Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Article
- Die Juden im öffentlichen Leben Italiens
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 361 - 362 (sequence 2)
- Language
- German
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361 Prof. Dr. Ermanno Loevinson: Die Juden im öffentlichen Leben Italiens. 362 Rechtsanwalt Marco Cassin. (Liberal) kammer vor der Tür standen, außer den meisten der elf Israeliten, welche die vergangene Legislaturperiode an ihrem Schlüsse gezählt, noch zehn andere als Kandidaten aufstellen ließen. Wie stets in Italien, nahm der Wahlkampf auch diesmal eine heftige und persönliche Form an. Wenn also von fast allen Gegnern der etwa zwanzig Kandidaten neben anderen angreifbaren Schwächen auch auf ihren jüdischen Ursprung hingewiesen wurde, so kann das der unabhängig dreinschauende Beobachter kaum als Antisemitismus auffassen. Als solchen empfanden es jedoch die Israeliten Italiens, besonders in den beiden Wahlkreisen, wo Leone Wollemborg und Marco Cassin aufgestellt waren. Ersterer, hervorragend als Wirtschaftspolitiken Begründer von Darlehnskassen für die ackerbautreibende 13evölkerung, und als ehemaliger Finanzminister verdient um die ökonomische Gesundung Italiens, wurde nicht nur von den Klerikalen, sondern auch von allen Regierungsorganen aufs heftigste bekämpft und vermochte kein Mandat zu erringen; letzterer hingegen, der als persönlicher und politischer Freund des damalige! Ministerpräsidenten Giolitti nur die Klerikalen gegen sich hatte, trat zum ersten Male in die Kammer ein. In den beiden römischen Wahlkreisen, in weichen von der neu aufstrebenden nationalistischen Partei Kandidaten aufgestellt wa* ren, suchten sich diese in ihren Wahlaufrufen von dem Vorwurf des Antisemitismus reinzuwaschen, um nicht auf die Stimmen der jüdischen Wähler verzichten zu müssen. Doch Rechtsanwalt Giuseppe Emanuele Modigliani. (Sozialist ) Rechtsanwalt Cesare Sarfatti (Sozialist.) birgt jene Partei nach ihrem französischen Vorbild tatsächlich antisemitische Elemente in sich. Damit die Komik im Wahlkonzert nicht fehle,, ging ein Jude, Gino Ravä, dem es freilich nicht an Mitteln, aber am katholischen Glauben fehlte, kurz vor den Wahlen in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche über und ließ sich dann in einem venetianischen Wahlkreis als klerikaler Kandidat aufstellen. Es gelang ihm auch, dank seines von den Vätern ererbten Geldbeutels und der Mitarbeiterschaft sämtlicher Pfarrer des Wahlkreises, in die Stichwahl zu kommen, und dies mit großer Aussicht auf den endgültigen Sieg. Damit aber hatte der Scherz lür alle anständigen Elemente sein Ende erreicht: Es bemächtigte sich ihrer eine Empörung gegen den Abtrünnigen! Alle taten sie sich zusammen und bereiteten ihm eine ebensounerwartete wie schmähliche Niederlage. Man kann es den Israeliten, darunter einem Rabbiner, nicht verdenken, wenn sie ihrer Genugtuung darüber Ausdruck gaben und dem Sieger, einem liberalen Katholiken, Glückwunschtelegramme sandten. Gino Ravä hatte nun für den Spott nicht aufzukommen: Die Taufe hatte die erhoffte Wunderwirkung nicht vollbracht. Uebrigens tat sich in der Zeit der Wahlkämpfe, welche mit dem Prozesse Beilis zusammenfielen, ein anderer Neophyt durch die antisemitischen Pamphlete seiner Eeder hervor: Cesare Algranati, welcher unter dem Pseudonym Rocca d'Adria das klerikale Witzblättchen „II Mulo" (Das Maultier) in