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Ost und West · 1914-05-01 · Heft 5 (Mai 1914) · p. Seite 355 - 356

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 5 (Mai 1914)
Article
Tancreds Pilgerfahrt
Date
1914-05-01
Page
Seite 355 - 356 (sequence 6)
Language
German
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355 Benjamin Disraeli: Tancrcds Pilgerfahrt. 356 „Das Schicksal der zehn Stämme ist eine höchst interessante Frage," sagte Tancred, „aber ihre Lösung scheint außerhalb des Bereichs der Möglichkeit zu liegen. In England glauben manche Leute, daß die verlorenen zehn Stämme die Afghanen sind, die oft versichert haben, daß ihre Vorfahren den Gesetzen M'osis gehorchten. Aber vielleicht existieren sie überhaupt nicht mehr und sind mit ihren Eroberern verschmolzen." „Die luden haben sich niemals mit ihren Eroberern vermischt," sagte das Mädchen stolz. „Sie sind zwar häufig unterworfen worden, und ihr Staat teilte darin nur das Schicksal aller jener Staaten, die zwischen größeren, feindlichen Reichen gelegen waren. 'Syrien war das Schlachtfeld der großen Monaichien. Jerusalem ist keineswegs öfter wie Athen erobert worden, und das Schicksal der Heiligen Stadt war dann niemals schlimmer als das der griechischen; aber die Juden fochten leider mit solcher Tapferkeit und machten gegen die Sieger so viele Aufstände, daß sie schließlich aus ihrem Vaterlande verpflanzt werden mußten. Ich bin der Meinung, daß die jüdischen Gemeinden von heute 'meist von den zehn Stämmen abstammen oder Nachkömmlinge jener Gefangenen sind, die schon vor Christi Geburt aus Palästina hinweggeführt wurden, denn diese Auffassung scheint allein gewisse Dinge zu erklären, die sonst ganz rätselhaft bleiben würden. Aber das nebenbei. Wir wollen ruhig annehmen, daß alle Juden in allen Städten der Welt Abkömmlinge jenes Mobs seien, der einst um das Kreuz herum stand und seine Frechheiten in die Luft heulte. Aber jetzt; eine andere Frage. Mein Großvater ist ein Beduinenscheik, das Haupt eines der mächtigsten Stämme der Wüste. Meine Mutter war seine Tochter. Er ist ein Jude, sein ganzer Stamm besteht aus Juden, sie lesen die fünf Bücher Miosis, gehorchen deren Gesetzen, leben in Zelten und machen sich aus nichts etwas als aus Jehova, Moses und ihren Pferden. Waren die auch bei der Kreuzigung in Jerusalem und haben die auch etwas mit dem Pöbelgeschrei von damals zu tun gehabt? Meine Mutter heiratete einen Juden aus der Stadt, und einen, der wert war, auf dem Throne Salomonis zu sitzen, und vor dieser Frau läuft ein kleiner christlicher Halunke mit einem runden Filzhut auf dem Kopfe, der in Smyrna mit Feigen schachert, weg auf die andere Seite der Straße, weil er nicht mit jemand aus einem Volke in Berührung kommen will, das einst seinen Heiland gekreuzigt hat; jenen Heiland, der, wie er selber zugibt, ein Prinz unseres königlichen Hauses ist! Nein, niemals werde ich eine Christin werden, ich könnte den Unsinn nicht hinunterschlucken! Uebrigens steht es auch nicht in euren Büchern. Diese wurden von Juden verfaßt, die ihre Geschichte zu genau kannten, um den Leuten solche Fabeln aufzutischen!" Ihr Auge blitzte, ihre wunderschöne Wange bedeckte sich einen Augenblick mit einer rötlichen Wolke des Unmuts. Tancred sah ihr erstaunten Blickes und aufs höchste gespannt in das stolze Gesicht und sagte dann: „Sie sprechen von Dingen, die mich aufs höchste interessieren und um deretwegen ich hierher gekommen bin. Aber sagen Sie mir, Sie können doch nicht leugnen, daß, was auch immer die L'rsache sei, das Wunder unzweifelhaft vorhanden ist. daß die Juden ganz allein von den alten Rassen übriggeblieben und in alle Länder zerstreut sind, und dies gleichsam wie zum Andenken an ihre dunkle und mächtige Vergangenheit." „Ihr heutiger Zustand mag wunderbar, aber er braucht darum, noch keine Strafe zu sein. Aber warum wunderbar? Ist es wunderbar, daß Jehova über seinem Volke gewacht hat? Und konnte er es besser beschützen als durch die Verleihung von Fähigkeiten, die höherer Art sind als die, deren sich unsere Wirtsvölker erfreuen?" „Ich kann nicht glauben, daß allein menschliche Kraft die Juden in ihrem Leben voller Kümmernisse und Verfolgungen aufrechterhalten hat." „Was die menschliche Kraft anbetrifft, so haben wir ein jüdisches Sprichwort: „Der Wellie des Menschen ist der Diener Gottes." Aber wenn man einer Rasse Dauer verleihen will, so braucht man sie nur ins Exil zu schicken. Eroberung bewirkt nur, daß sie sich mit den Eroberern vermischen, aber schickt sie in die Verbannung, und sie werden für immer allein und für sich bleiben. Ins Exil schicken ist ein orientalisches Machtmittel, das der modernen Welt ganz unbekannt geblieben ist. Wir sprachen von den Armeniern: sie sind Christen und gute Christen, wie ich höre." „Sogar sehr orthodoxe, sagt man." Gehen Sie nach Armenien und suchen Sie dort nach einem Armenier: Sie werden keinen finden. xA.uch die Armenier sind, wie die Hebräer, einst in das Exil geschickt worden. Die Perser eroberten ihr Land und vertrieben das Volk. Die Armenier haben ein Sprichwort: „In jeder Stadt des Ostens finde ich mein Heim." Sie sind überall, sie sind die Rivalen meines Volkes, denn sie sind eine der großen Rassen und nur wenig degeneriert; sie haben unseren Fleiß und ebenfalls einen großen Teil unserer Energie; sie besitzen beinahe alle unsere Tugenden, obwohl man natürlich nicht von ihnen erwarten kann, daß sie auch unsere göttlichen Eigenschaften besitzen; sie haben keine Götter und keine Propheten hervorgebracht und sind sogar noch stolz darauf, daß sie ihren Glauben auf einen der unbedeutendsten jüdischen Apostel zurückführen können, der seinen Heiland noch dazu nie mit Augen gesehen hatte." „Aber die Armenier sind doch nur über den Osten zerstreut," sagte Tancred. „Ah," erwiderte die Dame mit sarkastischem Lächeln, „es ist also erst die Verbannung nach Europa, die der wahre Fluch ist — da können Sie wohl recht haben. Ich kenne euren Erdteil nicht zu genau: Europa verhält sich zru Asien wie Amerika zu Europa. Aber ich habe die Winde des Euxinus über den Bosporus streichen gehört, und als der Sultan einmal für die Hilfe, die wir den Aegypten! zuteil werden ließen, uns unsere Köpfe abschneiden wollte, bin ich auf einige Monate nach WTen gegangen. Oh! Wie ich mich dort nach meinem wundervollen Damaskus gesehnt habe!" „Und auch nach Ihrem Garten in Bethanien?" fragte Tancred. „Den gab es damals noch nicht, er ist erst später geschaffen worden," sagte das Mädchen. „Ich habe ihn mir in diesen Hügeln angelegt, damit ich mit den Augen wenigstens Arabien immer sehen kann, und der Palmenbaum, der mir die Ehre Ihres Besuches verschaffte, war das Geschenk

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