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Ost und West · 1914-05-01 · Heft 5 (Mai 1914) · p. Seite 353 - 354

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 5 (Mai 1914)
Article
Tancreds Pilgerfahrt
Date
1914-05-01
Page
Seite 353 - 354 (sequence 5)
Language
German
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353 Benjamin Disraeli: Tancreds Pilgerfahrt. 354 „Ich habe sie gelesen. Der englische Bischof hat mir das Buch gegeben. Es ist ein gutes Buch, das, wie ich zu meinem Erstaunen bemerkte, ganz von Juden geschrieben ist. Ich fand darin manches, das mir zusagte; und auch manches, was mir nicht paßte, aber es mag sein, daß ich es nicht verstand/4 „Dann sind Sie ja schon halbe Christin," sagte Tancred lebhaft. „Aber das Christentum, von dem ich in Ihrem Buche las, ist nicht dasselbe, das ich in der Welt herrschen sehe,<k sagte die Dame, „und mir ist darum bange, daß ich eine Ketzerin sein könnte." „Die christliche Kirche könnte Ihre Führerin sein/' „Welche christliche Kirche?" fragte die Dame. „Es gibt deren so viele in Jerusalem. Da ist zunächst der gute Bischof, der mir dieses Buch gab, und der selber ein Jude ist: das ist eine Kirche; dann kommt die lateinische, die von einem Juden gegründet wurde; dann die armenische, die einem orientalischen Volke angehört, das wie die Juden sein Land verloren hat und über die ganze Erde verstreut ist; dann haben wir die abessinische Kirche, die uns sehr hoch schätzt und viele unserer Riten und Zeremonien übernommen hat, und dann kommen noch die griechische, die maronische und die koptische Kirche, die uns nicht gut gesinnt sind, aber die uns lange nicht so feindlich gegenüberstehen wie sich untereinander. Bei all diesem Wirrwarr mag es doch das beste sein, innerhalb jener Gemeinde zu bleiben, die die älteste von allen ist, innerhalb jener, in der Jesus geboren ward, und aus der er niemals austrat, denn er war als Jude geboren, lebte als Jude und starb als Jude, wie es einem Prinzen vom Hause Davids geziemt — denn das war er doch, wie auch Sie mir zugeben müssen. In Ihren heiligen Büchern steht das deutlich so geschrieben, und wenn dem nicht so wäre, so fiele das ganze Gebäude Ihres Glaubens zusammen." „Wenn ich kein Vertrauen zu irgend einer Kirche hätte," sagte Tancred mit Eifer, „so würde ich vor Gott auf die Knie fallen und ihn, bitten, mich zu erleuchten, und ich hoffe," fügte er lebhafter hinzu, „daß die Bitte an den Allmächtigen gerade in diesem Lande nicht umsonst gerichtet sein wird." „Aber die göttliche Hilfe sollte erst dann angerufen werden, wenn der menschliche Verstand nicht mehr weiter kann," sagte das Mädchen. „Ich habe gelesen, daß Jesus ebensoviel Fragen gestellt als Wunder getan hat — und wer sich viel Fragen vorlegt, wird manches Rätsel lösen. Ich möchte Sie gerne etwas fragen: glauben Sie, daß wir heutigen Juden zur Strafe in alle Welt zerstreut sind und Verfolgung erleiden?" Tancred nickte sanft mit dem Kopfe. „Warum denn?" fragte die Dame. ,,Es ist eure Strafe für die Kreuzigung des M'essias und die Ablehnung seiner Lehre." „Wo steht das geschrieben?" „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder." *) „Die Verbrecher sagten das, nicht der Richter. Ist es in eurem Rechtsverfahren den Schuldigen 2) Matth. 27, 25. Uebers. Max Westfeld Düsseldorf. Porträt des Bildhauers J. gestattet, sich ihre eigene Strafe auszusuchen? Sie könnten doch noch eine weit schwerere verdient haben. Und warum sollten sie die Strafe für ihre Kinder erbeten haben? Welchen Beweis habt ihr dafür, daß die Vorsehung den Vorschlag angenommen hat? Davon steht doch nichts in euren heiligen Büchern. Da steht doch gerade das Gegenteil. Er, der nach eurem Glauben allmächtig ist, bat Jehova, ihnen wegen ihrer Unwissenheit zu vergeben. Aber gesetzt, daß der Vorschlag angenommen wurde — was meiner Meinung nach eine Blasphemie ist —, ist das Geschrei eines Janhagels bei Gelegenheit einer öffentlichen Hinrichtung maßgebend für eine ganze Nation? In der Provinz hatte Jesus doch um diese Zeit schon eine bedeutende Anhängerschaft — er hatte dort drei Jahre lang seine Lehre verkündet —. und hatte im ganzen guten Erfolg gehabt —, warum sollten diese Leute und ihre Kinder ebenfalls leiden? Aber Sie werden eiwenden, daß das Christen waren. Zugegeben. Wir waren aber ursprünglich eine Nation von zwölf Stämmen — zehn davon wurden lange vor Jesu in die Gefangenschaft geführt und über die mittelländische Welt und den ganzen Orient verstreut; von ihnen stammt wahrscheinlich die Mehrzahl der heutigen Juden ab; denn wir wissen, daß selbst zu Jesu Zeiten aus jeder römischen Provinz Juden nach Jerusalem zum Passahfest kamen. Was haben die mit der Kreuzigung oder der Ablehnung der Lehre Jesu zu tun gehabt?"

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