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Ost und West · 1914-05-01 · Heft 5 (Mai 1914) · p. Seite 363 - 364

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 5 (Mai 1914)
Article
Die Juden im öffentlichen Leben Italiens
Date
1914-05-01
Page
Seite 363 - 364 (sequence 3)
Language
German
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363 Prof. Dr. Ermanno Loevinson: Die Juden im öffentlichen Leben Italiens. 364 Bologna drucken läßt. — Wohltuend gegenüber dem Treiben solcher Elemente, die dem Judentum keine Ehre machen, wirkt eine Persönlichkeit wie Leone Romanin- Jacur. Ohne dem angestammten Glauben noch seiner gemäßigten politischen Gesinnung untreu zu werden, wird er seit mehr denn einem Menschenalter von seinen Wählern in die Deputiertenkammer gesandt. Sie wissen genau, was sie von diesem ausgezeichneten Wasserbauingenieur und Kenner der Flußschiffahrtsprobleme zu halten haben, der einst im Interesse des öffentlichen Wohles seine kostbare Zeit einem Unterstaatssekretariat widmete, aber in echt alttestamentarischer Bescheidenheit einen Ministersitz ablehnte. Als auch in seinem Wahlkreise ein oder der andere klerikale Heißsporn daran dachte, ihn in seiner Eigenschaft als Jude zu bekämpfen, äußerte Papst Pius X: „Das fehlte gerade noch, daß mir jemand meinen alten Freund Romanin-Jacur anrührte. Man macht ihm den Vorwurf, Jude zu sein: aber er ist ein durch und durch anständiger Mensch, so daß ich nur wünschen könnte, alle Christen wären wie dieser Jude." Mehr als einmal ist nämlich der jetzige Papst, als er noch einfacher Pfarrer in dem venetianischen Flecken Salzano war, in der nahegelegenen Villa Romanins zu Gast gewesen und hat dort nie vergeblich vorgesprochen, wenn es sich um Werke der Nächstenliebe, die ja nicht nur christlich ist, handelte. Auch diesmal ist dem ergrauten Parlamentarier sein Mandat mit erdrückender Majorität bestätigt worden. Und die Deputiertenkammer brachte ihm ihr Vertrauen sofort nach ihrem Zusammentritt noch dadurch zum Ausdruck, daß sie ihn zum Vorsitzenden der Wahl Prüfungskommission, einer der wichtigsten und delikatesten der parlamentarischen Maschinerie, ernannte. Während es sich hier um einen erprobten Parlamentarier handelte, hat auch von den Neugewählten mehr als einer seine Zugehörigkeit zum Judentum öffentlich bekannt, obwohl ihm dies den Sieg nicht gerade erleichterte. Die sympatischste Erscheinung unter diesen ist der oben genannte Marco Cassin. Er entstammt einer wegen ihrer Religiosität bekannten Familie. Verschwägert mit einer der angesehensten israelitischen Familien Italiens, der des Senators Alessandro d'Ancona, des Nestors der italienischen Literaturhistoriker, ist er, ein hochgeachteter Bankier und Industrieller, seit langem stellvertretender Bürgermeister der Stadt Cuneo in Piemont, seit 1911 Präsident der dortigen Handelskammer. Auch gehört er dem Vorstand des Ausschusses der vereinigten Handelskammern Italiens, der königlichen Kommission zur Vorbereitung der neuen Handeisverträge sowie dem Provinzialrate an. Er hat verschiedene volkswii tschaft - liche Studien veröffentlicht; und einem Vorschlage von ihm verdankt das italienische Publikum die Einführung des schnell beliebt gewordenen, weil sehr billigen, sogenannten Telegrammbriefes. Er hat ganz das Zeug dazu, eines Tages Unterstaatssekretär zu werden. In keinem anderen Wahlkreise ward der Antisemitismus derartig als Angriffswaffe verwendet wie gegen den liberalen Cassin von seinem Gegner, dem klerikalen Grafen Rovasenda. Dieser ging soweit, daß er diejenigen Wähler, welche ihm selbst aus irgendeinem Grunde ihre Stimme nicht geben wollten, öffentlich aufforderte, sie jedem andern zu geben, falls der betreffende nur Christ wäre! Bei dieser persönlichen Zuspitzung des Kampfes sah sich der