Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1914-05-01 · Heft 5 (Mai 1914) · p. Seite 365 - 366

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 5 (Mai 1914)
Article
Die Juden im öffentlichen Leben Italiens
Date
1914-05-01
Page
Seite 365 - 366 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2584047-2584052-2596611--15574-2596665
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

365 Dr. Leopold Hirschberg: Zwei alttestamentliche Tondichtungen von Giacomo Meyerbeer. 366 warf — allerdings ohne Erfolg. Zu denjenigen Israeliten, welche das Anrecht auf das von ihren Vätern erworbene Gut noch einmal geistig durch ihre Tätigkeit im Interesse der öffentlichen Wohlfahrt zu erwerben suchen, gehören Ernesto Artom und der Baron Elio Morpurgo. Letzterer war zweimal unter den gemäßigten Ministerien Sonnino Unterstaatssekretär. Bei dieser Verschiedenheit der Parteistellung der Israeliten braucht kaum darauf hingewiesen zu werden, daß ihre Ansichten in den wichtigsten politischen Fragen häufig auseinandergehen. So traf es sich zufällig im vergangenen Februar, daß bei der Debatte über die Ausgaben für den lybischen Krieg hintereinander Ancona und Modigliani zu Wort kamen, ersterer für, letzterer gegen den RegierungsVorschlag. Was die Haltung der Regierung während des letzten Wahlkampfes den jüdischen Kandidaturen gegenüber betrifft, so wurden sie als solche nirgends von derselben bekämpft, sondern je nach ihrer Parteistellung hatten sie auf Unterstützung oder Gegnerschaft zu rechnen. Beispielsweise mußte in der Umgegend von Parma ein jüdischer Kandidat schwere Angriffe sei ens der gemäßigten Partei aushalten, die immer wieder in der Presse auf seine Abstammung hinwies, jedenfalls hat der ehemalige Ministerpräsident Giolitti, "dem auch der ehemalige Bürgermeister Roms, Ernesto Xathan, seine Ernennung zum Generalkommissar des Königreichs Italien bei der Weltausstellung in San Francisco verdankt, für einen Philosemiten zu uel en. Denn ni ht nur wurde die Wahl des obengenannten Marco Cassin, seines persönlichen Freundes, auf alle Weise von ihm gefördert: er ließ auch zum Sekretär des Provinzialrats von Cuneo, dessen Vorsitzender Giolitti selbst ist, einen Israeliten ernennen. Ausserdem wurden auf seinen Vorschlag iui vergangenen Herbst vom König vier Israeliten in den Senat beulten, eine Ehre, welche der Berufung auf Lebenszeit in das preussische Herrenhaus gleichkommt. Hierdurch ist die Zahl der Israeliten, von denen auch die früher in den Senat berufenen zum großen Teil Giolitti ihre Ernennung verdanken, auf sechzehn gestit gen. — Von den vier neuen Senatoren ist derjenige, dessen Ernennung am meisten Aufsehen erregte, Luigi Deila Torre in Mailand, weil er als Bankier der sozialistischen Paitei zu betrachten ist und vor ihm noch keinem anderen seiner Parteigenossen die Senatorenwürde zuteil wurde. Die oben erwähnte Societä Umanitaria, seit Jahren in den Händen der Socialisten, wird von ihm geleitet; von ihm wurde das erste Kreditinstitut für die Genossenschaftsbanken der Arbeiter Italiens ins Leben gerufen; lange Zeit war er in seiner Eigenschaft als Mitinhaber des Bankhauses Pisa im Vorstand der Mailänder Börse; groß war sein Einfluß auf die Konverlierung der italienischen Rente und den Abschluß der Konventionen zwischen der Regierung und den Dampfschiffahrtsgesellschaften. Die anderen israelitischen Senatoren sind der Präsident des Provinzialrats von Venedig, Adriano Diena hervorragend als Jurist und Redner; der ebenfalls einer venetianischen, um die italienische Unabhängigkeitsbewegung hochverdienten Familie entstammende Abteilung^ vorstand am Staatsrat (Oberverwaltungsgericht), Gabriele Pincherle, ein scharfer juristischer Kopf, wie sie in jüdischen Familien dank dem seit Generationen betriebenen Talmudstudium nicht allzu selten vorkommen; endlich der Turiner Arzt Bellom Pescarolo, gleich ausgezeichnet als Spezialist für Nervenkrankheiten wie durch seine praktische Wohltätigkeit. Bei dieser völligen Gleichstellung der Juden im öffentlichen Leben Italiens — es gibt wohl kein anderes Land der Welt, in dessen erster Kammer sich so viele Israeliten befinden, — mutet es wie ein Märchen aus uralter Zeit an, wenn ma 1 liest, daß noch im Jahre 1861 der Präfekt von Pisa verbieten mußte, die Juden von der Benutzung des gemeinsamen Badebassins auszuschließen, was auf Grund veralteter Bestimmungen versucht wurde! ZWEI ALTTESTAMENTLICHE TONDICHTUNGEN VON GIACOMO MEYERBEER Ein Qedenkblatt zu seinem 50. Todestage (2. Mai 1914). Von Dr. Leopold Hirschberg. ,,Yon der Parteien Gunst und Haß verwirrt, Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte." Kein Musiker ist mehr vergöttert, keiner aber auch mehr angefeindet und verleumdet worden als Giacomo Meyerbeer. Wenn Hektor Berlioz, gewiß ein großes, schöpferisches Genie, die Hugenotten eine musikalische Enzyklopädie nennt, die zwanzig Opern mit vollkommener Lebenskraft erfüllen könne, so bezeichnet Robert Schumann dasselbe Werk als den Gipfel der Gemeinheit, Unnatur und Unsittlichkeit. Wenn Heinricjh Heine, der später über den Propheten in einem giftigen Pamphlet spottet, erklärt, daß Meyerbeer von Frankreich seine Grazie und Klarheit, den Sinn für harmonische Anordnung, von Deutschland seinen überzeugungsvollen Ernst, den Sinn für das Unendliche habe, worauf dann über alle diese Gaben die Sonne Italiens ihre melodischen Fluten gieße, sagt Richard Wagner, daß Robert der Teufel und die Hugenotten ein ungeheuer buntscheckiges, historisch-romantisches, teuflisch-religiöses^ bigott-wollüstiges, frivol-heiliges, geheimnisvoll-freches, sentimental-gaunerisches dramatisches Allerlei wären. Wie dem auch sei und was gegen seine Kunstrichtung gesagt werden kann — die Anerkennung seiner glänzenden Siege und der durch sie errungenen Macht darf ihm ebensowenig vorenthalten werden, wie es zu leugnen ist, daß er auf dem von ihm gewählten und eroberten Gebiete der Hervorragendste, ja der einzig Geltende und Herrschende geblieben ist. Seine Einwirkung auf das Kunstleben, man möge sie für nachteilig oder fördernd halten — ich glaube, daß er nach beiden Richtungen hin gewirkt hat —, ist eine weit, weit ausgedehnte. Sie ist es noch heute. Meyerbeer errang seine Herrschaft durch ein einziges Werk (Robert der Teufel), steigerte sie durch" ein zweites (Die Hugenotten) und behauptete sie durch zwei nachfolgende (Der Prophet und Die Afrikanerin).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.