für das Geschäft, haben unsere Glaubensgenossen, wie Sie wohl begreifen werden, ihre mohammedanischen und christlichen Konkurrenten weit hinter sich gelassen. Den großen Importhandel, der vorher den Schiiten gehört hatte, haben sie fast vollständig monopolisiert. Ihr Einfluß auf dem Markt ist so bedeutend, daß an den Sabbathen und den jüdischen Feiertagen