israelitische Kandidat zu einer öffentlichen Verteidigung der dem jüdischen Glauben eigenen Moralgrundsätze veranlaßt. Das Resultat war sein Sieg mit mehr als 3000 Stimmen Mehrheit in einem Wahlkreis, in welchem das jüdische Element gleich Null ist. Die drei anderen israelitischen Abgeordneten, welche zum ersten Male in die Kammer gewählt wurden, gehören dem äußersten linken Flügel der Sozialisten an. Es sind die Rechtsanwälte Elia Musatti, Giuseppe Emanuele Modigliani und Cesare Sarfatti. Letzterer legte aber sofort nach der Wahl aus Parteidisziplin sein Mandat nieder. Ersterer ist bekannt als Organisator eines Generalstreiks und Gegner der Art und Weise, wie der Friedensvertrag von Lausanne mit der Türkei geschlossen wurde. Alles in allem ist die Anzahl der Israeliten im Verhältnis zu der der vergangenen Legislaturperiode etwa die gleiche geblieben. Damals zählte die Kammer deren elf, jetzt zwölf. Hierbei ist Sarfatti nicht mitgerechnet, und Treves, der in zwei Wahlkreisen als Sieger hervorging, nur einmal gezählt. Nach ihrer Parteistellung lassen sie sich folgendermaßen einteilen: Claudio Treves, w^ohl der populärste aller Sozialisten Italiens und einer ihrer anerkannten Führer, gehört ebenso wie die drei obengenannten zu den vorgeschrittenen Sozialisten. Modigliani dürfte sich, nach seinen bisherigen Erfolgen im Parlament zu urteilen, wohl bald ebenfalls zum Parteihaupt emporarbeiten. Was die republikanische Partei anbetrifft, so wird, trotzdem sie mehr und mehr zusammengeschrumpft, ihrem Führer, Salvatore Barzilai, kein ernstlicher Kandidat mehr gegenübergestellt, was um so bemerkenswerter ist, als sich im Wahlkreise dieses Sohnes eines jüdischen Schriftgelehrten die päpstlichen Paläste und die Peterskirchebefinden; gewiß ein seltsames Spiel der Politik! Der radikalen Partei, obgleich sehr zahlreich aus den letzten Wahlen hervorgegangen, gehört nur ein Israelit an, Angelo Pavia. Er hat sich als Journalist einen Namen gemacht und bekleidete, solange Giolitti Ministerpräsident war, das Amt eines Unterstaatssekretärs im Schatzministeiium; dieses erfordert bei den vielen Interpellationen während der Parlamentsdebatten nicht geringe Geistesgegenwart und Redegewandtheit. Zur großen liberalen, der eigentlich herrschenden Partei zählt außer den schon erwähnten Romanin-Jacur und Cassin einer der bekanntesten praktischen Juristen Kaliens, der Rechtsanwalt Dario Cassuto aus Livorno. — Ebensoviel Israeliten wie auf dem äussersten linken finden wir auch auf dem rechten Flügel der Deputiertenkammer, darunter vor allem den Professor der Nationalökonomie Luigi Luzzatti, einen Gelehrten und Praktiker von Weltruf. Schon öfters ist sein Gutachten und sein Rat von auswärligen Regierungen zur Lösung schwieriger wirtschaftlicher Probleme eingeholt worden; groß ist die Anzahl sozialer Gesetze, welche seiner Feder entstammen. Unendlich viel hat er für Schaffung billiger Arbeiterwohnungen und für Gründung von Volksbanken getan, um den kleinen Mann, vor Wucher zu schützen. Einen der Glanzpunkte seiner Tätigkeit zum Wohle der Menschheit bildet das mannhafte Eintreten von ihm, dem ehemaligen Ministerpräsideriten einer europäischen Großmacht, für die Rechte der rumänischen Juden. Eine große Zukunft im öffentlichen Leben hat ferner ein anderes Mitglied derselben Gruppe, der Professor der Ingenieurwissenschaften Ugo Ancona. Seine Reden über Finanz- und Verkehrswesen' werden mit gespanntester Aufmerksamkeit angehört. Deshalb hat man es wohl als einen taktischen Fehler der klerialen Partei zu betrachten, daß sie ihm, dem Gemäßigten, bei den letzten Wahlen ehre.n i eigenen Kandidaten gegenüberstellte,' der ihn nicht anders zu bekämpfen wußte, als daß er ihm seinen jüdischen Ursprung vor-

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