Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1914-05-01 · Heft 5 (Mai 1914) · p. Seite 351 - 352

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 5 (Mai 1914)
Article
Tancreds Pilgerfahrt
Date
1914-05-01
Page
Seite 351 - 352 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2584047-2584052-2596605--15555-2596658
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

351 Benjamin Disraeli: Tancreds Pilgerfahrt. 352 davon durch einen Ring gezogen werden kann. Die Beinkleider wurden unten um die Knöchel herum mittels rubinbesetzter Spangen festgehalten und fielen dann wieder in weiten Falten über die kleinen in Pantöffelchen steckenden Füße. Ueber der hellgelben Weste trug sie eine Pelisse von violetter Seide mit langen, hängenden Aermeln, die von Zeit zu Zeit einen Arm sehen ließen, der weit schöner als die ihn schmückenden Juwelen war; um die Taille herum war eine vielfarbige türkische Schärpe geschlungen, und das Ganze umhüllte noch ein äußerer Umhang, eine Pelisse von hellfarbigem Kaschmir, die innen mit weißem Fuchs gefüttert war. Auf dem Hinterkopfe trug sie eine Kappe, welche ganz verschieden von jenen griechischen und türkischen Kappen war, die wir mitunter in England sehen, und vielmehr Aehnlichkeit mit der Kopfbedeckung eines Mandarins hatte; sie war rund, flach, aus wenig nachgiebigem Material verfertigt, dazu derartig dicht mit Perlen bestickt, daß. es unmöglich war, die Farbe des darunter befindlichen Sammets zu entdecken. Unter der Kappe quollen zwei schwere Flechten dichten braunen Haares hervor, die den Boden berührt haben würden, wenn sie nicht auf halbem Wege von zwei schönen goldenen Spangen zurückgehalten worden wären — andere Spangen hielten seitwärts das reiche Haar, das sonst in das Gesicht gefallen wäre, sorgsam an den Schläfen fest. Ihr Gesicht stellte die orientalische Schönheit in höchster Vollkommenheit dar, eine Schönheit, wie sie einst im Garten Eden existiert haben muß, und wie sie gelegentlich heute noch bei den höheren Rassen eines südlichen Klimas gefunden wird, eine Schönheit, die der Welt für immer und im Ueberfluß erhalten geblieben worden wäre, wäre nicht die Dummheit und Bösartigkeit des Menschen der Weisheit und Güte Jehovas in den Weg getreten. Die Gesichtsform war oval, aber der Kopf war klein. Der Teint war weder hell noch dunkel, er wies die blendenden Farben des Nordens ohne seine Trockenheit, und jene Weichheit der von der Sonne mehr begünstigten Völker ohne seinen bekannten feuchten Schimmer auf. Eine reiche, gedämpfte, ebenmäßige Farbe war über das ganze Gesicht ausgegossen, dessen Haut so durchsichtig war, daß man selbst gelegentlich eine Vene zart und bescheiden hindurchschimmern sah. Aber vor allem verrieten das Auge und die darüber geschwungenen Augenbogen den orientalischen Ursprung des Mädchens und erinnerten Tancred an das glänzend gestirnte Himmelsgewölbe Arabiens. Sie waren schwarz und blitzten vor Feuer, ihre Pupillen waren weit und ihr Ausdruck würde etwas beunruhigend Faszinierendes gehabt haben, hatten nicht die langen sie beschattenden Augenwimpern, Wimpern, wie man sie nur in der Wüste zu finden pflegt, den bezaubernden Glanz gemildert und dem Blicke eine gewisse unbeschreibliche Sanftmut gegeben. Und wie immer, ward diese Himmclsgabe auch in diesem Falle durch eine edle Stirn noch mehr gehoben, und die Augenbrauen waren von unbeschreiblicher Feinheit und von einem so ebenmäßigen Schwünge, daß man sie hätte für gemalt halten können. Die Nase war klein, etwas gebogen, mit langen, ovalen, gut entwickelten Nasenflügeln. Der kleine Mund, die kurze Oberlippe, die weißen Zähne, das runde, ebenmäßige Kinn stimmten vollkommen zu, den kleinen, hübsch geformten Ohren und den feinen, mit mandelförmigen Nägeln versehenen Händen. So sah das Mädchen aus, dessen Tancred soeben ansichtig geworden war. Sie stand ihm gegenüber an der entgegengesetzten Seite des Springbrunnens und sah ihm mit einem gewissen neugierigen, aber nicht unfreundlichen Erstaunen ins Gesicht. Tancred war erst halb aufgestanden und noch auf seinen Arm gestützt, er wußte eigentlich nicht recht, was er sagen sollte, doch faßte er sich schließlich ein Herz und bemerkte: „Es täte mir leid, wenn ich gestört hätte." Die Dame setzte sich auf den Rand des Springbrunnenbassins, gab Tancred mit der Hand ein Zeichen, daß er nicht aufzustehen brauche, und erwiderte: „Wir sind so nahe an der WTüste, daß Sie unsere Gastfreundschaft ruhig in Anspruch nehmen können.4' „Ich habe das erstemal in meinem Leben einen Palmenbaum gesehen, und der hat mich verleitet, näherzutreten, und dann setzte ich mich an diesen Springbrunnen, und ich weiß nicht wie —" „Unsere syrische Sonne ist daran schuld," sagte die Dame. „Sie hat schon manchem übel mitgespielt, aber ich hoffe, sie wird es mit Ihnen gnädiger machen. Ich ging mit meinen Dienerinnen im Garten spazieren, und wir bemerkten Sie und deckten Ihnen den Kopf zu. Wenn Sie bei uns bleiben wollen, sollten Sie einen Turban tragen lernen." „Dieser Garten ist das reine Paradies," sagte Tancred. „Ich hätte nie geglaubt, daßsich inmitten dieser fürchterlichen Berge solch ein entzückendes Fleckchen Erde finden würde. Es ist ein Plätzchen, wie es zu Bethanien paßt." „Ihr Franken liebt also Bethanien?4' „Natürlich — es ist ein Ort, der unserem Andenken teuer ist." „Bitte, gehören Sie zu den Franken, die zu einer Jüdin beten oder zu jenen, die sie beschimpfen, ihre Bilder zerbrechen und ihre Statuen umwerfen?4' „Ich verehre die MuUVr Gottes, obwohl ich sie nicht anbete," sagte Tancred mit sanfter Stimme. „Ah, die Mutter Jesu!44 sagte sein Gegenüber. „Dann ist er also Ihr Gott. Er hat: sich oftmals in diesem Dorfe aufgehalten. Er war ein großer Mann, aber er war ein Jude — Und Sie beten zu ihm." „Und Sie nicht?44 fragte Tancred und sah dabei mit prüfendem Blicke und nicht ohne dabei zu erröten, auf. „Manchmal kommt es mir in den Sinn, ebenfalls zu ihm zu beten," sagte die Dame, „denn ich bin von seiner Kasse, und man sollte stets zu seiner Rasse halten.4' „Dann sind Sie also eine Jüdin?" „Ich bin von demselben Stamme wie Maria, die Sie wohl verehren, aber nicht anbeten.4' „Sie haben mir eben gesagt," fuhr Tancred nach einer Pause fort, „daß Sie mitunter die Empfindung hätten, als sollten Sie ebenfalls zu unserm Herrn und Heiland beten. Er hat gerade hier in Bethanien viele Leute bekehrt und hier einige seiner besten Jünger gefunden. Schade, daß Sie seine Lebensgeschichte nicht gelesen haben."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.